Bericht „Aussenseitertagung“

Tagungsbericht: „Die hilflose Einsamkeit in einer Welt der Anderen“ oder „Aussenseiter“ bei Hans Mayer

Autorin: Helen Sotowic, Universität zu Köln,

„Die bürgerliche Aufklärung [ist] gescheitert. […] Sie versagte vor den Außenseitern“, postulierte Hans Mayer in seinem 1975 erschienen Buch Außenseiter.[1] Das 50-jährige Jubiläum der Veröffentlichung des Buches nahm die Hans-Mayer-Gesellschaft zum Anlass für eine Tagung unter dem Titel: „‚Die hilflose Einsamkeit in einer Welt der Anderen‘ oder ‚Aussenseiter‘ bei Hans Mayer“. Am 19. und 20. September 2025 diskutierten Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln über das Konzept des Außenseiter:innentums bei Hans Mayer und entwickelten seine Überlegungen unter Einbezug neuerer Forschungsstränge weiter. Ziel war es, neue Zugänge zu Mayers Theorie zu entwickeln und die historische Rolle von Außenseiter:innen in Gesellschaft, Kunst und Kultur kritisch zu hinterfragen.

Einen wichtigen Ausgangspunkt fand die Tagung in Mayers eigener Biographie. Er studierte Geschichte, Philosophie, Literaturgeschichte, war promovierter Jurist und vor allem Autor. Seine Erfahrungen als politisch verfolgter Linker, Jude und Homosexueller unter den Nationalsozialisten prägten sein Interesse an gesellschaftlichen Exklusionsmechanismen. Sein Buch von 1975 behandelt eine Geschichte der Ausgrenzung und zeichnet diese anhand von drei zentralen Beispielgruppen in literarischen Werken nach: Frauen, Homosexuelle und jüdische Menschen. Mayer stellt darin außerdem eine Theorie zum Außenseiter:innentum auf: Seine Unterscheidung zwischen „intentionellen“ und „existenziellen“ Außenseiter:innen sowie sein Fokus auf verschiedene Typen bildeten den leitenden Rahmen der Konferenz.

Heinrich Bleicher

HEINRICH BLEICHER (Köln) umriss diesen Rahmen mit Blick auf die Entstehung des Buches. Mayers Begegnung mit den Aborigines in Australien sowie seine Erfahrungen in den Vereinigten Staaten beeinflussten den Entstehungsprozess von Außenseiter. Bleicher skizzierte das Leben Hans Mayers: Von Exilstationen in Paris und Genf über seine Professuren in Leipzig, Tübingen und Hannover bis zu seiner Emigration aus der DDR in die Bundesrepublik spiegelte sein Leben ein mehrfaches Außenseitertum wider. Dieses biographische Fundament war für die gesamte Tagung von zentraler Bedeutung, da es den theoretischen Überlegungen Mayers eine substanzielle Dimension verlieh und seine Positionierung in der intellektuellen Landschaft der Bundesrepublik greifbar macht. So legte Bleicher die Grundlage für den weiteren Verlauf der Tagung, die in vielen Aspekten Bezug auf Mayers Leben und Werk nahm.

Bill Niven

Unter dem Titel „Frau mit der Waffe“ widmete sich BILL NIVEN (Nottingham) in seinem Vortrag Mayers erstem Fallbeispiel: Frauen, die Resilienz zeigten und Widerstand leisteten. Er verdeutlichte wie jüdische Frauen in der deutschen Literatur sexualisiert, dämonisiert und als zerstörerische Instanzen dargestellt wurden – etwa die Figur der Kundry in Richard Wagners Parsifal. Zwar sei sie nicht explizit als Jüdin bezeichnet worden, doch spiegelten sich in ihr zahlreiche tradierte antijüdische Stereotype wider, indem sie die Grenze zwischen Gut und Böse überschreite, ihre Sexualität als Waffe nutze, sich leicht bekleidet zeige und zersetzend auf die Gemeinschaft wirke. Später formulierte stigmatisierende Narrative seien als Gegenbewegung zur „neuen Frau“ in der Weimarer Republik zu lesen und ließen sich mit antisemitischen Vorurteilen verknüpfen. Besondere Aufmerksamkeit widmete Niven dem intersektionellen Zusammenspiel von Geschlecht und Antisemitismus: Nichtjüdische Frauen wurden zum Beispiel weniger stark sexualisiert. In der anschließenden Diskussion entwickelte sich die Idee, dass Außenseiter:innen nur zu solchen gemacht werden, wenn es eine „Innenseite“ gibt, die diese Grenzen zieht – eine Überlegung, die viele weitere Beiträge aufgriffen. Nivens Beitrag war somit nicht nur eine literaturhistorische Bestandsaufnahme, sondern auch ein Anstoß zur methodischen Reflexion.

Arno Meteling

ARNO METELING (Köln) exemplifizierte die den Mayerschen Außenseiter:innen inhärente Monstrosität anhand von Vampir-Darstellungen. Er stellte den Vampir als „Theoriefigur“ vor, die unterschiedliche Gruppen wie Jugendliche, die Konsumgesellschaft oder auch Homosexuelle repräsentiere. Der Vampir als „Untoter“ störe die Ordnung von Leben und Tod, sei mit Homosexualität und Tiermetaphern (darunter Fledermäuse und Ratten) verknüpft und sei so mit anderen Außenseiter:innen verbunden. Meteling verdeutlichte dies mit dem Vergleich des Blutvergießens und -saugens zwischen Männern als sexuellen Akt in verschiedenen Filmen des 20. Jahrhunderts. Dies verband er mit Voltaire und Marx, die ihrerzeit Börsenspekulanten und das Kapital als „vampirmäßig“ beschrieben. Durch die Verbindung des Vampirs mit Geld und Gold werde sichtbar, wie literarische und kulturelle Monstren gesellschaftliche Ängste bündeln und Normalität durch Abgrenzung schaffen.

Heiner Wittmann

Die Beziehung von Außenseiter:innentum und Autor:innenschaft stand im Zentrum der Überlegungen von HEINER WITTMANN (Pforta) zu Jean Genet. Dessen nonkonformes Leben, geprägt von Kriminalität und Homosexualität, wurde von Jean-Paul Sartre wie auch von Mayer als paradigmatisch für Außenseiter:innnenfiguren interpretiert. Sartre beschrieb Genets Weg vom Verbrecher zum Schriftsteller als Prozess, in dem er sein „Monstrumsein“ akzeptierte und daraus schöpfte. Sartre beschäftigte sich häufig mit Verbrechern und zeichnete ihren Weg vom Individuum zum Künstler nach, indem er die Grenzen psychoanalytischer Methoden mit marxistischen Ansätzen fokussierte. In der Diskussion wurde erneut die Frage nach der Unterscheidung zwischen intentionellem und existenziellem Außenseiter:innentum virulent: Als Autor könne Genet als intentioneller Außenseiter gelten, als Krimineller und Homosexueller hingegen als existenzieller. Ein klarer Trennstrich ließ sich nicht ziehen – ein Befund, der auch auf Mayer selbst zutrifft.

Andreas Kraß

Einen Einblick in die Rezeption Mayers in den Gay Studies bot der Vortrag von ANDREAS KRAß (Berlin). Zunächst zeichnete er die Geschichte des Paragraphen 175 nach, der von 1872 bis 1994 in verschiedenen Versionen Anwendung fand. Da der Paragraph in der Fassung des Kaiserreichs von der DDR und in der des Nationalsozialismus von der Bundesrepublik übernommen wurde, erlebte Hans Mayer, der 2001 starb, als homosexueller Mann all diese Fassungen sowie die Abschaffung des Paragraphen mit. Vor diesem Hintergrund erkannte er in Homosexualität nicht nur ein individuelles, sondern auch ein politisches Thema. Mayer gehörte einem humanistisch-liberalen Diskurs an, der Homosexualität sexualwissenschaftlich betrachtete und im Kontrast stand zu einem maskulinistisch-konservativen Diskurs, der Homosexualität als gesteigerte Männlichkeit und somit aus einem antifemininen und antisemitischen Blickpunkt betrachtete. Gleichwohl sei Außenseiter in den Gay Studies lange kaum beachtet worden. Zwar sei Mayer in den 1990er Jahren stellenweise zitiert worden, eine substanzielle Auseinandersetzung blieb jedoch aus. Kraß erklärte dies damit, dass Mayer durch seine stark historisch-literaturwissenschaftliche Perspektive in einem methodischen Feld verortet sei, das sich nur bedingt mit poststrukturalistisch geprägten Ansätzen verbinden lasse.

Marc-Oliver Carl

Das didaktische Potential von Mayers Theorie stellte MARK-OLIVER CARL (Frankfurt) heraus. Aus Perspektive einer machtkritischen, postkolonial informierten Literaturdidaktik fragte er, wie Außenseiter schon früher in eine Pädagogik der Diversität hätte einfließen können. Carl erläuterte die Grundlagen der machtkritischen Literaturdidaktik und betonte die Schnittmenge zu Mayer, der sich gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus und Ableismus positioniert und die Literatur als prädestiniertes Mittel für die Darstellung von Außenseiter:innen gesehen habe. Mayer interpretiere literarische Texte, aber formuliere keine didaktische Theorie. Heute, so folgerte Carl, sei Mayer durch die Entpolitisierung der Lehramtsdidaktik und die zunehmende Schüler:innenschaft mit Migrationshintergrund nicht mehr leicht an die Literaturdidaktik anzuschließen. Wenn aus Mayers Ansatz eine Theorie entstehen würde, wäre also keine Synthese, sondern eher Konkurrenz der beiden Theorien denkbar – eine Konkurrenz, die belebend wirken, aber auch zu gegenseitiger Zersetzung führen könne.

Die Konflikte zwischen Mayer und dem juristischen System des Nationalsozialismus leuchtete HANS-ERNST BÖTTCHER (Lübeck) mit seinem Vortrag über den juristischen Außenseiter Mayer aus. Anhand von Mayers Autobiografie Ein Deutscher auf Widerruf skizzierte Böttcher sein Leben als Jurist und setzte dieses in Verbindung mit der Justiz in der Weimarer Republik. Während viele Jurist:innen die Republik formal schützten, sie aber innerlich ablehnten, verteidigte Mayer die Verfassung – und wurde zugleich von ihr marginalisiert. Anhand des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ von 1934 exemplifizierte Böttcher die einsetzende Ausgrenzung vor allem von jüdischen Menschen als Außenseiter:innnen im juristischen Bereich. Der Vortrag warf die Frage auf, wie ein:e Feind:in definiert werde. Die Diskussion nahm die Problematik der aktuellen politischen Landschaft und die Handlungsfähigkeit der Judikative in den Blick.

Anne Bendel

Die Entscheidung Mayers, seinen Nachlass an das historische Archiv der Stadt Köln zu geben, nahm ANNE BENDEL (Köln) zum Anlass, um nach dem Archiv als Ort der Erinnerung und der „Wiedergutmachung“ zu fragen. Obwohl Mayer nach seiner Vertreibung Köln nicht mehr als seine Heimat empfand – diese Rolle übernahmen stattdessen Leipzig und Tübingen als für ihn nicht vorbelastete Orte –, überließ er dem Historischen Archiv seinen Nachlass. Bendel erörterte, dass das Archiv gleichzeitig Formen des Erinnerns, des Erfahrens und der „Wiedergutmachung“ ermögliche. Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 markiere die Ambivalenz zwischen Bewahrung und Gefährdung. Mayers Nachlass sei dabei glücklicherweise nur geringfügig beschädigt worden. Bendel betonte, auch Außenseiter:innen hätten ein Recht auf die Archivierung ihrer Nachlässe, um erinnert zu werden.

Rolf Füllmann

ROLF FÜLLMANN (Köln) rückte die Außenseiter:innnenfiguren in den Filmen Veit Harlans, der unter anderem bei Jud Süß Regie führte, ins Zentrum seines Vortrags. Jüdische Menschen, Frauen und Homosexuelle erscheinen in dessen Filmen als virulente Bedrohungen des Bürgertums. Im NS-Staat seien keine Horrorfilme produziert worden, sondern vielmehr antisemitische Propagandafilme, die Juden als Gefahr für die „arische Rasse“ inszenierten – insbesondere dann, wenn sie nicht von der übrigen Bevölkerung zu unterscheiden waren. Seine Thesen untermauerte Füllmann anhand zahlreicher Filmausschnitte. Jud Süß wurde zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung nicht als radikale Hetze empfunden, sondern symbolisierte die Normalisierung von Ausschluss. Harlans Nachkriegsfilme perpetuierten zudem weitere Außenseiter:innnennarrative, indem sie andere Feindbilder in Szene setzten, etwa Frauen und Homosexuelle. Häufig sexualisiert, wurden sie in der Narration gerade durch ihr Außenseiter:innentum zur Gefahr stilisiert.

Benedikt Wolf

Schließlich referierte BENEDIKT WOLF (Bielefeld) über Thomas Mann und seine Darstellung einer anderen gesellschaftlichen Randgruppe, die er mit Mayers Konzept des Außenseiter:innentums in Beziehung setzte. Dafür ordnete er vorerst den Begriff „Z*“ ein und erklärte, inwiefern er sich von der Bezeichnung Sinti und Roma unterscheide: Den Begriff verwende er nicht ethnographisch, sondern in einem soziographischen Sinne für eine Gruppe, die nicht mit der ethnischen Gruppe der Sinti und Roma übereinstimme. In Manns Werk Tonio Kröger komme die Formulierung „Z* im grünen Wagen“ viermal vor, um eine Außenseiter:innengruppe zu beschreiben, von der sich die Figuren in der Novelle klar abgrenzen. Der Protagonist sei sowohl ein existenzieller als auch ein intentioneller Außenseiter, womit Thomas Mann den Zusammenhang der beiden Formen des Außenseiter:innentums nach Mayer erfasse. Somit kam Wolf erneut auf dessen Außenseiter:innen-Theorie zurück – und auf die zu Beginn der Tagung aufgeworfene Frage, inwiefern intentionelles und existenzielles Außenseiter:innentum zusammenhängen und sich mehrfache Außenseiter:innen, wie Hans Mayer selbst es war, in dieses Konzept einordnen lassen.

Zwei von spannenden Vorträgen und Diskussionen begleitete Tage zeigten, dass das Werk Außenseiter von Hans Mayer noch zahlreiche Fragen und Anknüpfungspunkte bietet, die mit einer Schärfung der Begrifflichkeit beginnen. Die Tagung verdeutlichte, dass die Figur des Außenseiters intersektionell verbreitet, von großer Bedeutung und besonders prägend für die historische Literaturwissenschaft ist. Nicht nur definitorische Fragen, sondern auch Einblicke in Mayers Leben als Außenseiter und in anderer Außenseiter:innengruppen, eröffneten neue Interpretationsweisen und Forschungsmöglichkeiten auf und zeigten, dass sich Mayers Theorie weiterhin als anschlussfähig erweist.

Anmerkungen

Weitere Informationen zur Tagung finden sich auf der Homepage der Hans-Mayer-Gesellschaft:  https://www.hans-mayer-gesellschaft.de/aussenseiter-tagung/

[1] Hans Mayer, Außenseiter, Frankfurt am Main 1975.

Kurzübersicht des Tagungsablaufs:

Heinrich Bleicher (Köln): „Der Wind heult über den Michigansee“ – Zur Entstehung des Buches „Aussenseiter“

William Niven (Nottingham): Die Frau mit der Waffe: jüdische und nichtjüdische Figuren im Vergleich

Arno Meteling (Köln): Monster in der Bibliothek – Gelesene Außenseiter

Heiner Wittmann (Pforta) „… Befreiung über Arbeit und Genie“ – Sartre und Mayer über Jean Genet

Andreas Kraß (Berlin): Queere Außenseiter: Zur Rezeption Hans Mayers in den literaturwissenschaftlichen Gay Studies (1975-95)

Mark-Oliver Carl (Frankfurt): Didaktische Aspekte der Außenseiter-Theorie Hans Mayers

Hans-Ernst Böttcher (Lübeck): Der juristische Außenseiter Hans Mayer

Anne Bendel (Köln): Die Rückkehr des Außenseiters Hans Mayer in seine Heimatstadt

Rolf Füllmann (Köln): Juden, Frauen, Homosexuelle – Außenseiter im Zwielicht bei Veit Harlan

Benedikt Wolf (Bielefeld): Thomas Manns ‚zigeunerische‘ Außenseiter

(Fotos: Onno May und Claudia Wörmann)