Jost Hermand
Ehrenmitglied der HMG

Zu seinem 90. Geburtstag hat die Hans-Mayer-Gesellschaft (HMG) Professor Jost Hermand die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Die erste persönliche Begegnung zwischen Hans Mayer und Jost Hermand war für letzteren im ersten Moment etwas irritierend. In seinen Erinnerungen an Hans Mayer schildert er sie so:

„Ich konnte es daher kaum erwarten, Mayer endlich persönlich kennenzulernen. Und das geschah unerwarteter Weise bereits am 27. dieses Monats [September 1971, HB], also kurz nach seiner Ankunft in Milwaukee, als es an meiner Haustür klingelte und er plötzlich dastand. Obwohl wir uns noch nie begegnet waren, gaben wir uns – wohlvertraut mit unseren Schriften – die Hände, als würden wir uns schon lange kennen. Er kam sofort herein und sagte ohne jeden Umschweif: „Herr Hermand, da ist vor kurzem ein Buch über die Zeitschrift »Der Rote Kämpfer« (1) erschienen, die ich und Richard Friedenthal 1931/32 in Berlin als KPO-Blatt herausgegeben haben. Das müssen Sie sofort lesen. Wissen Sie, der junge Hans Mayer, sehr interessant!“ Erst war ich über so viel Eitelkeit etwas pikiert, aber dann begriff ich, dass Mayer mit mir nicht über den Herflug, das Wetter oder derlei Belanglosigkeiten reden wollte, sondern dass ihm das Politische als das Wichtigste erschien – und fühlte mich eher geehrt als überrumpelt.“(2)

Urkunde für Jost HermandIn den Schriften von Jost Hermand – die Deutsche Nationalbibliothek weist auf über 200 Publikationen hin – finden sich in seinen Publikationen seit den 70er Jahren häufig Hinweise auf Hans Mayers Publikationen und Positionierungen. Bei manchen Verweisen heißt es „…von Hans Mayer im persönlichen Gespräch mit dem Verfasser“.

Hans Mayer hat sich 1969, Anfang der 70er Jahre und nach seiner Emeritierung in Hannover längere Zeit in den USA aufgehalten. Dort finden sich auch die Anfänge und Fundierungen seines Buches »Aussenseiter« das er zu großen Teilen am »Lake Michigan« geschrieben hat. Zu den Personen, die ihm dabei mit „Ratschlägen wie Warnungen“ dienten, gehört neben anderen Freunden auch Jost Hermand. Der hat Mayer zu verschiedenen Tagungen an der Universität von Wisconsin als Referenten eingeladen. Zahlreich waren auch die Gespräche u.a. mit George L. Mosse und Reinhold Grimm sowie Jack Zipes, dem amerikanischen Übersetzer von Hans Mayer.

Ausgiebiger Diskussionsstoff zwischen den beiden im Kontext des »Aussenseiter«-Buches war natürlich Heinrich Heine. Dass beide ihn außerordentlich schätzten, war ohne Frage; aber es gab auch Differenzen. Eine davon war die unterschiedliche Einschätzung des berühmten Skandals »Heine contra Platen«. Hans Mayer hat dem in seinem »Außenseiter«-Buch einen längeren Abschnitt gewidmet(3), den er später in seinem Buch »Der Weg Heinrich Heines«(4) wieder aufgenommen hat. In einem Sammelband „Literatur im Historischen Prozess“ mit dem Titel »Signaturen – Heinrich Heine und das 19. Jahrhundert«(5) hatte sich Jost Hermand diesem Thema gewidmet.(6) Literarische Streitigkeiten waren in jenem Jahrhundert uptodate, aber der Heine-Platen-Streit „einmalig“. Das lesende Publikum konnte sich in solchen Fällen auf die eine oder andere Seite stellen, „nicht so in diesem Fall…. Schließlich wurden in diesem Fall zwei Tabus angerührt, für die es damals überhaupt noch keine »Öffentlichkeit« gab(7). Hans Mayers Einschätzung des Streites im »Aussenseiter« fasst Hermand dann als eine der wenigen »aufgeklärten« Positionen zusammen: „Mayer fällt daher keine Urteile. Im Gegenteil. Er sieht in dem Ganzen den geradezu tragischen Zusammenprall eines »Outsiders der Abkunft« mit einem »Outsider« der Geschlechtlichkeit.“(8)

Neben der moralischen und psychologischen Sichtweise macht Hermand dann eine in den späteren Jahren in der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten zu Tage tretende „dritte, eher von politischen Gesichtspunkten ausgehendes Interpretation dieses Skandals“ aus, das heißt eine „Adelskritik im Zeichen der von der französischen Revolution proklamierten Freiheits– und Gleichheitskonzepte“.(9)

Laudation auf Jost Hermand, 2010


> Die Laudatio auf Jost Hermand, die Heinrich Bleicher-Nagelsmann im Namen der Vorbereitungsgruppe der Tagung »Literatur und Politik« im Jahr 2010 gehalten hat, beruht auf einem Text, den im wesentlichen Wolfgang Beutin, ebenfalls Mitglied der Vorbereitungsgruppe, geschrieben hat. >>>


Um den politischen Heinrich Heine ging es dann auch bei dem Heinrich-Heine Kongress im Dezember 1972 in Düsseldorf zum 175. Geburtstag des seinerzeit ungeliebten Sohnes der Stadt. Sowohl Jost Hermand als auch Hans Mayer waren bei dem Kongress mit dabei. Für den Rias in Berlin hatte letzterer einen Rundfunkbeitrag geschrieben, der in deutscher Sprache so nicht veröffentlicht worden ist. Er erschien 1973 als Eröffnungsbeitrag für die amerikanische Literaturzeitschrift »New German Critique« (NGC) deren Geburtshelfer Hans Mayer in den USA gewesen war.(10)

Mit seinem Vortrag zu »Heines >Ideen< im Buch >Le Grand<« stieß Hermand auf Ablehnung und Kritik der zahlreich anwesenden älteren Goethe-Verehrer, denn er hatte „vor allem die links-hegelianische, das heißt gegen den goetheschen Indifferentismus gerichtete Perspektive des jungen Heine herausgearbeitet“.(11) Hans Mayer stellte in seinem NGC-Beitrag fest, dass die Ablehnung dieses Beitrags letztlich nicht auf den Professor aus Wisconsin mit seinem gut fundierten Beitrag zielte, sondern auf „den Ehrengast selbst – Heinrich Heine.“ Immer noch ein Weltphänomen und ein „deutscher Skandal“. Was das meinte formulierte Mayer so: „…es sollte nicht missverstanden werden als ein nationales oder rassistisches Symptom, sondern mehr als Ausdruck einer bürgerlichen Schulmeisterei und ästhetischen Fehlleistung beim Verständnis eines Autors, der Aufklärung nie als bourgeoise Emanzipation betrachtet hatte.“(12)

Ausführlich hat Mayer diese Bewertung des politischen Heine in seiner Einleitung zu »Heinrich Heine – Beiträge zur deutschen Ideologie«(13) entwickelt. Dort verweist er übrigens auch im Hinblick auf Heines Sozialismusverständnis auf den sehr erhellenden Vortrag von Leo Kreutzer »Heine und der Kommunismus«(14).

Ein weiteres großes Themenfeld, bei dem Hans Mayer und Jost Hermand sich trafen und ausführlich austauschten, war die Exilliteratur. Vom 22. bis 24. Oktober 1971 fand der von Jost Hermand und Reinhold Grimm veranstaltete »Third Wisconsin Workshop« zum Thema »Exil und innere Emigration« statt. Mayer, der zu dieser Zeit in Milwaukee lebte, kam des Öfteren nach Madison und sprach auf der Tagung über den 1. Deutschen Schriftstellerkongress, der 1947 auf Einladung des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung in Berlin unter dem Vorsitz von Ricarda Huch stattfand.(15) Auf dem Kongress selbst hatte Mayer über die Rolle des Schriftstellers für die Gesellschaft gesprochen. Ebenso zum Thema Antisemitismus. In seinem Bericht zum Kongress, der in den »Frankfurter Heften« erschien, hatte er das Thema »Macht und Ohnmacht des Wortes« gewählt. Sein Fazit, der Schriftsteller „ist ohnmächtig, wenn er nicht die Gewalt des >j`accuse< kennt und anzuwenden weiß, die Macht des anklagenden Wortes.«(16)

In Wisconsin sprach Mayer darüber, warum der Versuch zur Schaffung einer friedlichen antifaschistischen Literatur „wegen des zu diesem Zeitpunkt einsetzenden Beginn des Kalten Krieges zwangsläufig scheitern mußte.“(17)

Viele Gespräch zwischen Mayer und Hermand zu jener Zeit in Milwaukee/Wisconsin hatten auch Musik und Malerei zum Thema. In dem schon genannten Gespräch über Hans Mayer stellt Hermand dazu zusammenfassend fest: „Für mich war diese Zeit eine der intellektuell bereicherndsten Phasen meines Lebens. Die zum Teil langen Gespräche mit ihm, egal über welche Themen, waren trotz vieler Übereinstimmungen stets aufregend. Und zwar ging es dabei nicht nur um Politik. Da Mayer merkte, wie viel mir die „klassische Musik“ bedeutete, zogen sich unsere Unterhaltungen darüber oft lange hin. Vor allem in unserer Hochschätzung Beethovens stimmten wir Beide überein. So erzählte er mir, dass er bei seinen Lukács-Besuchen in Budapest oft nach dem Tee mit Frau Lukács eine Beethoven-Violinsonate gespielt habe und pflegte das mit dem emphatischen Ausspruch „Das ist Kultur!“ zu bekräftigen.

Was er ebenso schätzte, waren Gespräche über die gesellschaftspolitischen Beziehungen zwischen Literatur und Malerei, mit denen ich mich vor allem in den erwähnten Akademie-Bänden in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren ausführlich beschäftigt hatte. Und er war dankbar für jede Anregung auf diesem Gebiet. Als er deshalb Ende Januar 1974 Wisconsin verließ und in die Bundesrepublik zurückkehrte, fühlte ich mich fast wie ein aus der deutschen Intellektuellenatmosphäre verbannter Exilant.“(18)

Es verwundert also nicht, wenn Jost Hermand sein Buch »Sieben Arten an Deutschland zu leiden«(19) auf Basis dieser Begegnungen nicht nur Walter Grab, Felix Pollak und George Mosse, sondern eben auch Hans Mayer gewidmet hat.

Heinrich Bleicher-Nagelsmann


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1. Peter Friedemann / Uwe Schledorn (Hg.) Aktiv gegen Rechts Der Rote Kämpfer –. Marxistische Arbeiterzeitung 1930-1931, Essen 1994
2. Auszug aus einem Gespräch über Hans Mayer zwischen dem Vorsitzenden der HMG und Jost Hermand. Der gesamte Text wird zusammen mit anderen Gesprächen über Hans Mayer demnächst veröffentlicht.
3. HM, Aussenseiter, Frankfurt a.M. 1975, S. 277
4. HM, Der Weg Heinrich Heines, Frankfurt a.M. 1998, S.18f
5. Signaturen – Heinrich Heine und das 19. Jahrhundert herausgegeben von Rolf Hosfeld, Berlin 1986
6. A.a.O., S. 108-120
7. Hermand, a.a.O., S. 109. Es ging um Antisemitismus und Homosexualität, deren Verurteilung in der damaligen Gesellschaft gang und gäbe war
8. A.a.O., S. 111
9. A.a.O., S. 118
10. Siehe hierzu den Beitrag Hans Mayer der Schirmherr der »New German Critique« auf dieser Homepage
11. Jost Hermand, Zuhause und anderswo, Köln, Weimar, Wien 2001, S.164
12. «New German Critique« No. 1 (Winter, 1973), pp. 2-18. “…about the meaning of “German” scandal: it should not be misunderstood as a national or even racist symptom, but more an expression of the bourgeois scholarly and aesthetic failure to understand an author who never equated Enlightenment with mere bourgeois emancipation.” Übersetzung durch den Autor
13. Wieder abgedruckt in HM, Der Weg Heinrich Heines, S. 57-86
14. Leo Kreutzer, Heine und der Kommunismus, Göttingen 1970
15. Erster Deutscher Schriftstellerkongreß – 4.-8. Oktober 1947 Protokoll und Dokumente, herausgegeben von Ursula Reinhold, Dieter Schlenstedt und Horst Tanneberger, Berlin 1997. Mayers Beitrag in Wisconsin stand unter dem Thema »Innere und äußere Emigration«. Über den Kongress berichtet Mayer auch in seinem Erinnerungsband I, S.387–396
16. HM, Ein Deutscher auf Widerruf I, S. 396
17. Hermand, Zuhause, S. 163
18. Siehe Fußnote 2
19. Hermand, Sieben Arten an Deutschland zu leiden, Königstein 1979