„Weimer auf der Schwankenden Weltkugel“

Am 23. April 1991 eröffnete der heute vor 119 Jahren geborene Hans Mayer die erste Leipziger Buchmesse nach der Wiedervereinigung. Sein Thema „Über die Einheit der deutschen Literatur“. Zu Ende war es mit den Reden der Ideologen jener Zwei-Staaten-Theorie, „die völlig unberechtigterweise von grundlegenden Divergenzen… im Nebeneinander der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland zu sprechen pflegten.“[1] Acht Jahre vorher hatte Mayer die Frankfurter Buchmesse eröffnet und zu dem Thema „Widersprüche einer europäischen Literatur“ gesprochen.[2] Mit seinen Ausführungen zu einer gemeinsamen und engagierten europäischen Literatur widmete sich Mayer schon damals dem Thema der diesjährigen Leipziger Buchmesse „Wo Geschichten uns verbinden“.

Der Auftritt von Staatsminister Weimer zur Messeeröffnung war mit Spannung erwartet worden, hatte er doch durch absolut kritikwürdiges Verhalten im Vorfeld die gesamte Bücher- und Medienwelt gegen sich aufgebracht. Das unsägliche Vorspiel dazu war sein Verhalten gegenüber der Leiterin der Berlinale Tricia Tuttle. Das Vorgehen Weimers wurde in zahlreichen Medien zu Recht als Warnung an die gesamte Kulturszene interpretiert. Die Kommentatorin der taz sprach zu Recht von „autoritärer Machtmarkierung“.[3] Die nächste Attacke des Kulturministers war dann die Streichung von drei Buchhandlungen: Golden Shop (Bremen), Rote Straße (Göttingen) und Zur schwankenden Weltkugel (Berlin) von der Juryliste des Buchhandelspreises: Dabei hatte die unabhängige Fachjury des Börsenvereins diese Läden als Preisträger ausgewählt, zwei davon sogar für einen mit 15.000 Euro dotierten Sonderpreis. Der von der Süddeutschen Zeitung aufgedeckte Sachverhalt hat dann durch weitere Medien-Recherchen dazu geführt, dass Weimer aufgrund von „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“, die er auf Nachfrage beim Bundesamt für Verfassungsschutz erhalten hatte, die drei Buchläden von der Liste streichen ließ. In der Mitteilung an diese hat er allerdings über den wirklichen Vorgang gelogen und es so dargestellt, als habe die Jury sie gestrichen. Zur ausführlichen Darstellung des komplexen Sachverhaltes siehe u.a. die Darstellungen beim ZDF.[4] Bemerkenswert auch der Kommentar des FAZ-Herausgebers Jürgen Kaube. In dem heißt es u.a.: „Monatelang hat Wolfram Weimer bei allen möglichen Gelegenheiten mitgeteilt, er wende sich gegen eine „Verengung des Meinungskorridors“, die er aber befürchte. Sein unbeholfenes, rücksichtsloses und, halten zu Gnaden, verlogenes Vorgehen in der Buchhandlungssache spricht dafür, dass das nur Redensarten waren. Der Mann scheint nicht zu wissen, worum es ihm geht. Scheint sofort zu vergessen, was er kurz zuvor gesagt hat. Scheint gleichgültig gegen alle seine Fehlgriffe. Die Empfänger von Post aus seinem Ministerium werden künftig Schlüsse daraus ziehen. Es ist ihm und dem Staatsminister nicht mehr zu glauben, er ruiniert sein Amt.“[5]

Die FAZ-Redakteurin Julia Enke berichtet von Weimer Auftritt im Kulturausschuss des Bundestages „Weiß Wolfram Weimar überhaupt, um was es geht?“[6]

Als die Wogen um das Ereignis immer höher schlugen, hat der Kulturstaatsminister die Buchhandelspreisverleihung eine Woche vor der Buchmesse abgesagt. Das Motto der Veranstaltung: „Wo das freie Wort zu Hause ist“. Seitdem wächst die Solidarität mit den betroffenen Buchhandlungen ständig. Der 1972 gegründete Buchladen „Rote Strasse“ in Göttingen, dessen Homepage ein einhörniger Pegasus ziert, verkündet die besten Verkaufszahlen im März seit langer Zeit. Vor dem 2012 gegründeten Buchladen „Zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin stehen inzwischen solidarische Unterstützer*innen und Buchkäufer*innen Schlange bis auf die Straße.

Der Autor dieser Zeilen hat den Buchladen bei seinem Aufenthalt in Berlin am vergangenen Wochenende besucht, um sich ein Bild von dem Buchangebot zu machen und mit den Inhaberinnen ins Gespräch zu kommen. Hans Mayer war der Buchhändlerin als Autor und Literaturwissenschaftler wohlbekannt und eine Mitarbeiterin schwärmte von Jost Hermands Vorlesungen an der Humboldtuniversität in Berlin. Das Angebot des nur zwei Räume großen Ladens beinhaltet ein ausgezeichnetes Spektrum relevanter Literatur zu Politik, Philosophie, Psychoanalyse und Belletristik.[7] Unser solidarischer Einkauf bestand aus einem klugen Kinderbuch, dem Suhrkamp Buch „Oben rechts – Über Rechtspopulismus als Klassenprojekt“ und der Tragetasche des Ladens mit seinem Namen. Dieser stammt übrigens von einer verrückten Erzählung Franziska zu Reventlows (1871–1918) mit dem Titel Das Logierhaus „Zur schwankenden Weltkugel“.[8] Den Titel dieser Geschichte nutzt – wie dieser Artikel – die Neue Osnabrücker Zeitung zur Darstellung von Weimers Politik. Am Ende der Geschichte verschwindet der Protagonist der Erzählung Hieronymus Edelmann mit seinem Krokodil im Meer.

Noch nicht aus seinem Amt verschwunden ist der Kulturstaatsminister, der zwar den obligatorischen Messerundgang abgesagt hatte, aber zur Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus anwesend war. Vor dem Haus hatte das Aktionsbündnis „Leipzig nimmt Platz“ zur Demonstration aufgerufen. Einige hundert Demonstranten zeigten für Weimer die Rote Karte und forderten seinen Rücktritt.[9] Als er im Haus ans Redepult trat, wurde er mit Buhrufen und Rufen zum Rücktritt empfangen. Auch Rufe zu seinem Rücktritt wurden laut. Die Kampagne „Lesen hilft“ sammelt Unterschriften für den Rücktritt unter dem Motto: „Kultur braucht Freiheit! Freiheit braucht Kultur!“[10] In kurzer Zeit sind schon über 15.000 Unterschriften zusammengekommen.

Bei seiner Rede versucht Weimar möglichst wenig zu dem von ihm angerichteten Desaster zu sagen. Mit längeren Ausführungen zu Habermas tritt er die Flucht nach vorn an. Interessant dazu die Sichtweise „Der Welt“ auf diesen Punkt. Vom „Haber-Verfahren“, dem Terminus Technicus für die Abfrage von Geheimdienstinformationen beim Innenministerium, balanciert er zum „Habermas-Verfahren“. „Weimer erklärt seinen Punkt: „Ich werde für vermeintliche Interventionen kritisiert.“ Er argumentiert, dass es um zwei Kategorien gehe: die Kategorie der Freiheit (vom Staat) und die Kategorie der Förderung (durch den Staat), und bei letzterer müsse Politik eben sehr wohl eine Handhabe gegen Extremisten haben. Applaus im Saal. Aber auch Zwischenrufer: „Rücktritt!“ Ein Weimer-Satz der insgesamt schnell vergessenen Rede lässt aufhorchen. Er wolle den Buchhandlungspreis mit dem Börsenverein, der Kurt -Wolf-Stiftung „und anderen Stakeholdern“ neu aufsetzen.“[11]

Die Ausführungen zu Habermas, mit denen Weimar sich aus der Affäre ziehen will, sind besonders deshalb pikant, weil er als damaliger Chef von „Cicero“ 2006 die HJ-Vergangenheit von Habermas für eine Kampagne gegen ihn instrumentalisierte.[12]

Ein weiterer Fettnapf, den Weimar nicht ausgelassen hat, war seine Entscheidung, den Erweiterungsbau der deutschen Nationalbibliothek in Leipzig abzulehnen. Auch in dieser Sache war er gezwungen einzulenken. Jetzt heißt es aus dem BKM, eine abschließende Prüfung der Planungsunterlagen durch die Bauverwaltung des Bundes stehe noch aus und die langfristige Finanzierung sei nicht gesichert. Kritisiert hat Weimars Entscheidung auch der Verband deutscher Schriftsteller*innen (VS in ver.di). Das Kulturelle Gedächtnis Deutschlands sei in Gefahr.[13]

In Ihren Reden zur Eröffnung der Buchmesse machten sowohl der Leipziger Oberbürgermeister Jung als auch Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer Ihre Kritik am Verhalten Weimers deutlich. Kretschmer bot noch im Gewandhaus seine Hilfe beim Auftreiben des nötigen Geldes an: „Wir hören erst auf, Bücher zu sammeln und zu archivieren, wenn es sie nicht mehr gibt – und nicht schon vorher.“

Das Thema Meinungsfreiheit im Buchhandel ist noch lange nicht beendet. Die Politik Weimers ist nach der Auffassung von ver.di ein Angriff auf die Freiheit und die Förderung von Kunst und Kultur.[14] Die durch Weimer von der Buchhandelspreisliste gestrichenen Buchhandlungen klagen gegen ihn und vermutlich auch gegen das Bundesamt für Verfassungsschutz. Ihre Chancen stehen laut Einschätzung des Verfassungsrechtlers Christoph Möllers wohl ganz gut. Und auch vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages wurde das Haberer-Verfahren bereits als fraglich herausgestellt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht das Verfahren ebenfalls als äußerst fraglich an. Der Innenminister Dobrindt nahm andererseits in der Sendung mit Sandra Maischberger am Abend der Buchmessen Eröffnung Weimer in Schutz. Das Vorgehen des Kulturstaatsministers, Buchläden von einem Preis aus Gründen des Verfassungsschutzes auszuschließen, sei „im Prinzip in der Logik in Ordnung“.[15] Interessant ist wiederum, was Thea Dorn in der „Zeit“ unter dem Titel „Kann denn Verfassungsschutz Sünde sein?“ ausführt. Sie hat Recht: Etwas läuft falsch im Staate Deutschland.[16]

Heinrich Bleicher

[1] Hans Mayer, Über die Einheit der deutschen Literatur, in: Reden über Deutschland, S. 151-161, hier S. 155
[2] Hans Mayer, Widersprüche einer europäischen Literatur, in HM Aufklärung heute, Frankfurt am Main 1985, S.199-208
[3] https://taz.de/Wolfram-Weimer-und-die-Berlinale/!6152861/
[4] https://www.zdfheute.de/panorama/buchhandlungspreis-weimer-kulturstaatsminister-absage-klage-100.html
[5] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wie-wolfram-weimer-das-amt-des-kulturstaatsministers-ruiniert-accg-200631526.html
[6] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wolfram-weimer-im-kulturausschuss-200646353.html
[7] Wer sich selbst einen Überblick verschaffen will, besuche die Homepage des Ladens: https://buchladen-weltkugel.de/. Ausführlichere Informationen zum Themenspektrum finden sich hier https://kollektivliste.org/collective/27/
[8] https://buchladen-weltkugel.de/name
[9] https://www.mdr.de/kultur/buchmesse/leipzig-weimer-kritik-protest-buchhandlungspreis-kultur-news-100.html
[10] https://lesen-hilft.org/#petition
[11] https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article69ba6a5b4bac5c2831a9838c/leipziger-buchmesse-und-dann-erklaert-wolfram-weimer-das-habermas-verfahren.html
[12] Markus Schwering greift im Kölner Stadtanzeiger vom 19.3.2026 diese alte Geschichte unter der Überschrift „Die Herrschaft des Verdachts“ noch einmal auf. https://epages.ksta.de/epaper/KS-20260319-20260319.2-kc?page=21&articleId=8A72031F-2B32-4346-B99A-6FB96124AF75
[13] https://kunst-kultur.verdi.de/literatur/vs/++co++f5814034-2380-11f1-ae75-6fe4e609c44c
[14] https://kunst-kultur.verdi.de/literatur/vs/++co++dd62aa2c-1969-11f1-b9e1-b551b3b2d28b
[15] https://www.zeit.de/feuilleton/literatur/2026-03/wolfram-weimer-leipziger-buchmesse-demonstrationen-buchhandlungspreis
[16] https://www.zeit.de/2026/13/wolfram-weimer-verfassungsschutz-buchhandlungspreis-haber-verfahren/komplettansicht