„Im Dunkel des gelebten Augenblicks“

Vor 30 Jahren hat Hans Mayer einen Artikel für die »Züricher Zeitung« zur Erinnerung an den 30. Januar 1933 geschrieben. Unter Bezug auf die im Titel genannte Formel Ernst Blochs weißt er darauf hin, „daß nicht nur der Einzelne, sondern manchmal auch die sogenannte Menschheit den folgenreichsten Augenblick ihres Daseins zwar als Vorgang erlebt, doch ohne zu ahnen, was sich bei diesem Vorgang für ihre Gegenwart und Zukunft ereignet hatte. Das Dunkel steckt mitten in der Tageshelle.“

Der Tag des Widerrufs wurde von den meisten Beteiligten bei der Machtübergabe an Hitler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg nicht in seiner Tragweite erkannt; außer von Hitler selbst. Dem war klar, dass er die als Reichskanzler erhaltene Macht nicht mehr hergeben würde. Die Einkreisungsstrategie der konservativen und reaktionären Rechten in der Regierung war eine vollständige Verkennung der Tatsachen und Machtverhältnisse.

Es war dem gescheiterten ehemaligen Reichskanzler Franz von Papen gelungen, den lange wiederstrebenden Hindenburg zu überzeugen, dass der von einer konservativen Kabinettsmehrheit „eingerahmte“ NSDAP-Führer keine Gefahr darstellen würde. Zu einem späteren Zeitpunkt, nachdem er die Arbeiterparteien und die Gewerkschaften gebändigt oder zerschlagen hätte, sollte er dann in die Wüste geschickt werden.

Kurz skizziert Mayer die Regierungszusammensetzung vom 30. Januar 1933: „Jener Papen wurde Vizekanzler, der deutschnationale Zeitungsmagnat Alfred Hugenberg, ein ehemaliger Krupp-Direktor, war auch im Kabinett. Die Reichswehr wurde durch einen Berufsoffizier vertreten. Die Finanzen hütete ein Adliger der Deutschnationalen, durchaus kein Freund des neuen Reichskanzlers, wie man wußte. Alles war kurzfristig angelegt, man mußte die Augenblickskrise überwinden, dann würde man weitersehen.“[1]

Doch der im ganzen Reich mit Fackelzügen der »SA« und des »Stahlhelms« gefeierte „Befreier Hitler“[2] zögerte keinen Moment seine Machtposition zu festigen. In der 1. Kabinettssitzung noch am 30. Januar machte er deutlich, dass allein ein Generalstreik den Machterhalt gefährden könne. „Wenn man jedoch die Frage aufwerfe, was für die Wirtschaft eine größere Gefahr bedeute, die mit Neuwahlen verbundene Unsicherheit und Beunruhigung oder ein Generalstreik, so müsse man nach seiner Ansicht zu dem Ergebnis kommen, daß ein Generalstreik für die Wirtschaft weit gefährlicher sei. Es sei schlechterdings unmöglich, die 6 Millionen Menschen zu verbieten, die hinter der KPD ständen.“[3]

Für den Abend des 30. Januar hatte die KPD zu einer Massenkundgebung in die Kölner Rheinlandhalle aufgerufen. Mayer wohnte nicht weit davon und ging hin. Die Massen waren nicht versammelt, die wohnten mehrheitlich den Fackelzügen bei. Ein kommunistischer Reichstagsabgeordneter aus Berlin, Max Hirsch, ein Jude, war zu der Kundgebung gekommen. Er gab sich siegessicher. Die Nazis würden abwirtschaften und dann käme die KPD. Wie man weiß, kam es anders.

Weniger als 30 Tage später gab es für Hitler aber eine andere Chance, die KPD zu verbieten und damit die Mehrheit im Reichstag zu sichern: Den Reichstagsbrand. Mit dem Reichstagsbrandgesetz und einem Monat später mit dem Ermächtigungsgesetz hatte der braune Reichskanzler dann die Macht an sich gerissen und das Parlament ausgehebelt.

In seinem das Buch »Der Widerruf« abschließendem Beitrag »Deutsche und Juden nach dem Widerruf«, einer Rede vor dem Bundesverfassungsgericht, kommt Mayer dann noch einmal auf den Wendepunkt für das 20. Jahrhundert zurück: „Ein geschichtliches Datum wie dieser 30. Januar 1933 kann nicht aus seinem Zeitvergang losgelöst werden. Jener Tag hat den Widerruf dessen bedeutet, was man als deutsch jüdische Symbiose zu bezeichnen pflegt. Es gibt mithin ein Vorher wie ein Nachher. Zu jenem Nachher gehört auch der Staat Israel. Eines scheint mir sicher zu sein: eine Deutsch-Israelische Juristenvereinigung im heutigen Sinne wäre undenkbar ohne jenes Vorher des 30. Januar: ohne den Tag des Widerrufs. Wer die jeweilige Gegenwart nicht als ein Gewordensein verstehen und überdenken will, abhold aller Geschichtsbetrachtung, wird mit Notwendigkeit auch als Deuter der Gegenwart scheitern.“[4]

Im Folgenden skizziert Mayer dann den Gang der Aufklärung von Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn über Heine, Marx und Börne sowie andere bis in die 90er Jahre hinein. „Am Ende unseres zwanzigsten Jahrhunderts ist der Widerruf vom 30. Januar 1933, der von vornherein eine »Endlösung« der Judenfrage vorbereiten sollte, als Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitig in einem zu interpretieren.“ Für die Zukunft käme es darauf an, nicht ohne Hoffnung zu leben. Notwendig sei aber dafür aber wie Adorno zu Recht bemerkt habe ein Leben in Wahrheit.

Heinrich Bleicher

[1] Hans Mayer, Der Widerruf Über Deutsche und Juden, Frankfurt am Main 1994, S. 14
[2] So die Nazizeitung „Westfälischer Beobachter“ am Tag nach der Machtübergabe.
[3] Zitiert nach: Internationaler Militärgerichtshof, Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher Nürnberg, 14. November 1945-1. Oktober 1946, Nürnberg 1947, Bd. XXV, S. 374-376.
[4] Hans Mayer, Der Widerruf, S.430