„Leben Sie wohl, arbeiten Sie gut!“ mit diesen Worten beendet Ingeborg Bachmann ihren Dankesbrief an Hans Mayer[1]. Er hatte sie, Hans Magnus Enzensberger, Peter Huchel, Stefan Hermelin sowie Inge und Walter Jens zu einem Symposium über Lyrik am 30. und 31. März 1960 in den berühmten Hörsaal 40 nach Leipzig eingeladen.[2] Die damals propagierte Losung „Deutsche an einen Tisch“ war nach einer kurzen Periode der Offenheit schon wieder aus dem Verkehr gezogen worden.[3] Mayer jedoch hatte seine Einladung an die Beteiligten und die Durchführung der Veranstaltung durchgesetzt. Mit Ingeborg Bachmann, Walter Jens und Hans Magnus Enszensberger war Mayer schon länger seit Tagungen der Gruppe 47 bekannt. Damals 1957 in Schloß Elmenau hatte Ingeborg Bachmann eine neue Erzählung mit dem Titel „Alles“ vorgetragen. Er schätzte ihre Arbeiten, besonders ihre Gedichte aber auch die Erzählungen, die Reich-Ranicki zu Unrecht abtat. Ein weiteres Wiedersehen zwischen Mayer und Bachmann gab es bei einer Tagung in Wuppertal vom 11.-13. Oktober 1957, bei der Mayer auch Celan kennenlernte. Der hat ihm später zur Erinnerung an diese erste Begegnung ein Gedicht geschrieben, „Weißgeräusche“, in dem es um die Poesie als „Flaschenpost“ ging.
In Vorbereitung ihrer Reise nach Leipzig hatte Ingeborg Bachmann am 29.1.1960 an den sehr geehrten, lieben Herrn Professor Mayer geschrieben und sich nach den Einreisemodalitäten erkundigt. Ob sie als Österreicherin ein Visum benötige. Das war der Fall. Außerdem wollte „Die Obrigkeit“ wissen, auf welchem Weg und wo sie einreisen würde[4]. Sie hatte angegeben mit der Eisenbahn durch Thüringen fahren zu wollen. Tatsächlich aber kam sie mit dem Auto. Die anderen Symposiumsteilnehmer befürchteten, dass damit ihre Einreise unmöglich würde. Aber sie erschien pünktlich und gab an gesagt zu haben, sie hätte „lieb geschaut“. Mayer bezeichnet aber dieses Ereignis, in dem er Ingeborg Bachmann als Undine benannte, mit den Worten, „sie hätte wohl auch gezaubert“. Die Veranstaltung wurde ein voller Erfolg. Es gab sogar ein Foto der Teilnehmer*innen in der von der Partei herausgegebenen „Universitätszeitung“, die Mayer sonst gar nicht freundlich gesinnt war. Der Seitenhieb bestand in der Bildunterschrift: „Professor Dr. Hans Mayer, Direktor des Instituts für Deutsche Literaturgeschichte, mit Gästen“. Die Namen der Gäste wurden einfach nicht genannt. Am 1. April reisten die Lyrikerin und die Lyriker wieder ab. Der Dankesbrief von Ingeborg Bachmann an den „lieben Hans Mayer „ist datiert vom 12. Juli 1960. An der Grenze gab es für sie noch mal ein kleines Intermezzo, es fehlte ein Stempel, aber derselbe Beamte von der Kontrolle bei der Einreise „habe sie freundlich ziehen lassen“[5]. Undine hatte ihn wohl wieder verzaubert.

Wiedergesehen haben sich Ingeborg Bachmann und Hans Mayer dann bei einem Gespräch über Politik und Literatur zwischen Schriftsteller*innen und SPD-Politikern in Berlin. Es war im Vorfeld der Bundestagswahl 1965. Willy Brandt leitete die Diskussion. Neben ihm saß Ingeborg Bachmann, „die er nicht aus den Augen ließ“[6]. Stets erfreut war Hans Mayer, wenn Ingeborg Bachmann ihn mit ihren Büchern bedachte, die immer eine zugewandte Widmung hatten. Wie schon angemerkt hat er alle Veröffentlichungen von Ingeborg Bachmann gekannt und gelobt; seien es die Gedichte, die Prosa, die Hörspiele oder auch die Libretti für Hans-Werner Henze.
Schon im Vorfeld zu ihrem 100. Geburtstag am 25. Juni sind zahlreiche Beiträge in den Medien erschienen und es gibt auch neue Bücher über sie, die zeigen, wie aktuell sie heute noch ist und dem Denken ihrer Zeit über Frauen, Politik und durch die Art ihres Schreibens weit voraus war. Erfreulicherweise hat der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftstelle in NRW (VS) einen Schreibwettbewerb über sie ausgelobt. Zu Recht wird in der Ausschreibung festgestellt, dass „Bachmanns Werk um Themen wie Identität, Erinnerung, Gewaltstrukturen, Sprache und Selbstbehauptung kreist. Diese Motive, haben bis heute nichts an Aktualität verloren. Bachmanns Schreiben hat die deutschsprachige Literatur nachhaltig geprägt. Unter anderem ihre Sprachkritik, ihr Blick auf Macht‑ und Gewaltverhältnisse wirken bis heute nach. Viele Autorinnen und Autoren greifen ihre Themen und Denkbewegungen auf, den Blick auf Verletzlichkeit und Widerstand, die Analyse von Strukturen, die Menschen formen oder brechen. Ihr Werk bleibt ein Bezugspunkt für viele Schreibende, die darin Anregungen finden und neue Perspektiven entdecken.“ Die drei von der Jury ausgewählten Texte, die sich der Person Bachmanns in literarischer Form widmen sollten, finden sich auf der Homepage des VS-NRW. Sie spiegeln auf eine interessante Art das Leben und Schreiben der Bachmann. Nicht versäumen sollte man auch den Film von Regina Schilling mit Sandra Hüller „Ingeborg Bachmann – Jemand der einmal ich war“. https://vs-nrw.de/category/ausschreibungen/
Heinrich Bleicher
[1] Brief Ingeborg Bachmanns vom 12.01.1960 an Hans Mayer. Original im Mayer-Nachlass im Stadtarchiv Köln.
[2] Siehe Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf – Erinnerungen, Band 2, Frankfurt am Main 1984, hier S. 232.
[3] Siehe Alfred Klein, Heimat auf Zeit, in: Hans-Mayers Leipziger Jahre, Leipzig 1997, S.19.
[4] Hans Mayer, Erinnerungen, Band 2, S. 233. Dort und auf den folgenden Seiten auch die weiteren Zitate.
[5] Brief Ingeborg Bachmanns vom 12. Juni1960 an Hans Mayer. Original im Mayer-Nachlass im Stadtarchiv Köln.
[6] Hans Mayer, Erinnerungen, Band 2, S. 345.
