Tagung über die „Roten Kämpfer“

Hier werden die Vorträge der Veranstaltung dokumentiert und sukzessive veröffentlicht.

  • Heinrich Bleicher: Krisenjahre und Zerstörung der Republik
  • Helen Sotowic Der „Rote Kämpfer“ als Zeitschrift der linken SPD-Opposition
  • Fritz Bilz: Hans Mayer und Erwin Sander Widerstandskämpfer im Exil und
    illegaler Arbeit – nur einer überlebte
  • Thomas Roth: Sozialist auf Distanz – Ludwig August Jacobsen

Krisenjahre und Zerstörung der Republik

Am 27. September 1971 klingelte es an der Haustür von Jost Hermand in Milwaukee in Wisconsin. Als er öffnete, stand vor ihm Hans Mayer. Es war die erste persönliche Begegnung der beiden, die sich aber über ihre Bücher kannten.

Der Begrüßungssatz von Mayer: „Herr Hermand, da ist vor kurzem ein Buch über die Zeitschrift der ´Rote Kämpfer` erschienen die ich und Richard Friedenthal 1931/32 in Berlin als KPO-Blatt herausgegeben haben. Das müssen Sie sofort lesen. Wissen Sie, der junge Hans Mayer, sehr interessant!“[i] Dieser eitel klingende Satz irritierte Jost Hermand nur kurz. Dann wurde ihm klar, dass Mayer nicht über Belangloses wie zum Beispiel den Flug in die USA, sondern über Politik reden wollte. Bei dem Buch ging es um die Dissertation von Olaf Ihlau, der im Mai 1968 bei Wolfgang Abendroth über die kleine linke Gruppe, die sich selbst als „Rote Kämpfer“ bezeichnete, geschrieben hatte. Ab Februar 1931 war Hans Mayer in Köln einer der Herausgeber der Zeitschrift „Der Rote Kämpfer“. Darüber wird nach mir Helen Sotowic referieren. Da es bei ihr wesentlich um die Gruppe der „Roten Kämpfer“ in Köln und ihre inhaltlichen Beiträge in der Zeitschrift geht, habe ich mir vorgenommen einige Ausführungen über den entsprechenden Zeitraum in der Weimarer Republik zu machen.

Durch die Weltwirtschaftskrise – ausgelöst durch den Schwarzen Freitag in New York am 29. Oktober 1929 – und die Tolerierungspolitik der SPD gegenüber der Brüning-Regierung spitzten sich die Gegensätze zwischen den Linken in der SPD und der Parteiführung zu. In dem Kapitel „In den wirtschaftlichen Abgrund“ des ausgezeichneten Buches „Das Zeitalter der Extreme“ von Eric Hobsbawm kann man die weltweiten Ursachen und Zusammenhänge der Weltwirtschaftskrise ausgezeichnet studieren.[ii] Ausdrücklich weist er auf die „zentrale und traumatische Massenarbeitslosigkeit“ für die Industriestaaten hin.[iii]

Blicken wir auf Deutschland und die Weimarer Republik. Bei den Reichstagswahlen im Mai 1928 waren SPD und KPD als klare Sieger hervorgegangen. Es war der größte Erfolg der SPD seit 1919. Sie erhielt über 9 Millionen Stimmen. Die KPD hatte dreieinviertel Millionen erhalten. Die NSDAP rund 800.000 Wähler.[iv] Arthur Rosenberg, ein zeitgenössischer marxistischer Historiker, stellt in seinem immer noch gut lesbaren Buch „Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik“ fest:

„Die Wahlen vom Mai 1928 erweckten den Anschein, als wäre das Klassenbewußtsein und der Wille zum Sozialismus in der deutschen Arbeiterschaft gestiegen. Aber eine solche Auffassung wäre eine arge Selbsttäuschung gewesen. Unter den 9 Millionen Wählern der SPD waren nur ganz wenige, die ernstlich den revolutionären Sozialismus wollten. Die Arbeiter wählten SPD, weil sie im allgemeinen mit den bestehenden Zuständen zufrieden waren. Sie waren damit einverstanden, daß die SPD und die freien Gewerkschaften, im Rahmen des stabilisierten deutschen Kapitalismus, sich für die Tagesinteressen der Arbeiterschaft einsetzten. Im Grunde war auch die Stimmung der meisten KPD-Wähler nicht anders…. Während die Rechte unter Hugenberg und Hitler zum Kampf gegen das bestehende System aufrief, war die Linke offenbar mit der bestehenden Ordnung der Dinge einverstanden: eine überaus unnatürliche Situation, die für die Deutsche Republik schwere Gefahren in sich schloß.“[v]

Der vollständige Vortrag kann hier als PDF geladen werden.

[i] Der unbequeme Aufklärer – Gespräche über Hans Mayer, Herausgegeben mit einer Einleitung von Heinrich Bleicher, Mössingen-Talheim 2022, S. 154. Bei dem Buch handelt es sich um die Dissertation von Olaf Ihlau, Die roten Kämpfer, Meisenheim/Glan 1969
[ii] Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme – Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München Wien 1995
[iii] A.a.O., S. 124ff
[iv] Siehe: https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/reichstagswahl-20-mai-1928
[v] Arthur Rosenberg, Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt am Main, 1955, S. 459


Der „Rote Kämpfer“ als Zeitschrift der linken SPD-Opposition[1]

Wenn man „Der Rote Kämpfer“ auf Google eingibt, erscheint zuerst ein Wikipedia-Artikel, der die „Roten Kämpfer“ als eine „syndikalistische, rätekommunistische Organisation und Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus“[2] beschreibt. Während diese Einordnung zutrifft, wenn man die Gruppe hinter diesem Namen sucht, fehlt eine Erklärung zu der Zeitschrift Der Rote Kämpfer. Obwohl die Zeitschrift nur in 10 Ausgaben von November 1930 bis November 1931 erschien, bietet sie uns heute wichtige und interessante Einblicke in die Köpfe der jungen, linken SPD-Opposition in der Weimarer Republik. In der Geschichtswissenschaft ist Der Rote Kämpfer bislang kein besonders großes Thema – auch hier wird sich vor allem auf die Gruppe, die unter diesem Namen bekannt ist, fokussiert. Ausnahmen bilden allenfalls die Dissertation von Olaf Ihlau, der 1968 über den Roten Kämpfer als „Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik und im Dritten Reich“[3] schrieb, und ein Buch von Peter Friedemann und Uwe Schledorn, „Aktiv gegen Rechts, Der Rote Kämpfer – Marxistische Arbeiterzeitung 1930-1931“[4], die nicht nur die Zeitung erneut abdruckten, sondern sich auch kritisch mit ihr und ihrer Entstehung auseinandersetzten.

Entstehung des Roten Kämpfer

Der Rote Kämpfer wurde erstmals in Bochum herausgegeben. Der SPD-Bezirk Westliches Westfalen galt zur Zeit der Weimarer Republik als eine konservative Gliederung der Partei, dies zeichnete sich auch durch den autoritären Umgang mit den Arbeiterjugendlichen aus. Im Bezirk Westliches Westfalen gab es innerhalb der SPD schon seit 1928 Forderungen danach, dass die Jugend, vor allem die SAJ, die Sozialistische Arbeiter-Jugend, eine eigene Zeitung herausgeben durften – dies wurde allerdings untersagt. Auch selbstständige Beiträge der Jugend im Mitteilungsblatt der SPD wurden verweigert, da vor allem der Bezirksvorsitzende Franz Klupsch nicht wollte, dass Artikel in der Parteizeitung Der Rechte Weg von seiner Meinung abwichen. Nach den Reichstagswahlen am 14. September 1930, bei denen die NSDAP große Wahlerfolge feierte, entschlossen sich die jungen SAJler, ihre eigene Zeitung zu gründen: Der Rote Kämpfer. Durch den Mangel an innerparteilichen Artikulationsmöglichkeiten sahen sie sich gezwungen, auf diese Weise ein Sprachrohr „zur Bekämpfung des Faschismus und zur Entfaltung eines einheitlichen proletarischen Klassenbewußtseins“[5] zu gründen. Die Gründer waren oppositionelle Mitglieder der SAJ im Kreisverband Ruhrgau. Die Mitglieder der SAJ waren wie viele ihrer Zeitgenossen schwer von der Wirtschaftskrise betroffen: Sie waren arbeitslos und nahmen die Regierung von Heinrich Brüning als gegen die Arbeiterklasse und gegen die Arbeitslosen gerichtet wahr. Einer der wichtigsten Akteure des Organs war Heinz Hoose, der Vorsitzende der SAJ im Ruhrgau und inoffizieller Herausgeber der Zeitschrift. Offiziell war dies bei der ersten Ausgabe der Lehrer Franz Ostermann, da Hoose durch seine Aussicht auf Verbeamtung keine Nebenbeschäftigung haben durfte. Der Herausgeber[6] der Zeitschrift wechselte regelmäßig. Die Zeitschrift hatte fast keine finanzielle Basis und wurde vor allem durch die Jugend unterstützt.[7] In einem Text über die Entstehung der Zeitschrift, schätzte Hoose dies im Jahr 1985 so ein: „Unser einziges Kapital waren unser Idealismus, unser Optimismus und unser unbeugsamer Wille“[8].

Nach den ersten drei Ausgaben wurde Der Rote Kämpfer auf Grund einer schweren Krankheit von Hoose nach Köln weitergegeben, wo Mitglieder der Jungsozialistischen Vereinigung und eine Gruppe von sozialistischen Studenten, zu denen unter anderem auch Hans Mayer gehörte, die Zeitschrift für die Dauer von fünf Ausgaben übernahmen. Die letzten beiden Ausgaben des Roten Kämpfers wurden dann in Köln und Berlin sowie in Berlin und Dresden von einer Gruppe aus Jungsozialisten herausgegeben, welche rätekommunistische Ideen im Roten Kämpfer popularisierten.[9]

Der vollständige Beitrag von Helen Sotowic kann hier geladen werden.

[1] Dieser Text ist eine leicht veränderte Version eines Vortrags, den ich unter gleichem Titel am 20.06.2026 im EL-DE-Haus in Köln bei der Tagung „Hans Mayer und der Rote Kämpfer“, die von der Hans-Mayer-Gesellschaft organisiert wurde, hielt.
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Kämpfer, zuletzt abgerufen: 07.07.2026.
[3] Ihlau, Olaf: Die Roten Kämpfer. Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, Marburg an der Lahn 1968.
[4] Friedemann, Peter und Uwe Schledorn (Hg.): Aktiv gegen Rechts. Der Rote Kämpfer – Marxistische Arbeiterzeitung 1930-1931, Essen 1994.
[5] Der Rote Kämpfer, Heft 1, 09.11.1930.
[6] In diesem Beitrag wird das generische Maskulinum benutzt. Eine große Beteiligung von Frauen am Roten Kämpfer ist nicht nachgewiesen. Da die Artikel aber bis auf wenige Ausnahmen anonym verfasst sind, ist eine Mitarbeit von Frauen keineswegs auszuschließen.
[7] Vgl. Schledorn, Uwe: Zur Entstehung des Roten Kämpfers: Linksentwicklung und Sozialdemokratie im Westlichen Westfalen vor 1933, in Friedemann/ Schledorn (Hg.), 1994, S. 203-228.
[8] Hoose, Heinz: Wie es zur Herausgabe der Zeitschrift „Der Rote Kämpfer kam“, 1985, in: Friedemann/Schledorn (Hg.), 1994, S. 258-259.
[9] Vgl. Friedemann/ Schledorn: Aktiv gegen Rechts, 1994.


Hans Mayer und Erich Sander – Zwei Widerstandskämpfer – nur einer überlebte

Hans Mayer und Erich Sander waren gemeinsam in den Jahren 1932-1934 im Widerstand in Köln aktiv. Sie kamen aus ganz unterschiedlichen sozialen Bezügen. Erich Sander wurde am 22. Dezember 1903 in Linz an der Donau als Sohn des später weltberühmten Fotografen August Sander geboren. 1910 zog die Familien nach Köln, wo der Vater 1911 auf der Dürener Straße ein Fotoatelier eröffnete. Hans Mayer wurde am 19. März 1907 in Köln in eine großbürgerliche jüdische Familie geboren.[i] Sein Vater war Kaufmann und Kunstsammler. Beide machten Abitur. Erich Sander im Jahre 1923 am städtischen Realgymnasium in Lindenthal; Hans Mayer ein Jahr später am Schillergymnasium in Köln.

Erich Sander politisierte sich schon früh.[ii] Sein Klassen- und Deutschlehrer Dr. Paul Bourfeind brachte ihn schon ab 1918 mit sozialistischem Gedankengut in Berührung. Bourfeind brachte junge Menschen dazu über Politik und Kunst zu diskutieren. Er war ab 1919 sozialdemokratischer Stadtverordneter in Köln. „Ich wurde durch die Revolution zum glühenden Republikaner, der ich auch heute noch bin“, schrieb er 1920 in seiner Biografie.

Eine Freidenkergruppe lud Erich Sander öfters zu kleinen Wanderungen außerhalb Kölns ein. Diese Gruppe stand dem Monistenbund nahe, Diskussionen drehten sich zumeist über Politik. Leiter der Gruppe war Dr. Paul Wolski, Chemiker bei Bayer Leverkusen, er wollte Sander als Funktionär für den Monistenbund gewinnen. Der Monistenbund stand den Freidenkern nahe.

Erich Sander engagierte sich in den 1920er Jahren auch als Mitglied der Tatgemeinschaft „Junge Menschen“, sie war gemäß den Ideen der Jugendbewegung eine freiheitliche, nicht parteigebundene dem Sozialismus verpflichtete Organisation. Ihre Ziele waren Lebensreform, kritische Reflexion und künstlerischer Anspruch. Erich Sander trat ohne Wissen des Vaters im September 1922 der kommunistischen Jugend bei. Der Vater als überzeugter Sozialdemokrat war über den Eintritt ungehalten, da er befürchtete, dass sich dies nachteilig auf das Geschäft auswirken würde. Erich trug seit dem Eintritt einen „übergrossen“ Sowjetstern am Revers, auch in der Schule, was zu Spannungen zw. Lehrern und Mitschülern führte. Ab 1923 studierte Erich Sander an der Universität Köln Volkswirtschaft, später Philosophie.
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Hans Mayer wurde in seiner Jugend von den frühen Werken Karl Marx und den Arbeiten von Georg Lukács beeinflusst. Ab 1924 studierte Mayer Rechts- und Staatswissenschaften, Geschichte und Musik an den Universitäten von Köln, Bonn und Berlin. Er stieß an der Uni zu einer Gruppe von oppositionellen Kommunisten. Sie trafen sich in einem Buchladen nahe der Hohe Straße. An der Uni lernte er auch Erich Sander kennen. Dort waren sie in einer Gruppe der „Vereinigten Sozialistischen Studenten“ organisiert, die der SPD nahestanden. Dort waren auch zahlreiche ehemalige Mitglieder der Sozialistischen Arbeiter Jugend (SAJ) und Jusos mit denen insbesondere Erich Sander stritt und diskutierte. Geleitet wurde dieser Kreis u. a. von Hans Mayer.

Der vollständige Vortrag kann hier als PDF geladen werden.

[i] Siehe Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf I + II – Erinnerungen, Frankfurt 1982 + 1984.
[ii] Alle folgenden Angaben zu Erich Sander finden sich in dem Buch NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (Hrsg), August Sanders unbeugsamer Sohn, Berlin 2015. Darin auch Fritz Bilz, Fotograf und unbeirrbarer Widerstandskämpfer (1903-1944), S. 197ff