Jean Améry als Aufklärer

Vortrag Professor Susan Neimans bei der Hans Mayer Lecture 2022

Mit einer eindrücklichen Liebeserklärung für den anderen Hans Mayer startete die Direktorin des Einstein Forums, Professor Susan Neiman, ihren furiosen Vortrag über den Aufklärer Jean Améry im Brechtbau der Uni Tübingen: Améry ist einer meiner Helden, der vermutlich mehr als jeder andere meine eigene Schriftstellerei beeinflusst hat. Doch über ihn zu schreiben ist so einschüchternd wie nur irgendetwas, denn kaum jemand schreibt so wunderbar wie er. Seine Klarheit, seine Leidenschaft, seine Ironie, sein Mut und sein untrüglicher Geschmack machten aus ihm einen Meister deutscher Prosa.“[1]

Jean Améry wurde am 31. Oktober 1912 unter dem Namen Hans Mayer in Wien geboren. Nach der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten ging er nach Belgien ins Exil. Als dieses besetzt wurde, trat er einer Widerstandsgruppe bei. Im Juli 1943 wurde er beim Verteilen von Flugblättern gegen die Besatzer verhaftet und in der Festung »Fort Breendonk« interniert und schwer gefoltert. Im Januar 1944 wurde er ins Konzentrationslager Ausschwitz eingeliefert. Es folgten weitere Verschleppungen ins KZ Mittelbau Dora und anschließend in das KZ Bergen-Belsen. Nach der Befreiung durch die Engländer am 15. April 1945 ging er zurück nach Belgien. [2] Über seine Verhaftung und die Zeit in den Konzentrationslagern veröffentlicht er 1966 eines seiner beeindruckendsten Bücher: »Jenseits von Schuld und Sühne«.

Skizze Amérys von Pieke Biermann im Februar 1970 in Hans Mayers Seminar in Hannover (© Biermann)

Lassen wir dazu Susan Neiman zu Wort kommen: Über ein Leben, das in den Provinzromantik begann und ihn durch Exil, Widerstand, Folter und Auschwitz geführt hat, wird man sicherlich sagen können, es sei von allem, was im 20. Jahrhundert entscheidend war, ergriffen worden. Erst recht, wenn sich dieses Leben durch eine ungeheure Belesenheit auszeichnet: Seine Kenntnis des modernen Denkens kann man im wahrsten Sinne des Wortes „intim“ nennen. Dass Améry sich mit großem Erfolg in Selbsterkenntnis übte, lag nicht allein daran, dass sein Leben als archetypisch gelten darf oder er es mit großer Intelligenz bewältigte, wovon der ständige Dialog zwischen Konkretem und Theoretischem zeugt. Vor allem seine ätzende Selbstkritik hat Anteil daran. Da er das Wort „luzide“ schätzte, konnte er auf das modischere „authentisch“ verzichten; was man zeigen kann, muss man nicht sagen.“

Diese Formulierung steht in seltsamer Kongruenz zu dem berühmten Schlusssatz von Ludwig Wittgensteins »Tractatus logico-philosophicus«. Mit dessen Schriften und dem Denken Kants war Améry sehr vertraut. Sie, aber auch die Schriften von Jean-Paul Sartre, haben sein Denken und Schreiben nachhaltig beeinflusst. Außer dem bestechenden Stil seiner Formulierungskünste ist sein Schreiben laut Neiman durch Wesen und Bedeutung des Subjekts und Verhältnis subjektiver Erfahrung zur Wirklichkeit geprägt. „Amérys Selbsterkundung nahm ihren Ausgang von der Erfahrung der absoluten Verneinung des Selbst. Lange nach Kriegsende erschütterte ihn jeden Morgen von Neuem jenes Brandmal, das in Auschwitz aus Hans Mayer den Häftling 172364 gemacht hatte und nun auf seinem Wiener Grabstein steht. Mit der Behauptung seiner Subjektivität reiht sich Améry in die altehrwürdige philosophische Tradition des Strebens nach Selbsterkenntnis ein; es ist auch ein Akt der Auflehnung.“

Das Thema des Buches »Jenseits von Schuld und Sühne« sind die „Grenzen des Geistes“. Zwanzig Jahre lang hatte Améry keine ihm geeignet erscheinenden Worte gefunden, um über 12 Jahre des Naziterrors zu sprechen. Mit dem Ausschwitzprozess von 1964 drängte sich ihm dann die Frage der Situation des Intellektuellen im Konzentrationslager auf. Im „Vollzug der Niederschrift“ auch mit welcher Methode er das Thema bewältigen konnte. Nicht in distanzierter wissenschaftlicher Betrachtung, sondern durch die Erzählung der eigenen „Opfer-Existenz“. Mit dieser Darstellung wendet er sich an die Deutschen, die „von den finsteren und kennzeichnenden Taten des Dritten Reiches nichts wissen wollen oder sich nicht mehr betroffen fühlen. Die Tortur, Schuld und Sühne sowie der Zwang und die Unmöglichkeit, Jude zu sein sind Themen des Buches.

Für Neiman die vernichtendste Anklage gegen die Vernunft, die sie gelesen hat: „Mit seinen Überlegungen zur Haltung der Intellektuellen in Auschwitz will Améry beschreiben, was geschieht, wenn sich die reine Vernunft dem absolut Bösen gegenübersieht. Seine Antwort fällt düster aus. Nicht allein, dass das absolut Böse den Sieg davontrug, es vernichtete den Intellekt in kürzester Zeit. Der Trost der Philosophie mag in einem römischen Gefängnis gewirkt haben, in Auschwitz blieb er nur ein paar Wochen. Dort, wie auch unter Folter der Gestapo wurde, was ein Mensch war, in bloßes Fleisch verwandelt. »Ein schwacher Druck mit der werkzeugbewehrten Hand reicht aus, den anderen samt seinem Kopf, in dem vielleicht Kant und Hegel und alle neun Symphonien und die Welt als Wille und Vorstellung aufbewahrt sind, zum schrill quäkenden Schlachtferkel zu machen.«[3] Die Leichtigkeit mit der sich alles, was wir Verstand, Seele oder Geist nennen, zerstören ließ, erstaunte Améry sein Leben lang. In Auschwitz ließ ihn die Vernunft vielfach im Stich.“

Im weiteren Verlauf ihres fesselnd-kämpferischen Vortrags ging Susan Neiman dann über zu Amérys Auseinandersetzung mit Adorno. Sie spannte dabei den Bogen von dem berühmten Zitat, dass „nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch ist“[4], bis zur Kritik an Adornos und Horkheimers »Dialektik der Aufklärung«. Dieses 1949 formulierte und 1951 erstmals veröffentlichte Verdikt Adornos hat eine vielfältige Debatte hervorgerufen. Einen guten Überblick dazu gibt Peter Stein in seinem Beitrag “Darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben.”[5] Die Kritik Amérys hat Adorno wohl mehr zu einer Revision gebracht, als das immer wieder zitierte Gegenbeispiel von Celans »Todesfuge«. In der 1966 erschienen »Negativen Dialektik« schreibt Adorno: „Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen. Sein Weiterleben bedarf schon der Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre: drastische Schuld des Verschonten. Zur Vergeltung suchen ihn Träume heim wie der, daß er gar nicht mehr lebte, sondern 1944 vergast worden wäre, und seine ganze Existenz danach lediglich in der Einbildung führte, Emanation des irren Wunsches eines vor zwanzig Jahren Umgebrachten.“[6]

Angeregte Gespräche beim Empfang nach dem Vortrag              Foto: HB

In verschiedenen Beiträgen kritisiert Améry die »Dialektik der Aufklärung«[7] von Adorno und Horkheimer, die er nach ihrem Erscheinen mit Begeisterung gelesen hatte.[8] Er konstatiert und darauf weist Neiman nachdrücklich hin: „Was hat sich ereignet, dass die Aufklärung zu einem ideengeschichtlichen Relikt wurde, gut genug allenfalls für emsig-sterile Forscherbemühtheit? Welche traurige Abirrung hat es dahin gebracht, dass zeitgemäße Denker Begriffe wie Fortschritt, Humanisierung, Vernunft nur noch unter vernichtenden Gänsefüßchen zu gebrauchen wagen?“[9] Diese Kritik findet sich in vielen anderen Aufsätzen Amérys. Die entgegen solchen Erfahrungen widerständige Haltung Amérys bringt Neiman auf den Punkt: „Im Einspruch gegen jedes der Vernunft zuwiderlaufende Vorkommnis finden wir den Wert des Menschen: Nur dank dieser Revolte gegen die Wirklichkeit sind wir fähig, Geschichte zu machen, Sinn und Würde zu schaffen. Wenn Amérys Verteidigung dieser Ideen so zu bewegen weiß, so ist der Nachweis ihrer Antithese nicht weniger schlagend. Denn kein anderer Autor hat Reflektion und Erfahrung so erfolgreich verbunden, um uns davon zu überzeugen, dass dieses Unterfangen spätestens nach Auschwitz zum Scheitern verurteilt ist.“

Amérys Ringen um die Bewältigung dieser Antinomie durchzieht sein gesamtes Werk. Damit, so Neiman, steht er auch in der Nachfolge Kants. Auf die Frage, wo er sich philosophisch verorte, bezeichnete er sich als existentialistischen Positivisten.[10] Der Blick des Aufklärers Améry war auf die Zukunft gerichtet. Wenn Améry hart mit Adorno in Gericht ging, so tut er dies noch viel nachhaltiger mit Foucault. Viele seiner Artikel über diesen und die anderen neuen Philosophen in Frankreich, mit deren Werken er außerordentlich gut vertraut war, kritisieren die neue Philosophie der Glucksmann, Lévy und anderer als alten Nihilismus.[11] Neiman pointiert: „So wie Améry es sieht, ist für Foucault und andere Strukturalisten „das System … alles, der Mensch nichts“, und dass, obwohl diese Autoren nur vage definieren, was das System ist. Wenn Struktur alles ist, wo bleibt dann noch Raum für menschliches Eingreifen? Tatsächlich, so Améry, gebe es für Foucault im historischen Prozess kaum so etwas wie Kausalität. Améry formuliert dem gegenüber: „Der Mensch als geschichtliches und moralisches Wesen ist frei nur, wenn er aus dem Panzer der Strukturen auszubrechen vermag; dass dies im Feld seines Möglichen liegt, hat er oft genug bewiesen.“[12] Foucault interessiert sich nicht für Beispiele von Befreiung, vor allem deshalb nicht, weil er glaubt, dass jede Befreiung sich bloß als eine subtilere Form der Unterdrückung entpuppt. „Mit diesem Manne ist nicht zu spaßen. Demystifikation ist sein unerbittliches Geschäft, Zerstörung humanistischer, melioristischer Illusionen sein brennendes Desiderat.“[13]

Neiman resümierte zum Schluss ihres Vortrages: „Wenn wir nicht anerkennen können, dass in der Vergangenheit, der ein oder andere Fortschritt erzielt worden ist, werden wir niemals den Willen in uns finden, weitere Fortschritte zu machen. Ein Werk, das darauf abzielt, alle früheren Fortschrittsversuche zu dekonstruieren, ist nicht bloß defätistisch – obgleich es das auch ist –, es kann vor allem nicht beanspruchen, links zu sein.“

Kein Wunder, dass in der an ihren Vortrag sich anschließenden Diskussion Amérys und auch ihr eigener kritischer Blick auf den fehlenden oder vernachlässigten Blick Adornos und Foucaults auf den Fortschrittsbegriff Thema der Debatte war.

In Kenntnis der Tübinger Debatte bemerkte der gastgebende Professor Eckart Goebel, der dankenswerterweise in seinem Begrüßungsstatement kenntnisreich die Rednerin vorgestellt hatte, an, dass der Geist Foucaults in der aktuellen Uni-Debatte durchaus virulent sei.

Mit ihren versierten Antworten zeigte die Direktorin des Einstein Forums, dass sie in der Debatte auf der Höhe der Zeit ist. Die vorgebrachten Gegenargumente brachten sie nicht davon ab, ihren fortschrittsbezogenen, kritisch linken Standpunkt aufrechtzuerhalten; ganz im Sinne Jean Amérys.

Über diesen – „seinen Freund und Doppelgänger“ – hatte Hans Mayer am 29. Oktober 1978 in seinen Gedenkworten in der »Akademie der Künste« formuliert: „Von Büchern, wie sie Jean Améry schrieb, hat ein Leser, der wirklich gemeint war, stets alles zu befürchten. Hier schrieb einer, der sich auskannte. Der wußte, was mit Worten wie Unfreiheit und Folter, Ohnmacht und Terror, aber auch wie Freiheit und Solidarität nur unzulänglich beschrieben werden konnte.“[14]

Heinrich Bleicher

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Wann und wo Professor Susan Neiman ihren Tübinger Vortrag veröffentlichen wird, ist noch offen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, ein aktuelles Interview mit ihr zu sehen. Der Stellvertretende Vorsitzende der Hans-Mayer-Gesellschaft hat mit ihr ein Gespräch für den Klett-Cotta-Blog geführt. In diesem Verlag sind die Werke von Jean Améry erschienen.

Siehe blog klett-cotta: http://blog.klett-cotta.de/sachbuch/nachgefragt-susan-neiman-spricht-ueber-jean-amery/

[1] Die Zitate aus Neimans Vortrag sind im Weiteren kursiv gesetzt.
[2]Zu den englischen Soldaten, die das KZ Bergen-Belsen befreiten, gehörte auch Harold Livingston (Helmut Löwenstein). Der in Stuttgart geborene Sohn des Mitbegründers der Mössinger Pausa, Artur Löwenstein, musste 1936 aus Schwaben fliehen. In England schloss er sich dem britischen Militär an. Im Alter von 22 Jahren sah er entsetzt das Grauen der Shoah in Bergen-Belsen. – Siehe dazu: Harold Livingston: Meine Erlebnisse nach der „Machtergreifung“ der Nazis. In: Irene Scherer, Welf Schröter, Klaus Ferstl (Hg.): Artur und Felix Löwenstein. Würdigung der Gründer der Textilfirma Pausa und geschichtliche Zusammenhänge, Mössingen 2013, S. 111-132.
[3] Jean Améry, Die Tortur, in: Jenseits von Schuld und Sühne, Stuttgart 2015, S. 73f.
[4] Das vollständige Zitat lautet: »Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ist, heute ein Gedicht zu schreiben.« Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft, in: Gesammelte Schriften Bd. 10/1, S. 30.
[5] Siehe Peter Stein Peter Stein, “Darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben.” (Adorno) in: Weimarer Beiträge (1996), H. 4, S. 485 – 508.
[6] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt 1967, S. 353f. In seiner Vorlesung zur Metaphysik geht Adorno konkret auf Jean Amérys Essay zur Tortur – erschienen damals im »Merkur« – ein. Der Herausgeber dieser Schriften, Rolf Tiedemann, fügt dann auch die konkreten Textnachweise hinzu. Siehe: Theodor W. Adorno, Metaphysik -Begriffe und Probleme, Frankfurt 1998, S. 274 und 276f.
[7] Die erste gedruckte Auflage erschien 1947 im Querido-Verlag in Amsterdam. In leicht überarbeiteter Fassung wieder 1969 und 1971 als Taschenbuch. In den 60er Jahren als begehrter Raubdruck.
[8] Jean Améry, Aufklärung als Philosophie perennis, in Werke Bd. 6, S. 554.
[9] A.a.O., S. 549.
[10] Siehe dazu Jean Améry, Rückkehr des Positivismus? In Werke Bd. 6, S. 359- -373, insbesondere 363-365.
[11] Siehe Jean Améry, Neue Philosophie oder alter Nihilismus – Politisch-Polemisches über Frankreichs enttäuschte Revolutionäre (1978), in: Werke Bd. 6, S. 232-254.
[12] Jean Améry, Wider den Strukturalismus, in: Werke Bd. 6, S.105.
[13] Jean Améry, Michael Foucaults Vision des Kerker-Universums, in: Werke Bd. 6, S.211.
[14] Hans Mayer, Gedenkworte für Jean Améry, in Werke Bd. 9, S. 568f.