»Verbannt und verloren waren daheim.«

Unter dem Buchtitel »Gelegenheiten« sind jetzt Aufsätze und Gespräche, Reden und Rezensionen des Kölner Schriftstellers und Georg-Büchner-Preisträgers Jürgen Becker erschienen.[1] Viele Texte waren in Zeitungen, Zeitschriften oder Sammelverbänden veröffentlicht, die nur schwer auffindbar sind. Einige sind auch vergriffen oder bisher unveröffentlicht. Unter den Reden findet sich die auf Hans Mayer als 1. Preisträger des »Heinrich-Böll-Preises« der Stadt Köln.

Die gebürtigen Kölner kannten sich seit der Tagung der »Gruppe 47« 1960 in Aschaffenburg. Bei weiteren Treffen z.B. 1964 in Stockholm lernte man sich näher kennen. Tauschte – trotz zeitlicher Distanz im Alter – Erinnerungen an die Heimatstadt aus und stellte Gemeinsamkeiten fest. Die erste heftige Kritik Hans Mayers an Jürgen Becker hat dem positiven Verstehen beider nicht geschadet. Als Becker 1966 in Princeton auf dem „elektrischen Stuhl“ der »Gruppe 47« saß, gab es Verrisse zu seinem Text. „Mißlungen“ sagte Mayer und auch Jens, Enzensberger und Grass äußerten sich negativ.[2]

Am 16.12.1980 hat Jürgen Becker die Laudatio auf Hans Mayer zur Verleihung des »Heinrich-Böll-Preises« gehalten.[3] In ihr nahm er auch Bezug auf die damalige Kritik Mayers: „Gefühlszusammenhänge, sie hinderten den Literaturkritiker Hans Mayer nicht, ein schonungsloser Kritiker zu sein, zwei Jahre später in Princeton, Gruppe 47. Becker las Allerneuestes, Mayer fand das einfach schlecht. Im Jahr darauf lud er den Verrissenen zu seinen Studenten nach Hannover ein; sein amerikanisches Urteil revidierte er öffentlich; ich verstand gar nicht, warum: der Text war wirklich mißlungen gewesen; ich verstand nur eines, Dialektik.“[4]

Deutlich stellt Becker heraus, was man von Mayer lernen kann. Auch und gerade über Autoren wie Büchner und Goethe, Brecht und Thomas Mann, Musil und Hofmannsthal oder Paul Celan und Gottfried Benn, die einem bekannt sind. Becker: „Wir glauben, sie zu kennen, aber indem wir lesen, wie Hans Mayer sie begreift, begreifen wir die Realität von Gegensätzen, von Kämpfen; begreifen wir den Schmerz, der in die Künstlichkeit der Werke eingegangen ist und sie zu Realien gemacht hat, zu realen Zeugen der historischen Verläufe, als deren Produkte Existenzen entstehen, was für Existenzen. Immer solche, die ihre Menschlichkeit zu retten suchten, im Widerstand, in Anpassung, hinter der starren Maske der Unmenschlichkeit, im Scheitern.“[5]

Wer Beckers Rede liest, lernt und versteht viel über das Schreiben und Literaturverständnis von Hans Mayer. Es lohnt, das neu zu lesen oder wieder zu lesen. Spannend und interessant auch viele der anderen Texte Beckers aus dem neuen Buch »Gelegenheiten«. Große Nähe der beiden in der Interpretation von Uwe Johnson. Verwandtes über Celan oder Peter Weiss. Klug auch der Bezug Beckers zu einem Gedicht Paul Celans in Bezug auf eine Postkarte aus Köln an Hans Mayer: »Verbannt und verloren waren daheim.«

Zu loben ist die Herausgeberin der Texte, Dr. Gabriele Ewenz, Leiterin des Heinrich-Böll-Archivs und des Literatur-in-Köln-Archivs. In Zusammenarbeit mit dem Autor ist ihr eine vorzügliche Auswahl der Texte gelungen, die nicht nur die Vielfältigkeit der Schriften des Autors widerspiegelt, sondern auch einen guten Überblick über relevante Literatur und Kunst der 50er bis 90er Jahre gibt.

[1] Jürgen Becker, Gelegenheiten, Aufsätze und Gespräche, Reden und Rezensionen, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Gabriele Ewenz, Berlin 2018

[2] Magenau, Princeton 66, S. 104

[3] Erschienen ist diese Rede seinerzeit im LiK Band 18, der inzwischen vergriffen ist. Im Archiv Literatur in Köln werden in der Schriftenreihe Texte gesammelt.

[4] Jürgen Becker, Gelegenheiten, S. 287

[5] Ebenda, S. 289

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