»Das Werk lobt den Meister«

Zum 175. Geburtstag Franz Mehrings und seine »Lessing-Legende«

Gründe für die Neuausgabe dieses Buches sind: „Die Ehrfurcht vor dem Andenken eines großen und zeitgemäßen Historikers; die Unzugänglichkeit gerade dieses Werkes infolge der Zeitumstände; die besondere Aktualität eben dieses Buches von der «Lessing-Legende» in eben diesem Augenblick.“[1] Mit diesen Worten begründet der Herausgeber Hans Mayer im Jahr 1946 die neue und revidierte Ausgabe des Buches von Franz Mehring im Mundus-Verlag Basel.

Die 1946 von Hans Mayer herausgegebene Lessing-Legende
Die 1946 von Hans Mayer herausgegebene Lessing-Legende

Der noch im Züricher Exil lebende Hans Mayer fährt fort: „Die Aktualität dieser Mehring-Schrift ergibt sich schon daraus, daß sie gleichsam den Schnittpunkt einer Reihe höchst gegenwärtiger Themen darstellt. Stärker denn je fragt sich die Welt nach den Ursachen einer immer wieder neue hervorbrechenden zynischen Rechtsfeindschaft und Eroberungsgier, deren Ahnentafel durch die Namen des Königs Fridericus, Bismarcks, Ludendorffs und Hitlers dargestellt zu sein scheint. Das Wesen dieses Fridericus-Staates mit den Augen und den unbestechlichen Kenntnissen eines Mehring zu betrachten, ist daher eine wesentliche Aufgabe unserer Zeit.“[2]

Franz Mehring wurde am 27. Februar 1846 als Sohn eines ehemaligen Offiziers und höheren Steuerbeamten und dessen Frau Henriette, geboren. Er studierte klassische Philologie in Leipzig und wurde 1882 an der Universität Leipzig über das Thema „Die deutsche Sozialdemokratie. Ihre Geschichte und ihre Lehre“ promoviert. Er arbeitete als Journalist bei verschiedenen Zeitungen und war zwischen den Jahren 1890 und 1918 der wichtigste marxistische Kulturkritiker und Historiker. 1891 trat Mehring der Sozialdemokratischen Partei bei und wurde einer ihrer wichtigsten Publizisten und Theoretiker auf dem linken Flügel.

Nach einer sehr gelobten Serie in der »Neuen Zeit« erschien die Buchausgabe der »Lessing-Legende« in erweiterter Buchfassung 1893 in erster und 1906 in zweiter Auflage mit dem Untertitel „Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur“. Gewidmet war das Buch „seiner lieben Frau Eva Mehring der treuen Gefährtin in Arbeit und Kampf.“

Nach dem Tod Mehrings am 29. Januar 1919 in Berlin (nur wenige Tage nach der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs) waren dessen Hauptwerke über die »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie«, die »Marx-Biographie« und auch die »Lessing-Legende« noch gut greifbar. Einer neuen Auflage der »Lessing-Legende« in der Ende der zwanziger Jahre begonnen neuen Gesamtausgabe der Werke Mehrings in der Soziologischen Verlagsanstalt mit Einleitungen von August Thalheimer und begleitet von Eduard Fuchs auf der Basis neuer marxistischer Forschungen, stellten sich die alten sozialdemokratischen Herausgeber entgegen. Nach der Zeit des Nazifaschismus und dem zweiten Weltkrieg herrschte somit Tabula rasa. Für Mayer also ein wesentlicher weiterer Grund für die Herausgabe der »Lessing-Legende«. Entschlackt allerdings von allen Auseinandersetzungen die Mehring in seiner 1. und 2. Buchausgabe mit zeitgenössischen Historikern und Literaturhistorikern geführt hatte. [3]

In wenigen kurzen Charakterisierungen bringt Mayer die wesentlichen Aspekte der »Lessing-Legende« in der Einleitung auf den Punkt. Wie alle Legenden, zerfällt sie in kleinere Geschichtsfälschungen, aus denen dann der Mythos, der später «geglaubte» Gemeinplatz wird. Die eigentliche Lessinglegende hat drei besondere Legendenelemente – und Mehring legt sie meisterhaft auseinander. Da ist einmal die «Fredericus-Legende». … Mit Vorliebe arbeitet sie mit dem Wort vom «aufgeklärten Despotismus» des Preußenkönigs, wonach dieser Monarch seine von den Zeitgenossen als fast unerträglich empfundene Tyrannei und Willkür nicht zum Zwecke der eigenen Macht- und Herrschaftsziele ausgeübt hätte, sondern aus königlich-verkleideter Freigeisterei und Humanität. Friedrich wird … zu einer Art von gekröntem Humanisten und Freigeist, zu einer Art Lessing aus dem Hause Hohenzollern, der …insgeheim die bürgerlichen Emanzipations- und Freiheitsziele vertreten habe.
Auf der Gegenseite entspricht dem die Kennzeichnung Lessings als eines anerkannten und erfolgreichen Vertreters der deutschen bürgerlichen Ideale und Interessen, denen gerade jene Schichten, deren Ziele hier ausgesprochen wurden, von Anfang an willig und begeistert Gefolgschaft geleistet hätten.
Und aus beiden entsteht nun die dritte, die eigentliche Lessing-Legende: Friedrich und Lessing, der aufgeklärte bürgerliche Monarch und der patriotisch-preußische bürgerliche Schriftsteller hätten einander gesucht und gefunden. Der Preußenstaat Friedrichs II. als die Tat zu eines Lessings Gedanken! Aus einem sächsischen Untertan sei Lessing zum Verherrlicher dieses preußischen Staates und seines Königs geworden. Der Staat von Sanssouci als erste Form eines bürgerlich-emanzipierten Staates in Deutschland – und Lessing als sein Prophet!“[4]

Ein Band zur Literatur aus der Gesamtausgabe der 20ger Jahre
Ein Band zur Literatur aus der Gesamtausgabe der 20ger Jahre

Ist einerseits also der „preußischen Despotismus“ in der Linie von König Fridericus bis Hitler an Mehrings Werk zu studieren, dient es andererseits in Bezug auf die Gegenwart zur Analyse des „unerklärlichen geistigen Absturz des deutschen bürgerlichen Humanismus, der bei Lessing sich wiederzuerkennen behauptete, auf den Geist von Weimar sich zu berufen pflegte – um in Weimars Nähe, in Buchenwald, zu landen. Was aber taugt eine Geschichtswissenschaft, die nicht diesen Verrat der bürgerlichen Schichten an Lessing und am gesamten großen Kulturerbe nicht zu erklären vermöchte!“[5]

Über Mehrings Analyse hinaus bleibt für Mayer dann noch die Frage nach der Funktion und dem Sinn dieser Legendenbildung. Wenn quasi durch Generationen von Gelehrten an dieser Legende gestrickt wird müsse damit eine „bestimmte geschichtlich-historische Aufgabenstellung“ verbunden sein. Es sind die Wurzeln der deutschen «Misere», die Friedrich Engels darin konstatiert, dass „die wirtschaftlich- politische Zusammenarbeit zwischen der deutschen Bourgeoisie des Kaiserreichs und dessen militärisch-feudalen Trägern“ der Grund des Übels ist; verbunden mit dem Machtverzicht des Bürgertums auf die politische Leitung des Staates.

In einem Brief vom 14. Juli 1993 aus London lobt Friedrich Engels das Werk Mehrings nachdrücklich: „Im übrigen kann ich von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der „N[euen] Z[eit]“ erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja ich kann wohl sagen, die einzig gute, die in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge ent­wickelnde. Man bedauert nur, daß Sie nicht auch gleich die ganze Weiter­entwicklung bis auf Bismarck haben mit hineinnehmen können, und hofft unwillkürlich, daß Sie dies ein andermal tun und das Gesamtbild im Zu­sammenhang darstellen werden vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm bis zum alten Wilhelm.“[6]

Die »Lessing-Legende« als eine der wichtigsten Schriften Mehrings findet – außer als Literaturhinweis – in dem einschlägigen Wikipedia-Eintrag keine Beachtung. Ein längerer Abschnitt widmet sich aber dem Verhältnis Mehrings zum Judentum. Die Mehrheit der angeführten Autoren, wie Micha Brumlik, Robert S. Wistrich und Shlomo Na’aman kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Waagschalen trotz mehrfacher einzelner Zitate, die auch Götz Aly anführt, nicht als anitisemitische Haltung Mehrings interpretiert werden können. Im Jahr der 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland könnte es interessant sein, diesen Sachverhalt auch in Bezug auf Mehrings Position zu Lessing und seinem »Nathan« näher zu betrachten. Mehrings Beitrag dazu endet mit einem Wort Herders zu Lessing: Ich sage Ihnen kein Wort Lob über das Stück; das Werk lobt den Meister.“

[1] Franz Mehring „Die Lessing Legende“ – neu und revidiert herausgegeben von Hans Mayer, Basel 1946, S. 13
[2] A.a.O., S. 17
[3] In der 1975 und dann in den Folgejahren in der DDR herausgegebenen Ausgabe der »Lessing-Legende« als Band 9 der Gesammelten Schriften findet sich auch ein Hinweis auf die 3. Baseler Buchausgabe Hans Mayers in gekürzter Fassung.
[4] A.a.O., S. 15f
[5] A.a.O., S. 18f
[6] Der Brief, der sich auch mit weiteren inhaltlichen Fragen beschäftigt, findet sich in MEW Band 39, Dietz-Verlag Berlin, 1968 S. 96-101

Die Kunst, einen Roman zu schreiben

Zum 70. Todestag von André Gide

Mit seinem Drang zu einer bedingungslosen Individualität und seinem Einzelgängertum war André Gide (*22. November 1869 in Paris 19. Februar 1951 in Paris) ein Außenseiter und passte somit als literarisches Beispiel neben Oscar Wilde vorzüglich in Hans Mayers gleichnamiges Buch Die Außenseiter (1975). Zuerst vergleicht Mayer Gides Falschmünzer (1925) mit Das Bildnis von Dorian Gray (1890), die einzigen Romane der beiden Schriftsteller. Beide Romane enthalten einen „geheimen Satanismus … der zwar als Kunstmittel eingesetzt wurde, ohne doch in solcher ästhetischen Funktion ganz aufzugehen. “ (Außenseiter, S. 267) Im Folgenden fällt die Präzision auf, mit der Mayer die Figurenkonstellation in den Falschmünzern präsentiert und zeigt damit eine Literaturkritik, die sich auf eine sehr genaue Lektüre des Textes stützt. Es ist eine männlich geprägte junge Welt: „Alle Erwachsenen haben allein die Funktion zu stören.“ (Außenseiter, S. 270). Wie die Älteren so stören hier die Frauen. Sie werden gehaßt oder verachtet. (Außenseiter, S. 270)

DIe Kirche von Cuverville
Die Kirche von Cuverville

Les Faux monnayeurs (Die Falschmünzer, 1928) erscheint 1925. Wie Gide dies selbst betonte, sein erster Roman. In ihm setzt sich der Romancier Édouard daran, einen Roman zu verfassen. Es geht um die Epik des Romans, die verschiedenen Stationen seines Entstehens, denen eine Aufmerksamkeit gewidmet wird, die das eigentliche Werk übersteigt. Die Ereignisse und die Figuren treten dabei in den Hintergrund, denn Edouard versucht für sich und den Roman die Realitäten zu ordnen, was er in seinem Journal d’Édouard, aus dem immer wieder Abschnitte in den Falschmünzern erscheinen, festhält: „Für mich gibt es nur eine poetische (Und dieses Wort gebe ich in seiner umfassenden Bedeutung hier wieder) Existenz, um schon mal nur mit mir anzufangen. Es scheint mir manchmal, dass ich nicht wirklich existiere, aber ich stelle mir einfach nur vor, dass ich bin.“ (Les Faux monnayeurs, 1925, S. 73, übers. v. H.W) Wie ihn als Hauptperson gibt es im Roman weitere Personen wie Bernard Profitendieu oder Lucien Bercail, die sich auch über den Wert ästhetischer Betrachtungen aus ihrem Milieu lösen möchten. Später notiert Édouard in seinem Tagebuch: „Ich beginne das zu begreifen, was ich das eigentliche Thema‘ meines Buches nenne, das wird, ganz ohne Zweifel, die Rivalität zwischen dem realen Leben und der Vorstellung sein, die wir uns von ihr machen.“ (Les Faux monnayeurs, 1925, S. 201, übers. v. H.W) In einem gewissen Sinne dokumentieren die Falschmünzer Gides eigene Überlegungen zur Gattung des Romans oder überhaupt einer auch zu einer Episode in diesem Roman, in der es wirklich um Falschgeld geht.

Das Grab von André Gide und seiner Frau Madeleine auf  dem Friedhof von Cuverville

Für Mayer gehören die Falschmünzer zum Genre des homosexuellen Romans mit seinem „parasitären Kosmos“ (S, 271). Der Gegensatz zwischen Edouard und Passavant steht im Zentrum ihres Kampfes um den jungen Olivier. Edouard obsiegt und gewinnt Olivier: „eine Lustspielwelt ohne Frauen.“ (S. 272) Es gibt auch Mayers Blick auf die Biographie Gides und er erinnert an den geliebten Marc Allégret, der Olivier in seinem Leben war., Der Beleg ist Gides Tagebucheintrag vom 8. Dezember 1917, in dem er seiner immensen Enttäuschung Ausdruck verlieh, dass M. bei [Jean] C.[octeau] gewesen sei.

Es ist nicht nur die besondere Gattung des Romans, die Mayer skizziert, sondern der Einblick, den er uns in die so präzise Konstruktion und Entstehung des modernen Romans vermittelt. Sie sollte uns dazu anregen, Gide wieder zu lesen.

Gide stammte aus einer protestantischen bürgerlichen Familie. Sein Vater stirbt 1880. Gide wächst fast ausschließlich unter Frauen auf. 1891 erschienen seine Erstlingswerke Les Cahiers d’André Walter (Die Aufzeichnungen und Gedichte des André Walter, 1969) und Voyage d’Urien (Die Reise Urians, 1991). Ab 1891 ist er zu Gast bei den Dienstagsabenden Stéphane Mallarmés im Kreis der Symbolisten, deren Einfluss in Gides Gesamtwerk zu erkennen ist. 1893-1895 reist er nach Nordafrika, entdeckt dort für sich eine Gefühlswelt ohne Grenzen und hat, wie man heute sagt, sein Coming-out, das er in L’immoraliste, 1902 (Der Immoralist, 1905) bestätigt, wenn auch auf eine eher diskrete Weise, bevor er wieder ausführlicher in Corydon, 1924, (dt. 1932) explizit darauf zurückkommt. 1895 heiratet er Madeleine Rondeaux (1867–1938) seine Cousine, mit der er eine nach außen erscheinende förmlich-bürgerliche Ehe führt. Im gleichen Jahr erscheint Paludes. Zwei Jahre später Nourritures terrrestres und Les nouvelles nourritures, (Uns nährt die Erde, 1930, Die Früchte der Erde, 1935, Neue Früchte der Erde, 1999). Es wird das Kultbuch einer ganzen Generation: alle Sinnesempfindungen werden in einer exaltierten Weise dargestellt: einem jungen Schüler, Nathanaël, wird die Befreiung von allem gelehrt: „Nathanël, ich lehre Dich die Inbrunst.“ (S. 21)

Mit Jacques Copeau, Jacques Rivière und Jean Schlumberger gründet Gide 1908 die Nouvelle revue française. Mit La porte étroite, 1909 (Die enge Pforte, 1909) und Isabelle, 1911, beginnt sein Durchbruch. 1914 veröffentlicht Gide die Sotie (Narrenspiel) Les caves du Vatican (Die Verliese des Vatican, 1922) mit der berühmten Passage des Acte gratuit, als der Protagonist Lafcadio seinen Mitreisenden Amédé Fleurissoire auf einer Brücke aus dem Zug wirft. La Symphonie pastorale, 1919 (Die Pastoralsymphonie, 1925) zählt zu seinen besonderen Erfolgen, gehört der Band doch zu den Erzählungen, die sein Werk besonders gut charakterisieren.

Dem Studium der Menschen galt immer sein besonderes Interesse, insoweit folgt er seinem Vorbild Montaigne und dessen Individualismus: Essais sur Montaigne, 1929 und Les pages immortelles de Montaigne. Choisies et expliquées par André Gide, 1946, (Denken mit Michel de Montaigne: Eine Auswahl aus den Essais, vorgestellt von Andre Gide, aus dem Französischen und mit einem Nachwort von H. Helbling, 2005) Das Thema »individueller Freiheit« wird sein ganzes weiteres Werk bestimmen. Eine Autobiographie Si le grain ne meurt (1924) wird 1930 unter dem Titel Stirb und werde übersetzt. Ab 1889 führte Gide sein berühmtes lebenslanges Tagebuch: Journal intime, 1952, (Intimes Tagebuch, 1952), mit dem er das Entstehen seiner Werke begleitet und immer wieder auf sein Hauptthema zurückkommt, der Mensch habe sich so zu akzeptieren, wie er sei: Schon 1897 schreibt in er den Nouvelles nourritures terrestres: „Ich mag nichts, was den Menschen herabsetzt; nichts, was dazu neigt, ihn weniger weise, weniger selbstbewusst oder weniger reaktionsschnell zu machen. Denn ich akzeptiere nicht, dass Weisheit immer von Langsamkeit und Misstrauen begleitet wird. Das ist auch der Grund, warum ich glaube, dass in einem Kind oft mehr Weisheit steckt, als in einem alten Mann.“ (Les nouvelles nourritures, in: Les nourritures terrestres, 1917-1936, S. 230, übers. v. H.W.)

Gide wollte sich und seine Leser von allen Zwängen, von jedem Anspruch moralischer Art befreien. Keine überkommene Konvention sollte gelten. Ihm ging es um das authentische Ich. Seine Kritik ist fundamental, für ihn zählt in erster Linie das Individuum. Gide vereinigt in seinem Werk alle Stilgattungen: Dichtung, Roman, Erzählungen, Theaterstücke, Essays, Soties und Zeitungsartikel. Seine vielen Reisen machten ihn international bekannt. 1947 erhält der den Nobel-Preis für Literatur.

In Was ist Literatur? (1947) zitiert Sartre Die Früchte der Erde als ein Beispiel für die Geisteswerke, die in sich das Bild des Lesers tragen, für den sie bestimmt seien. In diesem Sinne könne er, so Sartre, nach der Lektüre ein Porträt Nathanëls anfertigen und der Entfremdung, von der sich lösen solle. Die einzige Gefahr, in die er gerate, sei die, sich von seinem Milieu nicht lösen zu können.

Auch wenn Gide nach eigenem Ermessen nur einen Roman verfasst hat, der zudem auch noch das mögliche Scheitern dieser Gattung berichtet, so gilt sein Gesamtwerk doch den Überlegungen, wie die Mittel der Ästhetik und der Epik die Kunst bestimmen, einen Roman zu schreiben Damit verbunden ist die Suche nach dem Individuum, seiner Autonomie, die als Thema das Gesamtwerk Gides kennzeichnet, der stets nach den Werten forscht, die das Leben ausmachen und bestimmen.

Nicht unbegründet stellt Hans Mayer in einem Beitrag für »Die Zeit« vom 28. März 1980 deshalb heraus, dass es durchaus sinnvoll sei, das Tagebuch („Journal“) des Autobiographen Gide in die berühmte Liste der Hundert Bücher aufzunehmen.

Fotos: © Heinrich Bleicher

Heinrich Heines ‚Poetik des Trommelns‘

Mit großer Freude veröffentlichen wir zum 165. Todestag Heinrich Heines am
17. Februar einen Beitrag von Prof. em. Leo Kreutzer. Er war Assistent und Nachfolger von Hans Mayer auf dem Lehrstuhl für neuere und neueste deutsche Literatur der Universität Hannover.

Wie aus Heinrich Heine ‚mein afrikanischer Heine‘ wurde und ich ihn nicht länger mit Hans Mayer als Schriftsteller ‚ganz ohne Tradition‘ las

Von Heinrich Heine habe ich in meinem Leseleben zwei Mal (fast) alles gelesen. Aus einer ersten Lektüre entstand 1970 Heine und der Kommunismus.[1] Mit dieser Studie habe ich seinerzeit in aller Kürze dargelegt, dass Heine, wenn er am Ende seines Lebens von ‚Kommunismus‘ spricht und bekundet, dass er ihn fürchte, das kunst- und wissenschaftsfeindliche Programm des Neo-Babouvismus meine, einer ‚frühsozialistischen‘ Bewegung, die in den 1830er und 1840er Jahren an die ‚Verschwörung der Gleichen‘ des nach dem Sturz Robespierres 1797 hingerichteten Gracchus Babeuf anknüpfte. Von ihren Bestrebungen und Zielen hatte Heine Kenntnis erlangt, als er, nach seiner Übersiedelung nach Paris, als Korrespondent der ‚Augsburger Allgemeinen Zeitung‘ auch die Pariser Arbeiter-Vorstädte erkundete.

Heines Grab auf dem Friedhof Montmartre in Paris (Foto: HB)

Seit den frühen 1980er Jahren regelmäßig Gast an Universitäten im subsaharischen Afrika, begann ich mich im Zuge einer Beschäftigung mit afrikanischen Literaturen mit einer gesellschaftlichen und kulturellen Oralität vertraut zu machen. Als ich dann für ein Buch zu seinem 200. Geburtstag noch einmal (fast) alles von Heine las, blieb ich zu meinem nicht geringen Erstaunen auf Schritt und Tritt an Spuren einer erlebten und erinnerten ‚volkspoetischen‘ Oralität hängen, über die ich bei meiner ersten Lektüre hinweggelesen hatte. Das erklärte sich mir dadurch, dass Hans Mayer in einem für mich seinerzeit kanonischen Essay eine „Ausnahmestellung“ Heines damit begründet hatte, dieser sei „als Schriftsteller, vor allem am Beginn seiner Laufbahn, ganz ohne Tradition“ gewesen; die ‚Geister der Vergangenheit‘ einer ‚Volkspoesie‘ gehörten für Hans Mayer nicht zur Tradition einer bürgerlichen Literatur in Deutschland von Lessing bis Thomas Mann.[2]

Aber nun diese durch Erfahrungen mit afrikanischen Gegebenheiten und Literaturen veränderte Wahrnehmung: Von Beginn an und dann lebenslang stellt Heine sich gern als jemand dar, der sich in seiner Jugend in verschiedenen Milieus einer vielgestaltigen mündlichen Überlieferung herumgetrieben und es verstanden habe, ihren Hüterinnen ‚die Zunge zu lösen‘: älteren Frauen, Ammen, die ihm Volksmärchen erzählt, und jungen Mädchen, die für ihn Volkslieder gesungen hätten. Märchen und Lieder „aus alten Zeiten“ kommen ihm seither „nicht aus dem Sinn“.

Als ich Heine beim Wiederlesen im Lichte afrikanischer Gegebenheiten und Literaturen und damit gleichsam ‚doppeltblickend‘ las, fiel mir aber noch etwas anderes auf. Einen ähnlichen Zauber wie eine volkspoetisch-mündliche Überlieferung hat nach Heines eigenem Bekunden auf den Düsseldorfer Pennäler das Trommeln des den napoleonischen Truppen voranschreitenden ‚Tambourmajors‘ ausgeübt. Wenn er im Buch Le Grand schildert, wie der Düsseldorfer Hofgarten für ihn zur ‚Schule‘ des Tambourmajors Le Grand wurde, dann inszeniert Heine sich als dessen Schüler gerade so wie bei seinen Erinnerungen an seine ästhetische Erziehung durch volkspoetische Erzählungen und Lieder. „Ich spreche“, so Heine 1826 in seinem ‚Reisebild‘ Ideen. Das Buch Le Grand, „vom Hofgarten zu Düsseldorf, wo ich oft auf dem Rasen lag, und andächtig zuhörte, wenn mir Monsieur Le Grand von den Kriegstaten des großen Kaisers erzählte, und dabei die Märsche schlug, die während jener Taten getrommelt worden, so daß ich alles lebendig sah und hörte.“[3]

In der Art und Weise, wie Heine sich als Zuhörer des Tambourmajors Le Grand porträtiert, verbinden sich seine Wertschätzung der deutschen Volkspoesie und sein durch Errungenschaften der Französischen Revolution geprägtes Verständnis von politischer Agitation. Vereinbar, sowohl politisch als auch ‚interkulturell‘, sind sie für ihn, weil er an einer deutschen Volkspoesie nicht aus ‚Deutschtümelei‘ festhält und ihr, anders als ein von ihm in Vielem geteiltes ‚progressives Denken‘ seiner Zeit, ein subversives Potential zuschreibt. Aber ihre – wie der sagenumwobene Kaiser Rotbart im Kyffhäuser – schlafende Widersetzlichkeit entspricht nicht mehr einem Politik-Verständnis, wie es für Heine seit der Französischen Revolution unhintergehbar ist. So muss die volkspoetische Überlieferung im Sinne einer neuen Vorstellung von politisch wirksamer Poesie modernisiert werden. Heine bewerkstelligt das, indem er volkspoetische Überlieferung und politische Agitation durch eine Poetik des Trommelns miteinander verbindet.

 Was einen ‚guten Tambour‘ ausmache und dass er ein solcher sei, das hat Heine mit seinem Gedicht Doktrin[4] demonstriert. Bei dem 3strophigen ‚Zeitgedicht‘ aus dem Jahre 1844 handelt es sich um ein poetisches Manifest der Modernisierung der volkspoetischen Tradition durch ein zeitgenössisches Denken. Zur Schule eines furchtlosen Trommelschlagens im Sinne einer ‚Poetik des Trommelns‘ erklärt es die Bücher und die Wissenschaft, und dabei hebt es ausdrücklich die jüngste philosophische Schule hervor. Dass das im Volksliedton geschieht, wird im letzten ‚Caput‘ des etwa gleichzeitig entstandenen Versepos Atta Troll so begründet: Er, Heinrich Heine, lasse „moderne Triller gaukeln durch den alten Grundton“.[5]

Leo Kreutzer

Doktrin

Schlage die Trommel und fürchte dich nicht.
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.

Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.

Das ist die Hegelsche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab´ sie begriffen, weil ich gescheit,
Und weil ich ein guter Tambour bin.

[1]     Leo Kreutzer, Heinrich Heine und der Kommunismus, Göttingen 1970
[2]     Hans Mayer: Die Ausnahme Heinrich Heine, in ders.: Von Lessing bis Thomas Mann. Wandlungen der bürgerlichen Literatur in Deutschland. Pfullingen 1959. S. 273-296, das Zitat S. 275 („ganz ohne Tradition“ i. O. kursiv); vgl.  Leo Kreutzer: Träumen Tanzen Trommeln. Heinrich Heines Zukunft. Frankfurt a.M. 1997
[3]  Heinrich Heine: Ideen. Das Buch Le Grand, in ders.: Sämtliche Schriften in zwölf Bänden. Hg. v. Klaus Briegleb. Bd. 3: Schriften 1822-1831. München Wien 1976, S. 245-308, das Zitat S. 274. Aber die Trommel des napoleonischen Tambourmajors ’spricht‘ nicht nur, dessen Trommeln vermittelt seinem jugendlichen Zuhörer nicht weniger als den ‚Geist‘ der (französischen) Sprache, insbesondere solcher Wörter wie ‚liberté‘ und ‚égalité‘: „Man muß den Geist der Sprache kennen, und diesen lernt man am besten durch Trommeln.“ (ebd. S. 270f.)
[4] Heinrich Heine: Zeitgedichte, in ders.: Sämtliche Schriften in zwölf Bänden. Hg. v. Klaus Briegleb. Bd. 7: Schriften 1837-1844. München Wien 1976, S.412
[5] Heinrich Heine: AttaTroll, in ders.: Sämtliche Schriften in zwölf Bänden. Hg. v. Klaus Briegleb. Bd. 7: Schriften 1837-1844. München Wien 1976, S. 570

Buchrezensionen und die Literatur in WDR3

Brief an Tom Buhrow, Intendant des WDR.

Sehr geehrter Herr Buhrow,

in schon etwas zurückliegenden Zeiten gehörte ich – als Bereichsleiter Kunst und Kultur der ver.di sowie als Bundesgeschäftsführer des Schriftstellerverbandes (VS) – zu einem Kreis, mit dem Sie in kulturpolitischen Fragen in kontinuierlichen Kontakt standen. Gern haben wir kulturpolitische Anliegen und Initiativen des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks unterstützt und auf Wunsch auch eine Empfehlung oder einen Ratschlag gegeben, der dem Kulturauftrag des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks förderlich schien.

Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Mit Betroffenheit und Unverständnis muss ich die deklarierten Entscheidungen zu den Streichungen im Kulturprogramm, über die die Presse heute berichtete, zur Kenntnis nehmen. Wie kann man entgegen dem eigenen Verständnis und Auftrag an den Ästen sägen, die wesentlich zur Existenzberechtigung der Öffentlich-Rechtlichen beitragen?

Auf der WDR-Homepage heißt es:
„Wer nach neuen Büchern Ausschau hält, braucht Orientierung im Literatur-Dschungel – wir geben sie! In unseren WDR 3 Büchersendungen nehmen wir Bestseller und Geheimtipps unter die Lupe und empfehlen, welche Neuerscheinung Leser verdient.
Literatur nimmt bei WDR 3 einen großen Platz ein – von montags bis samstags in der Buchrezension von WDR 3 Mosaik. Wir legen Ihnen lesenswerte neue Bücher ans Herz und entdecken gemeinsam Geheimtipps und Klassiker der Weltliteratur neu.“

Der Buchmarkt ist tatsächlich durch eine große Zahl von Neuerscheinungen zu einem „Dschungel“ geworden, in dem selbst versierte Leserinnen und Leser den Überblick verlieren können. Das Leseverhalten ist in der Krise angewachsen. Auch insoweit ist eine Auswahl und Orientierung und Orientierung durch die Medien eine herausragende Aufgabe. Dieser professionelle kulturpolitische Auftrag ist im Rundfunkstaatsvertrag festgelegt. Eine feste Fixierung im Programm für die Orientierung der Hörer und Zuschauerinnen ist trotz aller technischen Suchmöglichkeiten notwendig.

Neben dem Wegfall der Buchrezensionen steht wohl auch die Streichung des „Gedichts“ auf dem Programm. Als ehemaliger Studioleiter des ARD Studios in Washington. D.C. haben Sie doch sicher den phänomenalen Auftritt der jungen Dichterin Amanda Gorman erlebt, die mit ihrem Gedicht „The hill we climb“ größere Aufmerksamkeit und Zuspruch gefunden hat, als die beiden weltbekannten Sängerinnen Lady Gaga und Jenifer Lopez, deren Beiträge nicht unterschätzt werden sollen. Das könnte doch etwas nachdenklich stimmen.

Natürlich steht am Ende aller Debatten immer die Frage der Finanzierung. Selbstverständlich ist auch mir das unsägliche Debakel bezüglich der Nicht-Erhöhung durch die fatalen Entscheidungen in Sachsen-Anhalt bekannt. Allerdings sollte man bei allen notwendigen Sparmaßnahmen nicht die Äste absägen, die die eigentliche Existenzberechtigung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks ausmachen.

Es heißt, dass der damalige Premierminister Winston Churchill, während der Luftkrieg über Großbritannien tobte, aufgefordert wurde, die Kulturausgaben zu Gunsten des Verteidigungshaushalts zu kürzen. Er antwortete trocken: »Und für was kämpfen wir dann?« Etwas anders formuliert: Wofür eigentlich steht der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk.

Ich hoffe, die oben angesprochenen Kultureinschnitte im WDR sind noch keine endgültig beschlossene Sache. Werden Sie diese noch einmal überdenken und zurücknehmen?

Die heutigen Ausführungen von Herrn Kremin unter dem Titel „Mehr Vielfalt über die Literatur“ auf der WDR-Homepage lassen leider mehr Fragen offen, als fundierte Antworten oder reflektierte Neukonzeptionen zu geben.

Mit den besten Wünschen und freundlichen Grüßen
Ihr
Heinrich Bleicher-Nagelsmann

Da es sich um eine öffentliche Angelegenheit handelt, erlaube ich mir, den Brief an Sie auf der Homepage der Hans-Mayer-Gesellschaft zu veröffentlichen. Sollten Sie mir eine Antwort geben, werde ich diese mit Ihrem Einverständnis dort ebenfalls platzieren.

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Antwort im Auftrag von Tom Buhrow

Der Programmbereichsleiter von WDR3, Matthias Kremin, hat am Dienstag dem
2. Februar 2021 im Auftrag des Intendanten eine Antwort auf den oben stehenden Brief gegeben. Ich gebe sie unkommentiert und ungekürzt wieder:

„Sehr geehrter Herr Bleicher-Nagelsmann,
vielen Dank für Ihre mail vom 26. Januar an Tom Buhrow, der mich gebeten hat, Ihnen zu antworten.
Ich teile Ihre Ansicht, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen besonders schützenswerten Kulturauftrag hat und – bei allem Ärger um die Berichterstattung – es ist auch gut, wenn sich die Freunde dieses Kulturauftrags zu Wort melden, wenn es Grund für einen Alarm gibt.
Nun ist es so, dass wir zwar Änderungen in der Morgensendung „Mosaik“ planen, aber von Streichung „der Literatur“ keine Rede sein kann.
Die neu formierte Redaktion der Sendung hat sich Gedanken über ihre Sendung gemacht und ist zu dem Schluss gekommen, dass Literatur-Rezensionen nicht immer gleich gebaut sein müssen, dass sie in der Form variieren sollten und auch nicht immer am gleichen Platz ausgestrahlt werden müssen, denn manchmal eignet sich ein Thema nicht für eine Morgenstrecke oder ist besser in einer Kultursendung am Nachmittag aufgehoben.

Diesen Vorgang würde ich nicht alarmierend nennen. Es ist die Aufgabe einer Redaktion, sich Gedanken über das eigenen Programm zu machen. Diese Gestaltungsfreiheit einer Redaktion ist ein hohes Gut im WDR, das durch das Redakteurstatut geschützt ist. Klar formuliert: Wenn eine Redaktion beschließt, dass sie mehr oder weniger Rezensionen produzieren möchte – oder andere – oder diese auf einem anderen Sendeplatz ausstrahlen möchte, dann ist das kein Grund für eine Petition. Überflüssig zu erwähnen, dass die Redaktion alle weiteren Formatänderungen mit den Mitarbeitern besprochen hat und auch meine Zustimmung eingeholt hat.

Tatsächlich schlecht gelaufen ist in diesem Fall die Kommunikation mit den freien Mitarbeitern der Literatur-Redaktion. Den Rezensent*innen wurde der Eindruck vermittelt, die Redaktion „Mosaik“ plane ab September alle Rezensionen abzuschaffen.
Ich bin mit den Kolleg*innen im Austausch und konnte in einem Schreiben das Missverständnis z.T. aufklären. Auf Seiten des WDR gibt es jedoch eine deutliche Irritation über die initiierte Petition, die den wahren Sachverhalt verunklart und nun vielen Menschen das Gefühl gibt, „gegen die Abschaffung der Literatur“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk unterschreiben zu müssen.

Was nun das Gedicht angeht – auch hier geht es eher um die Frage, wo und wann Lyrik bei WDR3 gesendet wird. Ich bin Ihnen dankbar für das Beispiel  Amanda Gorman. Es war eine Steilvorlage für eine Redaktion, einen besonderen Akzent auf einem Sendeplatz zu setzen. Leider wurde am Tag der Inaugoration in WDR3 ein Gedicht über das Wetter platziert – eine weitere verpasste Chance. Die Mosaik-Redaktion möchte daher Gedichte Anlassbezogen einsetzen.

Zum Schluss werden Sie sich sicher freuen zu hören, dass die o.g. Änderungen in der Sendung „Mosaik“ nichts mit Sparmaßnahmen zu tun haben.
Ich hoffe, ich konnte diesmal einige der offenen Fragen beantworten und verbleibe
mit freundlichen Grüßen

Matthias Kremin
Programmbereichsleiter WDR3“


Nachtrag:

Zu einer Diskussion über das Thema „Und wie sieht die Zukunft der Literaturkritik und -vermittlung aus?“ hatte das Kölner Literaturhaus für den 23. Februar eingeladen.
Es diskutieren die Literaturkritikerin Insa Wilke, Initiatorin der Petition gegen die Streichung von Literaturformaten im WDR, Verlegerin Kerstin Gleba, Volker Schaeffer, Leiter der aktuellen Kultur beim WDR, sowie Alf Mentzer, Leiter der Kulturredaktion beim Hessischen Rundfunk. Jenny Friedrich-Freksa, Chefredakteurin der Zeitschrift „Kulturaustausch“, moderiert.

zur Aufzeichnung der Veranstaltung geht es über diesen link:

https://dringeblieben.de/videos/die-zukunft-der-literaturkritik

 

 

Löwy, Benjamin und die Ökologie

Zur Verleihung des Europapreises und des Walter-Benjamin-Sonderpreises

Der Europäischen Walter-Benjamin-Preises wird am 21. Januar 2021, ab 18.30 Uhr, in einer Online-Veranstaltung an Michael Löwy, den Preisträgers 2020, verliehen. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Camp de Rivesaltes statt.

Der erste Teil des Abends wird mit einem Dialog zwischen dem Historiker Denis Peschanski und dem Philosophen Bruno Tackels über das Erbe Walter Benjamins zu seinen geschichtsphilosophischen Thesen gestaltet. Dieser Austausch wird von Nathalie Raoux, Historikerin und Spezialistin für Walter Benjamin, geleitet.
Ab 19.30 Uhr findet die Verleihung des Europapreises und des Walter-Benjamin-Sonderpreises unter der Schirmherrschaft von Mona und Kim Benjamin, Enkelinnen des Philosophen, statt.
Im zweiten Teil des Abends wird an die große antifaschistische Widerstandskämpferin Lisa Fittko gedacht, deren Memoiren im Verlag Éditions du Seuil („La Librairie du XXIe siècle“) wieder herausgeben wurden. Dieses Werk wurde mit dem Walter-Benjamin-Sonderpreis ausgezeichnet. Anwesend sind Maurice Olender, der Verleger und Edwy Plenel, der dem Buch ein Vorwort vorangestellt hat. Nach Lesungen aus dem Buch diskutieren Maurice Olender und Edwy Plenel gemeinsam mit Eva Weissweiler, der deutschen Biografin von Lisa Fittko, über den politischen Werdegang dieser außergewöhnlichen Aktivistin.
Weitere Informationen sowie ein Interview mit dem Preisträger finden sich auf der Homepage der Veranstalter: https://prixwb.hypotheses.org/

Im Folgenden dokumentieren wir einen Auszug aus dem Interview, das Marc Berdet mit dem Preisträger Michel Löwy Ende 2020 gemacht hat: https://prixwb.hypotheses.org/797

MB: Nach deiner Doktorarbeit über die intellektuelle Entwicklung von Karl Marx hast du eine Habilitationsschrift über die intellektuelle Entwicklung von Georg Lukács von der Romantik zum Bolschewismus geschrieben. Diese Art von Soziologie der Intellektuellen führte dich zum CNRS und schließlich zu einem Labor für die Soziologie der Religionen. Es mag merkwürdig erscheinen, aber das liegt daran, dass Sie – unterstützt durch Ihre Begegnung mit Walter Benjamin 1979 – zunehmend der Ansicht waren, dass die Romantik und dann die Religion, weit davon entfernt, Ideologien der Realitätsflucht zu sein, auch die Träger einer fruchtbaren Kapitalismuskritik sein könnten. Können wir die Entdeckung der Romantik als einen Wendepunkt in deinem Denken betrachten?
[…]
ML: Mein Interesse an der antikapitalistischen Romantik geht auf meine Dissertation über Lukács zurück. Ich habe versucht, dieses Konzept zu verwenden, um seine frühen Schriften und seine Entwicklung zum Marxismus zu verstehen. In der Tat war dies ein Wendepunkt in meinem Denken, aber erst später, zusammen mit Robert Sayre, waren wir in der Lage, eine systematischere Hypothese über das Wesen der Romantik als eine Kritik der modernen (kapitalistischen) Zivilisation zu formulieren, die auf Werten der vormodernen Vergangenheit beruht. Von da an wird diese Hypothese in der einen oder anderen Form in den meisten meiner Schriften, auch über Walter Benjamin, präsent sein. Ich denke, dass diese Reflexion über die romantische Vision der Welt (immer noch ein Goldmann’sches Konzept) vielleicht, mit der Komplizenschaft von Robert Sayre, mein originellster Beitrag zu den Geisteswissenschaften ist. Es ist ein work in progress: Unser jüngstes gemeinsames Buch, das kürzlich erschienen ist, heißt Romantic Anticapitalism and Nature. The Enchanted Garden (Routledge, London, 2020). Es enthält ein Kapitel über Walter Benjamins romantisch/marxistische Ökologie.

MB: Deine Arbeit über die Romantik mit Robert Sayre und über die „Wahlverwandtschaften“ zwischen Messianismus und Utopie erscheint in Frankreich zu einer Zeit in der die Kultursoziologie von Gestalten wie Pierre Bourdieus und Emile Durkheims dominiert wird, eine Art „Soziologie der Sieger“, die sich auf die Logik der sozialen Distinktion und auf das als Zwang verstandene (von den Dominanten geprägte) Soziale konzentriert. Mit dem Konzept der Wahlverwandtschaft, das du bei Weber aufgreifst, um versunkene Kulturen, wie die jüdische Kultur Mitteleuropas in den 1930er Jahren, wieder aufzuwerten, formulierst du eher eine „Soziologie der Besiegten“, der Geschichtsvergessenen. Wie wurden deine Beiträge, die etwas aus dem Rahmen fallen, aufgenommen?

ML: Unsere Arbeit über die Romantik hat in Frankreich kein großes Echo gefunden: Sie wurde von den Spezialisten der Romantik ignoriert, für die diese ausschließlich ein literarisches Phänomen des 19. Jahrhunderts ist. Unsere Hypothese, die Romantik als eine in der modernen Kultur von Rousseau bis zur Gegenwart präsente Denkform zu sehen, war nicht nachvollziehbar. Es hat in Brasilien, England und den Vereinigten Staaten mehr Interesse geweckt, mit öffentlichen Debatten, Übersetzungen usw. Unsere marxistischen Freunde sind gespalten: Einige sind bereit, sich unserer Probleme anzunehmen, andere sind vorsichtig gegenüber einem „rückwärtsgewandten“ Ansatz, der den „Fortschritt“ in Frage stellt.
[…]

MB: Ein weiterer Aspekt deiner Arbeit ist die Befreiungstheologie. Nachdem Sie über messianische Ethik gegen den Geist des Kapitalismus geschrieben haben, schreibst du ein weiteres Kapitel, das bei Weber fehlt: das Kapitel über katholische Ethik und den Geist des Kapitalismus. Auch hier stellst du nicht, wie bei Weber, eine Art Komplizenschaft bei der Verfestigung einer Ordnung (wie zwischen dem katholischen Dogma und der bürgerlichen Ordnung oder zwischen der protestantischen Berufung und den kapitalistischen Ersparnissen) her, sondern eine Affinität bei ihrer Subversion dar. Vor allem in Lateinamerika scheint dir das Christentum von einem messianischen Glanz erfüllt zu sein, der in der Lage ist, das Gesetz der Mächtigen umzukehren. Es scheint, dass dieses Christentum der Befreiung über Zeit und Kontinente springt, um das Duell zwischen Thomas Münzer und Martin Luther nachzuspielen. Siehst du angesichts des Aufstiegs eines völlig in die Marktlogik integrierten Neoprotestantismus – vor allem in Brasilien – noch eine Chance für eine Begegnung zwischen religiösem Glauben und utopischer Wette?

ML: Lieber Freund, wir Soziologen tun uns schon schwer damit, die Phänomene der Vergangenheit zu verstehen. Was die Vorhersage der Zukunft angeht…
In meinen Büchern versuche ich zu erklären, dass das Befreiungschristentum, jene sozio-religiöse Bewegung, die Anfang der 60er Jahre in Brasilien entstand und sich dann in ganz Lateinamerika ausbreitete, etwas Wichtiges ist: Die meisten emanzipatorischen und/oder revolutionären Bewegungen der 60er Jahre bis hin zum Zapatismus am Ende des 20. Jahrhunderts sind zu einem großen Teil dieser Strömung geschuldet, deren organischer Ausdruck ab 1971 die Befreiungstheologie sein wird.

Walter Benjamin hat mir geholfen, die Befreiungstheologie zu verstehen, und andersherum. Die für viele Europäer unverständliche Allianz zwischen der Theologie und dem historischen Materialismus der These I (der geschichtsphilosophischen Thesen von Walter Benjamin. HB) nimmt in Lateinamerika die Form einer Massenbewegung an, die Hunderttausende von Menschen mobilisiert.

Der systematische Kampf der Päpste Woytila und Ratzinger gegen die Befreiungstheologie – der das Einverständnis mit dem Marxismus vorgeworfen wird – hat diese Strömung zweifellos geschwächt, ohne sie jedoch völlig neutralisieren zu können, besonders in Brasilien.  Indem der Vatikan das Befreiungschristentum delegitimierte, schuf er ein Vakuum, das bald von den reaktionären neopentekostalen Kirchen gefüllt wurde.

Mit der Wahl des argentinischen Papstes Bergoglio eröffnete sich eine neue Situation. Geprägt in Argentinien von der Theologie des Volkes, einer nicht-marxistischen Variante der Befreiungstheologie, zeigte sich Bergoglio viel offener für das Befreiungschristentum als seine Vorgänger. Und im Gegensatz zu ihnen sah er nicht den „atheistischen Kommunismus“, sondern die tödliche Ökonomie des globalisierten Kapitalismus als die Hauptbedrohung der Menschheit. Es mag sein, aber es bleibt abzuwarten, dass das Befreiungschristentum eine neue Gnadenzeit erleben wird …

MB: In jüngerer Zeit interessierst du dich für ein ökologisches Denken, das die „Notbremse“ ziehen und die Höllenlokomotive des Industriekapitalismus stoppen kann. Du findest in Benjamin, der dieses Bild gegen Marx verwendet, eine Inspiration, um eine Alternative zum „Progressivismus“ zu denken, die sowohl von der Rechten als auch von der Linken geteilt wird, und Sie vergleichen ihn mit Mariategui für seinen „Inka-Kommunismus“, der sich auf traditionelle Gemeinschaften stützt. Sie setzen Benjamin auch in das gleiche Boot (oder den gleichen Zug!) wie Kafka und Welles. Warum setzen Sie Benjamin in das gleiche Boot (oder den gleichen Zug!) wie Kafka und Welles? Mit wem müssen wir angesichts der uns drohenden Katastrophe noch „Pessimismus organisieren“?

ML:  …In einem kürzlich erschienenen kleinen Buch „Kafka, Welles, Benjamin. Éloge du pessimisme culturel (Ed. Du Retrait, 2019), vergleiche ich Kafkas »Der Prozess«, Orson Welles‘ Adaption und Benjamins Schriften aus der Perspektive dessen, was ich „revolutionären Pessimismus“ nenne. Das bedeutet keine passive Resignation, sondern, so Benjamin, den Versuch, „Pessimismus zu organisieren“, um die Bedrohung durch das „Pessimum“ zu bekämpfen. Heute nimmt diese Bedrohung zwei Hauptformen an: Neofaschismus und ökologische Katastrophe.

Einer der Gründe für die erstaunliche Aktualität Walter Benjamins im Jahr 2021 ist die Tatsache, dass er einer der ganz wenigen Marxisten seiner Zeit war, der Intuitionen entwickelte, die die Ökologie vorwegnahmen.

Bereits 1928 prangerte er in dem Buch »Sens Unique« (»Einbahnstraße«) die Idee der Beherrschung der Natur als „imperialistischen“ Diskurs an. Er bezieht sich auf die Praktiken vormoderner Kulturen, um die zerstörerische „Gier“ der bürgerlichen Gesellschaft in ihrem Verhältnis zur Natur zu kritisieren: „Die ältesten Bräuche der Völker scheinen sich als Warnung an uns zu wenden: um uns vor der Geste der Gier zu bewahren, wenn es darum geht, das anzunehmen, was wir von der Natur so reichlich erhalten haben“. Wir sollten „tiefen Respekt“ für die „Mutter Erde“ zeigen. Wenn eines Tages „die Gesellschaft unter dem Einfluss von Not und Gier so verzerrt ist, dass sie die Gaben der Natur nur noch durch Diebstahl erhält (…), dann wird der Boden verarmen und das Land wird schlechte Ernten bringen. Es scheint, dass dieser Tag gekommen ist…“

Wie wir aus diesem Zitat ersehen können, sah Benjamin archaische Gesellschaften als solche mit größerer Harmonie zwischen Mensch und Natur. Im Passagenwerk wendet er sich wiederum in schärfster Form gegen die Praktiken der „Beherrschung“ oder „Ausbeutung“ der Natur durch moderne Gesellschaften. Sie huldigt Bachofen, weil er gezeigt hat, dass die „mörderische Vorstellung von der Ausbeutung der Natur“ – eine kapitalistisch-moderne Vorstellung, die ab dem 19. Jahrhundert vorherrschte – in den matriarchalen Gesellschaften der Vergangenheit, in denen die Natur als großzügige Mutter wahrgenommen wurde, nicht existierte.

Für Benjamin – aber auch für Engels oder Elisée Réclus, die sich ebenfalls für den primitiven Kommunismus interessieren – geht es nicht um die Rückkehr in eine prähistorische Vergangenheit, sondern um die Aussicht auf eine neue Harmonie zwischen Gesellschaft und natürlicher Umwelt.

Einmal mehr findet Benjamin seine größte Relevanz in Lateinamerika. Im Jahr 2010 fand die Internationale Völkerkonferenz gegen den Klimawandel und zur Verteidigung von »Pachamama«, der Mutter Erde, in Cochabamba, Bolivien, statt, mit einer massiven Beteiligung von Delegierten aus indigenen Gemeinden. Die in Cochabamba verabschiedeten Resolutionen entsprechen fast wortwörtlich Benjamins Argumentation über den verbrecherischen Umgang der westlichen kapitalistischen Zivilisation mit der Natur, während die traditionellen Gemeinschaften sie als „großzügige Mutter“ betrachten.

Die Allegorie der Revolution als Notbremse im Zug der Geschichte wurde von Benjamin freilich nicht in Bezug auf die Ökologie gedacht. Doch heute bekommt es eine neue Bedeutung: Wir alle sind in einer selbstmörderischen Phase der modernen kapitalistisch-industriellen Zivilisation, die mit zunehmender Geschwindigkeit auf einen Abgrund zusteuert: Klimawandel, ökologische Katastrophe. Die sozial-ökologische Revolution ist die einzige Bremse, die diesen ökozidalen und nekropolitischen Wettlauf stoppen kann.

Heute erleben wir […]  dieser Neofaschismus unterscheidet sich vom klassischen Faschismus unter anderem durch sein Festhalten am Neoliberalismus, aber er teilt nicht weniger seinen Rassismus, seinen reaktionären Nationalismus, seinen Autoritarismus, seinen Hass auf das „Fremde“.

Walter Benjamin ist einer der marxistischen Denker, die uns helfen können, dieses Phänomen besser zu verstehen. Dies ist ein weiterer Grund, warum er auch im 21. Jahrhundert noch relevant ist. Als konsequenter Antifaschist war er einer der ersten, der bereits 1930 faschistisches Gedankengut in Deutschland anprangerte.

In den Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ (1940) findet sich eine scharfe Kritik an den Illusionen der in der Ideologie des linearen Fortschritts gefangenen Linken über den Faschismus, den sie als Ausnahme von der Fortschrittsnorm, als unerklärliche „Regression“, als Klammer im Vormarsch der Menschheit zu betrachten scheint. […]

Benjamin hatte ein perfektes Gespür für die Modernität des Faschismus, seine innige Beziehung zur zeitgenössischen industriell-kapitalistischen Gesellschaft. Daher seine Kritik in These VIII an jenen – denselben Leuten -, die erstaunt sind, dass Faschismus im zwanzigsten Jahrhundert „noch“ möglich ist, geblendet von der Illusion, dass wissenschaftlicher, industrieller und technischer Fortschritt mit sozialer und politischer Barbarei unvereinbar ist. Wir brauchen, bemerkt Benjamin in einer der vorbereitenden Notizen zu den Thesen, eine Theorie der Geschichte, von der aus der Faschismus entschleiert werden kann.

Nur eine Konzeption ohne fortschrittliche Illusionen kann ein Phänomen wie den Faschismus erklären, der tief im modernen industriellen und technischen „Fortschritt“ verwurzelt ist, der letztlich erst im zwanzigsten Jahrhundert – und, wie wir hinzufügen würden, im einundzwanzigsten – möglich war. Das Verständnis, dass der Faschismus auch in den „zivilisiertesten“ Ländern triumphieren kann und dass „Fortschritt“ ihn nicht automatisch verschwinden lässt, wird, so glaubt Benjamin, unsere Position im antifaschistischen Kampf verbessern. Ein Kampf, dessen Endziel die Herstellung des „wahren Ausnahmezustands“ ist, d.h. die Abschaffung der Herrschaft, die klassenlose Gesellschaft.“

(Übersetzung: Dr. Heiner Wittmann)

Zwei Aussenseiter in Ithaka-Dublin

Zum 80. Todestag von James Joyce

Als James Augustine Aloysius Joyce am 13. Januar 1941 kurz nach 2 Uhr morgens im Rotkreuzhospital in Zürich starb, hatte er sich durch den Roman »Ulysses« über den „Welt-Alltag der Epoche“ die Unsterblichkeit gesichert.[1] Der Roman erschien in der ersten Auflage 1922 im Verlag der Pariser Buchhandlung „Shakespeare and Company“ von Sylvia Beach am 2. Februar 1922 zum 40. Geburtstag von Joyce. Die Kapitel, die 1918–1920 in der amerikanischen Zeitschrift »The Little Review« vorab gedruckt worden waren, wurden wegen Obzönitäten beschlagnahmt. Insofern ist diese erste Fassung von diesen bereinigt worden und damit keine vollständig Ausgabe.

Cover der Erstausgabe von „Ulysses (Foto gemeinfrei)

Die 1000 gedruckten Exemplare waren schnell vergriffen. Harriett Shaw Weaver,[2] die Joyce seit 1914 unterstützte, finanzierte eine zweite Auflage, die auch in England verbreitet werden sollte. England, Irland, Kanada und Australien hatten das Buch auf den Index gesetzt. Über das Schicksal der zweiten Auflage schreibt Sylvia Beach „Die zweite Auflage wurde, wie die erste in Dijon gedruckt…aber sie trug den Vermerk: »Herausgegeben von John Rodker, Egoist Press«. Zweitausend Exemplare wurden produziert. Man brachte einen Teil per Schiff nach Dover, wo die Exemplare prompt beschlagnahmt wurden und »in des Königs Kamin« verheizt wurden – nach Miss Weavers war das der gebräuchlichste Ausdruck dafür. [..] Auch die in die Vereinigten Staaten geschickten Exemplare gingen zugrunde, wahrscheinlich hat man sie wie so viele junge Katzen im Hafen von New York ertränkt.“[3]

Erst mit einem berühmt gewordenen Urteil vom 6. Dezember 1933 über das anhängige Verfahren „Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen das Buch mit dem Titel ‚Ulysses'“ hob ein Richter namens John Woolsey den Bann auf. Irland folgte 1934, England 1936, Kanada erst 1949.[4]

Die erste vollständige und von Joyce autorisierte – durchaus anerkennenswerte – deutsche Übersetzung durch Georg Goyert erschien 1927 im Rhein-Verlag Zürich. Sie erhielt Kritik von Joyce Freunden aber auch viel Zuspruch, so in dem schon zitierten Beitrag von Hermann Broch[5]. 1938 wurde Joyce von dem Bochumer Lehrer und Anglisten Karl Arns im ersten Band seines Index der anglo-jüdischen Literatur (1938) denunziert. Dort schreibt Arns auf Seite 6: „… trotzdem lassen wir eine Liste solcher nicht-jüdischer Autoren folgen, die Juden und jüdische Motive behandeln…“[6]. Dass Joyce keineswegs Jude war, spielte für die Nazis keine Rolle. Die Hauptgestalt des Leopold Bloom im »Ulysses« und der avantgardistische Stil von Joyce reichten aus, die Bücher von Joyce aus den deutschen öffentlichen Bibliotheken zu entfernen.

Von der Schwerverständlichkeit des Werkes ist nicht nur in der Anfangszeit, sondern auch bis in die Gegenwart viel gesprochen worden. Laut Broch war quasi die Zeit einer Generation notwendig, bis man die „Zeitgerechtheit“ des Romans zu erkennen begann. Es geht um einen Quer- und Längsschnitt durch das Jahrhundert am 16. Juni 1904 in Dublin. Der Blick auf 16 Stunden im Leben des jüdisch geborenen und dreimal getauften Durchschnittsbürgers Leopold Bloom, von Beruf Anzeigenakquisiteur, und den korrespondierenden Weg des zweiten Protagonisten, des Jesuitenschülers und Dichtergelehrten Stephan Dädalus, ist ein komplexes historisches, literarisch, wissenschaftliches und sprachlich explodierendes Jahrhundertwerk. Es hat seine Wurzeln in der Odyssee und zahlreichen weiteren literarischen Werken Europas bis in die Gegenwart.

Axel Schmitt hat in seiner Besprechung für die 2004 im Großformat mit umfangreichen Erläuterungen erschienene Sonderausgabe aus dem Suhrkamp Verlag kurz und präzise die einzigartige Stellung dieses Jahrhundertromans definiert:

„Joyce‘ „Ulysses“ erhält diese Plastizität und Tiefendimension auf dreierlei Weise: 1. durch die von Kapitel zu Kapitel wechselnde Erzähltechnik, die vom objektiven Erzählstil (Er-Form) über die erlebte Rede und den inneren Monolog bis zur Dramatisierung und schließlich zur Auflösung der Szene in Frage-und-Antwort-Spiele reicht; 2. durch eine in der bisherigen Romanliteratur unerreichte Präzision und Rücksichtslosigkeit in der Darstellung feinster, bis in die Zonen des Vor- und Unbewussten reichender psychischer Regungen, Vorstellungen und Wünsche; 3. durch die Verwendung von Homers „Odyssee“ als mythisch-poetischer Folie, als Rahmen und Deutungssystem, das die trivial-moderne Szenerie ständig relativiert, parodiert und in Relief setzt.“[7]

Vermutlich ist es vielen Leserinnen und Leser des »Ulysses« wie dem Autor dieser Zeilen ergangen. Man fühlt sich verpflichtet, bemüßigt oder animiert dieses Buch ebenso wie den »Zauberberg», den »Mann ohne Eigenschaften« oder auch »Die Suche nach der verlorenen Zeit« zu lesen und kommt über die ersten 100 Seiten im Anlauf nicht hinaus. Die Vielfalt der Themen, Bezüge, Beschreibungen und Referenzen scheinen dem Lesen im Wege zu stehen. Dabei lassen sich diese Hürden mit der von Dirk Vanderbeke und anderen herausgegebenen sowie kommentierten Sonderausgabe in der Übersetzung von Hans Wollschläger leicht überwinden.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Einführungstext. Einfach und übersichtlich ist in der Marginalspalte und am Fuß jeder Seite der Stellenkommentar untergebracht. Ebenfalls beigefügt sind Stadtpläne von Dublin, ein Personenverzeichnis und eine Strukturübersicht zum Aufbau des Werkes. Wer das Buch nicht hat oder erwerben kann, findet alle strukturellen Hinweise ebenfalls mit einem kurzen Einführungstext für alle 18 Kapitel im Internet.[8]

Stuart Gilbert hat eine klug verfasste Untersuchung zum Verständnis des Buches unter dem Titel »Das Rätsel Ulysses« vorgelegt, die in erster deutscher Auflage 1932 ebenfalls im Rhein-Verlag erschienen ist.[9]

Das englische Original dieses Buches nutzte Hans Mayer als er den Abschnitt über »Leopold Bloom als Odysseus« für seine »Aussenseiter« schrieb. Begonnen hatte die Arbeit an seinem wohl berühmtesten Buch im zwanzigsten Stock eines Hochhauses am Lake Michigan. „Fünf Jahre planvoller Arbeit an dem neuen Buch sind weitgehend Leben gewesen unter den Amerikanern: mit dem Truthahn-Dinner am Tag des einstmals biblischen Erntedankes; […] Der Außenseiter in der Menge. Das war ein quälendes Phänomen des 19. Jahrhunderts: als sich die bürgerliche Gesellschaft zur Kenntlichkeit entwickelte. Bei Baudelaire und E.A. Poe geht es um die gleiche  fixe Idee. Die hilflose Einsamkeit in einer Welt der Anderen.“[10]

In Gilberts Buch fand Mayer den Hinweis, den Joyce diesem über ein Buch des französischen Altphilologen Victor Bérard zur »Odyssee« gegeben hatte. Aufgrund seiner Recherchen hatte er sie als „ein ursprünglich phönizisches, also semitisches Logbuch interpretiert.“ [11] Die bekannten Hinweise auf Ahasvers ewige Wanderschaft in Bezug auf Blooms Gang und Ulysses Wanderung reichen Mayer deshalb nicht aus: „Man wird folglich davon ausgehen müssen, daß Joyce die odysseischen Abenteuer, sowohl bei Homer wie hier in der irischen Hauptstadt und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als jüdische Erleidnisse versteht.“[12] Die Struktur des »Ulysses« interpretiert Mayer so als erst getrennte und dann gemeinsame Tagesreise des semitischen Odysseus und seines griechisch-irischen Homer. Beide sind Außenseiter. „Stephan ist Ire und Katholik, doch bricht er aus der Gemeinschaft aus, seine Bücher und poetischen Visionen entfremden ihn der Umwelt. In Trunk und Blasphemie sucht er die Gemeinschaft abzuschütteln. … Leopold Bloom…kommt in seinen inneren Monologen von diesem Jüdischsein nicht los.“[13]

Das Kapitel in dem dies am deutlichsten ausgeführt wird, ist das 12. Kapitel „Kyklop“, in dem, bezogen auf den einäugigen Riesen in der Odyssee, Bloom den als »Bürger« bezeichneten Nationalisten und Antisemiten mit dessen Saufkumpanen trifft. Während des ganzen, zum Teil heftigen Gespräches, schwankt Bloom zwischen dem was er sein will – ein echter Ire – und dem was er als Aussenseiter ist. Im 16. und 17. Kapitel erzählen Bloom und Dädalus woher sie kommen und wer sie sind. Wahrhaftigkeit, Identität und Herkunft sind wesentliche Themen. Doch auch der Versuch der Schreib-Technik im 17. Kapitel „Ithaka“, von Joyce als „Katechismus“ bezeichnet, führt trotz der „scheinbar objektiven und äußerlich exakten Darstellung“[14] nicht zur Klarheit, da Gedanken und Gefühle handlungsbestimmend und interpretierend sind. So kommt Mayer zu der Einsicht: „Bloom und Stephen bleiben draußen. Sie verkörpern die Gleichzeitigkeit der Ausfahrt mit der Heimkehr. Aber die Ausfahrt des Stephen Dädalus führt, im >Ulysses< nicht weg von Dublin. Und die Heimkehr Blooms zu seiner träumenden Penelope ist auch keine.“[15]

Was Blooms Penelope, mit bürgerlichem Namen Molly Bloom, in ihrem inneren Monolog über 78 Seiten in 8 Sätzen über ihre Herkunft, ihr Leben mit Bloom und die erotischen Erfahrungen mit anderen Männern ausführt, sei der individuellen Lektüre überlassen. Sie lohnt sich, genauso, wie das Lesen dieses Jahrhundertwerks immer noch ein literarischer Genuss ist.

Heinrich Bleicher

[1] Hermann Broch, James Joyce und die Gegenwart, in: Hermann Broch der Denker, Zürich 1966, S. 74-106. Den zugrunde liegenden Vortrag hatte Broch am 22.4. 1932 in der Volkshochschule in Wien gehalten.
[2] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Harriet_Shaw_Weaver (Zugriff am 12.1.2021) Harriet Shaw Weaver war eine Frauenrechtlerin und Journalistin sowie Herausgeberin. Als linke Aktivistin trat sie erst der Labour Party und dann der Communist Party bei.
[3] Sylvia Beach, Treffpunkt – ein Buchladen in Paris, München 1963, S.129
[4] Wolfgang Wicht, Ein Jahrhundert.-. Roman: Ulysses von James Joyce, zitiert nach https://www.via-regia.org/bibliothek/pdf/heft70_71/wicht_ein_jahrhundert_roman.pdf.
[5] Siehe Fn 1
[6] Zitiert nach dem Wikipedia-Eintrag über Goyert. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Goyert#cite_note-2. (Zugriff 12.1.2021)
[7] Axel Schmitt, Ulyssism, James Joyce und der „Welt-Alltag einer Epoche“ am 16. Juni 1904, in: literturkritik.de https://literaturkritik.de/id/7166. (Zugriff am 10.1.2021)
[8] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Ulysses
[9] Inzwischen gibt es eine Taschenbuchausgabe davon im Suhrkamp-Verlag. Ebenso hilfreich ist auch das Buch von dem Joyce-Biographen Richard Ellmann, Odysseus in Dublin, Frankfurt 1978
[10] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen II, Frankfurt 1984, S. 388-393
[11] Hans Mayer, Aussenseiter, Frankfurt 1975, S. 407
[12] Hans Mayer, ebenda
[13] A.a.O. S. 408f
[14] James Joyce, Ulysses, Frankfurt 2004, S. 896
[15] Hans Mayer, a.a.O. S. 412f

Erkennen, Denken und Verstehen

Friedrich Dürrenmatt zum 100.

In einer kleinen Stadt, deren Namen nicht Güllen ist, hob sich am Donnerstag dem 19. Dezember 1968 der Vorhang in der Aula des Gymnasiums zu einem der frühesten Stücke Friedrich Dürrenmatts: »Romulus der Große«. Die Uraufführung hatte am 25. April 1949 im Stadttheater Basel stattgefunden und im Oktober folgte dann schon die nächste Inszenierung in Göttingen. In den knapp 20 Jahren danach hatte sich politische Entwicklung Europas entscheidend verändert, aber das Thema Frieden und die Konflikte einer vom Kapital bestimmten Gesellschaft hatten ihre Bedeutung behalten. Die Laienspielerinnen und -spieler der Schule in H. waren nicht nur von Dürrenmatt aufgeweckt worden. Der Darsteller des Romulus reckte als Schulsprecher die schwarzbehandschuhte Faust beim Thema Vietnamkrieg und Dylans »Blowing in the wind« war die Begleitmusik zu weiteren Protesten.

Im Jubiläumsband der Schule heißt es zu dieser Zeit in einem Beitrag des Sportlehrers: „Jetzt wurde der Unterricht bewußt durch Fragen nach dem Sinn jeder Aufgabe gestört…Gott sei Dank lief die Welle nach wenigen Jahren aus. Was blieb, war eine allgemeine Verunsicherung und manche Zweifel an der Berechtigung von Teilen des Lehrplanes.“ Was zum Glück auch erhalten blieb war das Weiterleben der Theatergruppe mit neuen Schülerinnen und Schülern. 1985 gab es »Die Physiker« und 1994 wieder »Romulus den Großen«.

Wenn heute – zu seinem 100. Geburtstag – in zahlreichen Medien-Beiträgen an Dürrenmatt erinnert wird, wird in aller Regel meist »Der Besuch der alten Dame«, »Die Physiker« sowie die Kriminalromane »Der Richter und sein Henker« (1950), »Der Verdacht« (1951) und »Das Versprechen« (1958) hervorgehoben.

Dürrenmatt hätte eine Neubewertung und Aufführung seiner Komödien verdient. Solche wie die wohl glänzende Theateraufführung von „Romulus dem Großen“ am Deutschen National Theater in Weimar.[1] Kurz gefasst der Inhalt laut Klappentext: »Kaiser Romulus Augustus hält das römische Weltreich für unmoralisch und will es als >Richter Roms< liquidieren, indem er 467 n. Chr. tatenlos die einmarschierenden Germanen erwartet. Germanenfürst Odoaker freilich, ein leidenschaftlicher Hühnerzüchter wie Romulus, hat keinen sehnlicheren Wunsch als sich zu unterwerfen, um zu verhindern, daß die Germanen >endgültig ein Volk der Helden< werden.« Konterkarierend könnte man sich eine Inszenierung vorstellen, die den Untergang des Imperiums USA unter dem noch amtierenden Präsidenten zum Thema hätte.

Weitgehend unterbelichtet in den bisherigen Würdigungen zum 100. Geburtstag ist – was keine Minderung der Theaterstücke beinhalten soll – der politische Dürrenmatt. In seinen „Gedenkworten“ auf Dürrenmatt stellt Hans Mayer am
6. Januar 1991 im Schauspielhaus Zürich fest: „Dürrenmatt ist Philosoph, was bei ihm stets auch geheißen hat: ein Theologe jenseits der Theologie. […] Dieser scheinbare Verächter der Geschichte, der die historischen Puppen tanzen läßt in der Komödie »Achterloo«, kam nicht los von der Geschichtsphilosophie. Der Politiker Dürrenmatt kann nur von dieser Antinomie her verstanden werden. Er meinte stets weit mehr als den unmittelbaren Anlaß seines Zornes.“[2]

Deutlich wird dies auch an der Arbeit des Schriftstellers, der im Sinne Dürrenmatts, so Mayer, erkennen, denken und verstehen wollte. Als eines der wichtigsten Bücher Dürrenmatts sieht er den »Essay über Israel«[3]. Der ist entstanden „als Bericht über die verzweifelte und vergebliche Umarbeitung einer als »unangemessen« empfunden Rede eines Gastliteraten, der im Lande sieht, wie alles vorher Gedachte und Geschriebene zurückschlägt, ins Gegenteil sich verkehrt.“[4]

Scharfsinnig und facettenreich analysiert Mayer in seinem Beitrag »Dürrenmatt in Jerusalem«[5] den Essay, der gleichzeitig Reisebericht und theologisch-politisches Traktat ist. Es geht um das „dramaturgische Spiel und Gegenspiel zwischen jüdischer und arabischer Tradition“. Das Ziel des immer wieder umgearbeiteten Textes ist der Versuch Dürrenmatts, die Notwendigkeit des Staates Israel zu beweisen. Als Dialektiker kommt er zu dem Fazit: „Israel kommt nicht mehr darum herum, einen palästinensischen Staat zuzulassen, und die Palästinenser kommen nicht mehr darum herum einzusehen, daß nur noch Israel inmitten dieser unstabilen politischen Konstellationen ihren Staat zu garantieren vermag: Sie sind beide aufeinander angewiesen.“[6]

Georg Hensel, der Laudator für den Büchner-Preisträger Dürrenmatt zitierte von einer Begegnung mit Brecht:
„Auch Dürrenmatt und Brecht, als sie einander begegneten – es war nur ein einziges Mal, 1948 in Basel, – stritten sich vorsichtshalber nicht über Gott und die Welt, sondern über Zigarren. Dürrenmatt erzählte darüber: »Als ich Brecht sagte, daß die blonde Havanna, die ich rauchte, stärker ist als seine schwarze Brasil, fiel sein Weltbild zusammen, zum ersten und einzigen Mal.« Nicht Brechts Galilei, sondern Dürrenmatts Physiker sind der stärkere Toback. Über Brecht schrieb Dürrenmatt später den souveränen Satz: »Seine Irrtümer waren nie die meinen, ich irre mich anders.«“[7]

Erfreulich ist, dass die »Büchergilde Gutenberg« zum Jubiläumsjahr eine neue Auflage der gesammelten Werke Dürrenmatts herausgegeben hat, getrennt nach Prosa und dem dramatischen Werk. Man kann natürlich auch jedes Dürrenmatt-Buch einzeln erwerben. Das Urteil der »Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung« bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preis 1986 bleibt weiterhin gültig: „Friedrich Dürrenmatt dem Dramatiker von internationalem Rang und Ruf. Seine Erzählungen, Essays und Theaterstücke, die Mythologie, Wissenschaft und Philosophie umspannen, stellen sich den großen Fragen der Gegenwart mit weitem historischen Horizont, mit exakter Phantasie, mit Weisheit und Witz.“[8]

 

[1] Siehe http://www.eckhard-ullrich.de/theatergaenge/2021-duerrenmatt-romulus-der-grosse-dnt-weimar (Gemeint ist nicht die Aufführung unter der Regie von Thomas Dannemann)
[2] Hans Mayer, Der Meteor, in: ders., Frisch und Dürrenmatt, S. 75-85, Frankfurt 1992, hier S. 76
[3] Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge. Essay über Israel. Eine Konzeption, Zürich 1976
[4] Hans Mayer, Der Meteor, S. 83
[5] Hans Mayer, Frisch und Dürrenmatt, S. 56-67. Erstmals erschienen ist dieser Beitrag in »Die Zeit« Nr. 16 vom 9. April 1976 unter dem Titel „Die Zukunft ist immer utopisch“.
[6] Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge, zitiert nach der 7bändigen Diogenesausgabe, Band 6, Zürich 1991, S.772
[7] Siehe: https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/friedrich-duerrenmatt/laudatio (Zugriff am 4.1.2021)
[8] A.a.O.

Erinnerungen an einen großen Demokratiefreund mit starker Courage

Die Tage zwischen den Jahren dienen dem Rückblick auf das vergangene Jahr und auch dem Erinnern. In dieser Zeit erreichte mich eine Mail von Welf Schröter, einem Mitglied der HMG, mit der Bitte um Veröffentlichung eines Textes, in dem er an den tschechischen Autor und Literaturwissenschaftler Antonin Jaroslav Liehm und sein Wirken im „Prager Frühling“ erinnert.

Gibt es eine Verbindung zu Hans Mayer und diesen Ereignissen?, war die Frage, die mir durch den Kopf ging. Das Stichwort dazu ist „Kafka“[1]. Für ihn und andere damals moderne Autoren wie Joyce war Mayer vehement zu seiner Zeit als Professor in Leipzig eingetreten. Gegen die Parteidoktrin vom „Sozialistischen Realismus“, die in aller Vehemenz nach dem niedergeschlagenen Ungarnaufstand durchexerziert wurde. Dem setzte Mayer Widerstand in unterschiedlichster Form entgegen. Einer seiner Schüler, Helmut Richter, promovierte beim ihm über „Werk und Entwurf des Dichters Franz Kafka“ [2]. Als der musikalische und literarische „Prager Frühling“ 1963 an der Moldau begangenen wurde, war Richter am 27./28. Mai mit einer DDR-Delegation unter Leitung von Anna Seghers bei einer großen Kafka-Konferenz, die von Eduard Goldstücker, damals einer der führenden Germanisten an der Karls-Universität, einberufen worden war. Mehr als 100 weitestgehend marxistische Literaturwissenschaftler und Philosophen war zugegen. Unter ihnen Roger Garaudy aus Frankreich, Ernst Fischer aus Wien. Berichte über die sehr offenen geführten Debatten zeigen, dass die DDR-Delegation zu der auch Klaus Hermsdorf, der bei Alfred Kantorowicz über Kafka promoviert hatte, entgegen der Sichtweise Mayers nicht zu einer progressiven, fortschrittlichen Haltung zu Kafka und seinem Werk neigten. Die inzwischen als legendär geltende Konferenz in Liblice kann durchaus als literarischer Vorfrühling der Ereignisse von 1968 in der Tschechoslowakei gesehen werden. 

Als Hans Mayer 1992 auch durch den inzwischen habilitierten Helmut Richter die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig verliehen wurde, erinnerte der Gelobte an seinen ehemaligen Schüler Pawl Petr, der 1968 aus Prag weggehen mußte und später Professor an der Universität in Melbourne wurde. Hier nun der Beitrag Welf Schröters:

Nachgedanken zum Tod von Antonín J. Liehm, einem Gesicht des „Prager Frühlings“
Als er im Sommer 1978 in Tübingen ankam, dachte er zuerst an Karola und Ernst Bloch, die sich im Jahr 1968 öffentlich auf die Seite des „Prager Frühlings“ gestellt und sich politisch schützend vor den Präsidenten des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes Eduard Goldstücker gegen die sowjetische Okkupation gestellt hatten. Doch der tschechische Autor und Literaturwissenschaftler Antonín Jaroslav Liehm reiste an den Neckar auf Einladung einer kleinen Gruppe von Tübinger Studentinnen und Studenten, die sich 1978 mit den demokratischen Oppositionsbewegungen in Polen, in der CSSR, in der DDR und in Ungarn solidarisierten. Aus Anlass des zehnten Jahrestages des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen hatten wir einige Akteure des damaligen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, die vor den Panzern und der erzwungenen autoritären „Normalisierung“ nach Westeuropa geflüchtet waren, nach Tübingen eingeladen. Es galt, an die brutale Niederwalzung einer Demokratiebewegung zu erinnern. Antonín Liehm sprach in fließendem Deutsch über die Hoffnungen des „Prager Frühlings“ und über die große Bedeutung der Literatur in der stalinisierten Gesellschaft der CSSR der fünfziger und sechziger Jahre. Liehm war Literat und Redakteur. Er schrieb und brachte Zeitungen hervor. Sein Name ist mit Vaclav Havel, Ludvík Vaculík,und Milan Kundera verbunden. Er war Chefredakteur der Zeitschrift Litérarní noviny und scharfer Kritiker des Antisemitismus. Antonín Liehm und seine Freunde wollten dem „Prager Frühling“ eine Phase des gesellschaftlichen öffentlichen Lernens folgen lassen. Die Bürgerinnen und Bürger sollten durch Literatur und die Vielfalt der Literatur die Vielfalt der Demokratie und des demokratischen Miteinander erkennen. In seiner Emigration in Paris blieb Liehm seinem Handwerk treu. Er gründete das renommierte Blatt „Lettre international“. Sein Auftreten in Tübingen, seine ruhige, gelassene Art des Sprechens hinterließen einen tiefen Eindruck. 1978, zehn Jahre nachdem Panzer den Wenzelsplatz besetzten, sprach Liehm von Hoffnung. Trotzalledem. Mit seiner Hoffnung sollte er Recht behalten. Zwei Jahre nach seinem Besuch brachte die Gewerkschaft Solidarnosc das polnische Regime ins Wanken.

Antonín Jaroslav Liehm ist in seiner Geburtsstadt Prag am 4. Dezember 2020 im Alter von 96 Jahren gestorben. Er war ein Mann, der von Zurückhaltung und einer uneingeschränkten Loyalität zur Idee der Demokratie geprägt war. Es gibt Momente, die in der Erinnerung haften bleiben. Die Begegnung mit ihm war ein solch besonderer Moment.

Welf Schröter

[1] Heinrich Böll, Der Panzer zielte auf Kafka, Köln 2018
[2] Helmut Richter, Franz Kafka. Werk und Entwurf, Rütten & Löhning, Berlin 1962