Deutschland und die politische Humanität

75 Jahre nach den Nürnberger Prozessen

Unter dem Titel „Peinlich späte Erkenntnis“ schreibt der Redakteur der »Süddeutschen Zeitung«, Ronen Steinke, über die in der Bundesrepublik lange verhehlte Erkenntnis der Rechtmäßigkeit der Urteile im Nürnberger Prozeß vom 30. September 1946. Noch 1958 hielten die Richter am Bundesverfassungsgericht „nichts“ vom Werk der alliierten Juristen. „Der Bundesgerichtshof zitierte am 9. September 1958 in kühler Präzision eine ganze Reihe von Äußerungen westdeutscher Regierungsstellen, um zu untermauern, dass die Bundesrepublik keine einzige Entscheidung des Nürnberger Tribunals anerkannt habe. Das Urteil gegen 22 mächtige Männer des NS-Systems, Vernichtungskrieger wie Hermann Göring oder Wehrmachtschef Wilhelm Keitel sowie Einpeitscher wie Stürmer-Chef Julius Streicher. Das sei nichts als Siegerjustiz gewesen. Die neu geschaffenen, internationalen Straftatbestände, nämlich Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das Führen eines Angriffskriegs: Sie seien nicht einmal gültiges Recht.“[1] Adenauers Justizminister Hans-Joachim von Merkatz hatte sogar erklärt, die Nichtanerkennung des Nürnberger Urteils sei eine Frage der “deutschen Würde”.

Wie der große sozialdemokratische Jurist Gustav Radbruch war Hans Mayer einer derjenigen, die dies völlig anders sahen. Als Chefredakteur von Radio Frankfurt sprach er am 2. Oktober 1946 einen Kommentar zum Urteil im Nürnberger Prozeß, an dem er auch persönlich teilgenommen hatte. 1978 erschien dieser Kommentar leicht verändert in der »Zeit« unter dem Titel „Deutschland und die politische Humanität“.

Mayer baut seine Argumentation auf der Sichtweise von Kants 1795 erschienenen Schrift »Zum ewigen Frieden« auf. Darin bemühe sich Kant darzulegen, „daß im Wesen keine Trennung bestehe zwischen der Politik und der Moral, wobei er Moral immer wieder und ausdrücklich gleichsetzt mit der Entwicklung der Humanität, der Menschlichkeit. Wesensgleichheit aber von Politik und Humanität, das schien ein geeignetes Thema am Abend eines Urteilsspruches, der gerade Verbrechen gegen die Humanität, gegen die Menschlichkeit im Namen angeblicher Politik zum Gegenstand hatte.“[2]

In seinem Kommentar macht Mayer deutlich, dass es nicht nur um die Verurteilten Nazi-Größen wie Karl Dönitz, Baldur von Schirach, Alfred Jodl, Franz von Papen, Albert Speer, Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Alfred Rosenberg und Julius Streicher gehe. Mitgearbeitet hatten die Generäle, die Richter, die Wirtschaftsführer, die mit ihrem Geld „die Bürgerkriegsbanden“ organisiert hatten. Aber auch deutsche Lehrer und Erzieher sowie Intellektuelle, die „in der Blut-und-Eisen-Sprache schwelgten“. An führender Stelle auch der „spätere Kronjurist Görings, der Professor Carl Schmitt.“ Mayer hegte damals die Hoffnung, dass alle diese Männer und ihre Helferhelfer ihre Sühne erhalten würden. Sein Fazit: „Doch uns bleibt die Lehre: die Notwendigkeit einer geistigen Erneuerung, als Abkehr von jenem Kult von Blut und Eisen des Hohns auf Freiheit, Humanität, Menschenrecht und Völkerrecht. Es bleibt die Rückkehr zur einfachen menschlichen Anständigkeit. Das Urteil von Nürnberg wendet sich an uns alle. An uns liegt es das Wort Kants dennoch wahrzumachen.“

Bis es in der Bundesrepublik dazu gekommen ist, hat es allerdings Jahrzehnte gedauert. Erst in den 90er Jahren kam es laut Steinke auch bei den Juristen zu einer Kehrtwende der nach dem Kriegsende weiterherrschenden Verfassungssicht, dass das rechtsstaatliche Rückwirkungsverbot nicht bedingungslos gelten könne.

Heinrich Bleicher

[1] Ronen Steinke, Peinlich späte Erkenntnis, Süddeutsche Zeitung vom 30. September 2021
[2] Zu allen Zitaten Mayers siehe: Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf – Erinnerungen I, Frankfurt 1982, S. 342-352

Ein Konzert, das zu Tränen rührte

Zur Erinnerung an Mikis Theodorakis

Gestatten Sie einen etwas persönlichen Beitrag. Meines Wissens gab es keine Verbindung von Hans Mayer zu Mikis Theodorakis. Das Exilland beider, als entschiedene Gegner des Faschismus, war allerdings Frankreich, wo ich mich gerade aufhalte. Die Nachricht vom Tode des legendären Komponisten kam heute über die Medien. Musik, die wir alle kennen und Erinnerungen werden wach.

1974 fuhr ich mit meinem griechischen Freund Georg(ius), sowie Freundinnen und Freunden als junger Student nach Griechenland. Zum ersten Mal das so unbeschreiblich blaue Mittelmeer in Thessaloniki. Georgs Lieblings-Onkel wohnte in Athen. Ein alter Kommunist. Nach seiner Verhaftung während der Junta und brutaler Gefängniszeit auf einer Insel hatte er einen Job als Hausmeister in Athen gefunden. Mit großer Freude nahm er uns auf. Bekochte und bewirtete uns mit unglaublicher Gastfreundschaft. Ein Ereignis mussten wir unbedingt miterleben: das erste öffentliche Konzert von Theodorakis und seinen Musikerinnen und Musikern im Karaiskakis Stadion Athen.

Wir kamen etwas spät an; ohne Eintrittskarten. Wie auch immer gelang es Georgs Onkel, dass wir ins Stadium kamen. Ein Platz in den oberen Rängen wo es noch „viel Luft“ gab. Unten auf der Rasenfläche stimmten sich zwei Orchester ein. Auch Maria Farantouri, wie wir später hörten, war dabei. Plötzlich, schlagartig Ruhe. Theodorakis Stimme über die Lautsprecher: Er würde nicht spielen, wenn man die Leute, die draußen noch warteten, nicht hereinließe. So geschah es.

Erlebt habe ich dann das großartigste, berauschendste Konzert meines Lebens. Eine unglaubliche Stimmung, Begeisterung und Freude. Die Leute sangen mit, standen auf, waren zu Tränen gerührt. Ein emotionales Erlebnis ohnegleichen. Freiheit, Glück und Freude auf die Zukunft. Endlich war alles möglich. Die ganze Dimension des Ereignisses – abgesehen von dem musikalischen Erlebnis – habe ich erst später begriffen.  Der dritte Band von Erasmus Schöfers Tetralogie »Die Kinder des Sisyfos« (damals unter dem Titel »Tod in Athen« erschienen) zeigt die damaligen Ereignisse und Entwicklungen.

Seine Hinwendung zu den „Bürgerlichen“ haben viele Freunde, Unterstützer und Bewunderer Theodorakis übelgenommen. Er hat seine Vergangenheit und vor allem seine revolutionäre Musik aber nie verleugnet. Seine Freundschaft mit Pablo Neruda und die grandiose Vertonung des »Canto General« sind nur ein Beispiel. Wir trauern um Theodorakis, aber seine Musik lebt.

Heinrich Bleicher

 

Hans Mayer erneut lesen

Die Revue Germanique Internationale hat ihre Ausgabe 33/2021 unter der Leitung von Bénédicte Terrisse und Clément Fradin anlässlich seines 20. Todestages Hans Mayer gewidmet, um “die Bedeutung eines der großen deutschen Literaturkritiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für uns heute, dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer, zu bedenken.”

Hans Mayer (1907-2001) der zunächst 1948 einen Lehrstuhl in Leipzig und ab 1965 in Hannover hatte, habe, so die Herausgeber, “nie aufgehört, seinen stets behaupteten, aber heterodoxen Marxismus mit den Klassikern der deutschen Literatur ebenso zu konfrontieren wie mit den großen Autoren seiner Zeit, mit denen er auch verbunden war, von Bertolt Brecht bis Thomas Mann, über Paul Celan.” Mit ihrem Heft möchten sie zwei Perspektiven aufzeigen, die für Hans Mayer so charakteristisch waren. Zum einen geht es um den aus Köln stammenden jüdischen Intellektuellen Mayer dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden. Er ging 1933 ins Exil und hatte an der Geschichte der Intellektuellen inmitten der ideologischen Gegensätze einen erheblichen Anteil. Zum anderen steht Mayer für “die Genese, Entwicklung und Grenzen der Methode dieses vom Marxismus und Hegelianismus genährten, zwischen der Kritischen Theorie, den theoretischen Reflexionen Bertolt Brechts oder der Philosophie Ernst Blochs angesiedelten Literaturhistorikers […], indem sie mit seiner Lektüre der großen Autoren der Moderne (Kafka, Hofmannsthal), seinem Verhältnis zum Judentum, seiner Praxis und seinen Vorstellungen von zeitgenössischer Literatur konfrontiert wird.”

Clément Fradin und Bénédicte Terrisse erläutern in ihrer Einleitung die Bedeutung Mayers als Professor und Literaturkritiker: “Er war vor allem einer der großen deutschen Literaturkritiker der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, aber auch ein Musikwissenschaftler, dem es immer darum ging, ästhetische Phänomene in einer Analyse ihrer historischen Möglichkeitsbedingungen zu verankern.” Ihre Einleitung verrät sehr präzise Kenntnisse seines Werkes, aus der die beiden Autoren die Notwendigkeit und ihr Anliegen ableiten, sein Werk heute wieder einem wissenschaftlichen Publikum erneut zu präsentieren. Nach der Vorstellung wichtiger Stationen der Entwicklung seines Werkes kommen sie zu bemerkenswerten Beurteilungen: “In vielerlei Hinsicht schien Mayer mit seiner Zeit und den Orten, an denen er arbeitete, nicht Schritt halten zu können. In der DDR ein Heterodoxer, der die Einzigartigkeit der Werke und die Grenzen der Realismus-Doktrin betonte und eher die Ästhetik als das Dogma hervorhob, galt er im Westen, auch nach der Wende, als Marxist – was er nur bedingt war.” Und sie versichern ihren Lesern und versprechen damit nicht zu viel: “Mayers Texte können auch Perspektiven für eine transnationale Genealogie der germanistischen Methoden eröffnen.”

Es folgen drei Teile: “I. Stations historiques de Hans Mayer”. In Georg Büchner und seine Zeit hatte Mayer die studentischen Geheimbünde der deutschen Freiheitsbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts untersucht. Baumann zeigt hier, wie “Geheimgesellschaften skizziert werden, auf die Mayer kritisch Bezug nimmt.” Und wie er “vermittels einer historischen Miniatur den Diskurs über die angeblich notwendige, Re-Mythisierung der Gesellschaft’ zur Bekämpfung des Nazismus ad absurdum führt.”

Artikel von Helmut Peitsch über Mayers Lukács-Lektüre und Sarah Kiani über Mayers Jahre in der DDR ergänzen den ersten Teil. Der 2. Teil untersucht unter der Überschrift Identité et affinités den Werdegang Mayers im Zusammenhang mit der Entwicklung seiner Methode: Marielle Silhouette berichtet über die Begegnung von Hans Mayer und Bertolt Brecht, Norbert Waszek untersucht Mayers Verhältnis zu Ernst Bloch und Hans-Joachim Hahn wendet sich seinem Judentum zu.

Im 3. Teil wird Hans Mayer als Leser vorgestellt, seine große Passion, die durch die Bibliographie seines umfangreichen Werkes so gut illustriert wird: Clément Fradin erinnert an Mayers Kleist-Lektüre und es gelingt ihm so, an einem Beispiel Mayers literaturkritische Methode auf eine interessante Weise zu demonstrieren. Nach dieser Lektüre wird man den hier abgedruckten Text von Hans Mayer, > Heinrich von Kleist. L’instant historique lesen und Kleist wiederlesen!

Michael Woll berichtet über die Texte Mayers zu Hofmannsthal. Solange Lucas erinnert an die Texte Mayers über Kafka.

Bénédicte Terrisse untersucht grundsätzliche Fragen von Mayers Literaturkritik: Die Literatur war seine Leidenschaft, sie half ihm dabei im Osten und dann im Westen seine Karriere zu verfolgen. Terrisse untersucht den Begriff des “Zeitgenossen” in Mayers Texten. Seine Idee der “‘Zeitgenossenschaft’” erscheint im Kontext seiner Hegel-Rezeption als selbstreflexive Seite seines Denkens der Literaturgeschichte.” Terrisse vergleicht Mayers Werke mit dem Ansatz von Walter Höllerer und geht auf die Verbindungen Mayers zur Gruppe 47 ein. In diesem Zusammenhang betont Terrisse die “Dauerhaftigkeit” von Literatur, die sie in Mayers Literaturkritik wie einen roter Faden erkennt.

Heiner Wittmann

„Dem Proustianer, der ich geworden war…“*

Mit Hans Mayer zum 150. Geburtstag von Marcel Proust

„Marcel Proust, zwischen dem Faubourg Saint-Germain und der Unterwelt, der alles durchschaut, auch sich selbst, indem er Charlus agieren läßt und Bloch.”[1] Mit diesen Worten hat Hans Mayer in Aussenseiter den Roman La Recherche du temps perdu / Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in einem Satz zusammengefasst, der ganz und bewusst subjektiv seinen Blick auf Prousts Hauptwerk enthält. Darum geht es: Die Beschreibung der mondänen Feste in den Salons des Faubourg Saint-Germain und die Entwicklung der Personen, die die Salonkultur bestimmen, so wie die gleiche mondäne Gesellschaft auch die Entwicklung der Personen bestimmt, die Proust in der Recherche en détail nachzeichnet auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Mayer nennt in seinem Satz nur zwei Personen den Baron Charlus, dessen Homosexualität in „Sodom und Gomorrha“ aufgedeckt wird und Prousts Jugendfreund Albert Bloch, der nach einem seiner ersten Auftritte in einem Salon, dort (erstmal) nicht wiedergesehen werden will. Später, mehr oder weniger geläutert, erscheint Bloch als Dichter wieder und seine Gespräche mit Charlus schärfen ihre Charaktere.

Ende 1934 entdeckt Hans Mayer Proust: „Jetzt kaufte ich mir alle broschierten Bände mit dem scheinbar so manierierten Titel >A la Recherche du Temps perdu< und brauchte nun wochenlang kaum noch Gesellschaft, schon gar nicht Zuspruch, nur wenig Essen, was vorteilhaft war. Ich hatte Swann und Odette, die monströse Verdurin und den nicht minder monströsen Charlus, Kathedralen und Sonaten und blühende Bäume. Ich war siebenundzwanzig Jahre alt.“[2]

Marcel Proust, A la recherche du temps perdu 1987-1989.

Hans Mayer hat nur in den Aussenseitern der Recherche eine längere Passage gewidmet, aber Marcel Proust ist in seinem Gesamtwerk stets präsent, die Recherche gehörte zu seinem literarischen Grundgerüst. Immer wieder erinnert er an seine Proust-Lektüre, oft auch um erklärende Parallelen zu anderen Schriftstellern herzustellen: Als das Stück Sodome et Gomorrhe von Jean Giraudoux 1943 im besetzten Paris aufgeführt wird, erinnert Mayer an den gleichnamigen Roman von Proust, in dem beim Weltuntergang Sodom und Gomorrha im Gegensatz zu Giraudoux die Bedeutung als „bloßes Synonym für Teilaspekte der Welt: sie sind die Welt schlechthin, und die muß untergehen“[3] hat. Oder  wie Richard Lindner um 1950 als Maler von Proust den „inneren Zusammenhang alles existentiellen Außenseitertums“[4] erlebt. Und die Recherche erinnert Mayer auch an grundlegende Fragen der Ästhetik: in La Prisonnière plaudert Baron de Charlus über die Doppelmoral mit dem Sorbonneprofessor Brichot, der genau weiß, wer früher „auch so“ gewesen sei. Brichot versichert seinem Gesprächspartner: »Bei uns ist das nicht mehr wie bei den Griechen.«[5] „Chalus wird böse“, bemerkt Mayer und höhne später gegen die Päderasten und Proust macht aus Albert eine Albertine.[6] Später notiert Mayer den Gegensatz zwischen Oscar Wilde und Proust, der keinen homosexuellen Roman verfasst habe, denn es gehe nur um die Erinnerung, in der „sexuelle Vollziehung nur als vergangene“ geschildert wird.[7]

Im längsten Absatz von Hans Mayer über Marcel Proust, wieder in den Aussenseitern geht es, wie eingangs bereits angedeutet, u. a. um den Baron Charlus und Albert Bloch, sind doch ihre Gespräche so emblematisch für die ganze Recherche: Es geht um das Wiedersehen nach einigen Jahren: „Bloch war im Sprung eingetreten, wie eine Hyäne.“[8] Ein Wiedersehen nach zwanzig Jahren, eine Gelegenheit, jetzt über seinen künstlerischen und offenbar auch gesellschaftlichen Aufstieg zu sprechen, über den der Erzähler nachdenkt, zumal Blochs Start in diesem „Roman-fleuve“ einer mit Hindernissen war. Natürlich interessiert sich Mayer für Bloch, weil dieser so viel und auch irgendwie schön über die Literatur erzählt, und Mayer ist wohl auch ein wenig enttäuscht: „in einem Tonfall, der einerseits an den Polizeibericht gemahnt…“ In Bezug auf de Musset sagt das „Vernehmungsprotokoll“ „Hochstapler“: Alles ist gewollt und stilisiert,“ notiert Mayer: „Die vollkommene Konvention der Unkonvention.“ Und dann Blochs Manieren: Nochmal „Perfekte Konvention der Unkonvention“, mit Blochs wunderbarer Entschuldigung, als er sich zum Mittagessen um eineinhalb Stunden verspätet: „Ich lasse mich niemals durch den Trubel der Atmosphäre oder die herkömmlichen Zeiteinteilungen beeindrucken. Gern würde ich die Opiumpfeife oder den malaiischen Kris wieder zu Ehren bringen, aber ich ignoriere die viel gefährlicheren, und übrigens platt bourgeoisen Instrumente: die Uhr und den Regenschirm.“ (S. 403). Bloch der perfekte Außenseiter, den man nicht wiedersehen will. Was Charlus betrifft: „Übrigens ist Charlus‘ Argumentation zugunsten von Dreyfus schlimmer als die nackte antisemitische Negation,“ (S. 403) erklärt Mayer, Charlus meint der Landesverrat von Dreyfus richte sich höchstens gegen „Judaea“. Unmittelbar fechten er und Bloch ihre Unterschiede nicht aus, aber Mayer erkennt deren besondere Stellung ihrer Konfrontation im Roman: „In der Gesamtkomposition des großen Romans aber ist die als wichtiges Bauelement verarbeitet.“ (ebenda) Präzise gibt Mayer die Entwicklung der beiden Figuren wieder: „Im Maße wie Bloch in die Gesellschaft der aristokratischen Salons hineinwächst, wird Charlus unaufhaltsam von ihr ausgeschieden.“ (S. 405)

Im zweiten Band von Ein Deutscher auf Widerruf erinnert Hans Mayer an eine der berühmtesten Stellen in der Recherche: Der Erzähler tunkt seine »Madeleine« in seinen Tee und nimmt sogleich – seiner unwillkürlichen Erinnerung folgend – alle Düfte des Gartens war, die aus der Tasse aufsteigen. So beginne seine Suche nach der verlorenen Zeit, notiert Mayer: „Den zeremoniell servierten Kräutertee in Frankreich konnte ich niemals ausstehen.“[9] Und im Gespräch über Paul Celan erinnert sich Mayer unwillkürlich an Proust: „Wer sich erinnert, hat damit zugleich die Möglichkeit, sich nicht zu erinnern. Wer plötzlich, wie bei Proust nachzulesen, eine Kindheitserinnerung an die Großmutter wiederfindet, oder jäh die kleine musikalische Wendung aus einer Sonate von Vinteuil erinnert, hat lange im Zustand eines intermittierenden Vergessens gelebt. Nun ist das Damalige ins Bewusstsein zurückgekehrt.[10]

Die immer wiederkehrende Begegnung mit Proust unter verschiedenen Vorzeichen im Werk von Hans Mayer verführt zum Lesen oder Wiederlesen der Recherche du temps perdu.

Marcel Proust wird am 10. Juli 1871 in Paris geboren. Er war Schüler im Lycée Condorcet und hat an der École des Sciences Politiques studiert und an der Sorbonne Vorlesungen von Henri Bergson gehört. 1888 begann er in literarischen Zeitschriften zu publizieren, die er mit Freunden gegründet hatte, wie die Revue lila oder die Le Banquet. Ab 1893 schrieb er auch für die Revue blanche, wo auch Mallarmé und Gide ihre Texte veröffentlichten. Die Welt der Salons des Faubourg Saint-Germain wird ihm sehr vertraut, indem er Berichte über ihre Feste schreibt, erste Vorübungen zu den langen Kapiteln über die Soirée in der Recherche. 1896 erscheint Les plaisirs et les jours (dt. Tage der Freuden 1926) mit einer Sammlung von Aufsätzen und Rezensionen. Danach begann er einen Roman, Jean Santeuil, den er aber unvollendet ließ, der erst 1952 (dt. 1965) aus seinem Nachlass erschien. 1899 übersetzt er John Ruskin Sesame and the Lilies. Contre Sainte-Beuve (dt. Gegen Sainte-Beuve, 1954) entsteht 1908-1910. Um 1908 begann Proust mit der Imitation großer Schriftsteller und erzählte in Pastiches et mélanges, 1919 (dt. Pastiches; 1969) die Diamanten-Affäre Lemoine aus der stilistischen Sicht von Honoré de Balzac, Gustave Flaubert, sogar aus der Feder von Sainte-Beuve, der den Roman von Flaubert über diese Affäre rezensiert, Michelet, Émile Faguet oder Saint-Simon und schärft mit diesen Übungen sein stilistisches Können. 1909 begann er mit den ersten Arbeiten für seinen Romanzyklus A la recherche du temps perdu (15 Bände, 1913-1927) (dt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, 1953-1957). Der Start war schwierig, die ersten drei Verlage, denen er das Manuskript schickt, lehnten es ab. Dann erschien 1913 der erste Band bei Grasset, wofür Proust alle Kosten übernahm. Die begeisterten Kritiken gaben ihm Recht. 1916 übernahm die Nouvelle Revue française alle Rechte und veröffentlichte 1919 A l’ombre des jeunes filles en Fleur (dt. Im Schatten junger Mädchenblüte). Für diesen Band erhielt er im gleichen Jahr den »Prix Goncourt«.

Die Recherche ist ein großartiger Romanzyklus, der das mondäne Leben im Faubourg Sait-Germain und u.a. die Urlaubsfreuden in Balbec an der Küste vorstellt. Es geht um Liebe und viel Eifersucht, es geht um die Imagination, überhaupt darum wie Literatur Ideen transportiert, wie Erinnerung entsteht, was die Vergangenheit für uns bedeutet, wie sich im Kopf der Leser, in unseren Köpfen die Realität zusammensetzt. Kunst und Technik (Telefon, Auto, Eisenbahn), menschliche Beziehungen in allen ihren Formen, die Empfindlichkeiten jeder Art, wie das ästhetische Gefühl entsteht, wie Literatur wirken kann, wie eine Gesellschaft sich über Jahrzehnte hinweg verändern kann, das sind die großen Themen der Recherche. Es ist ein Kompendium der (Literatur-) Ästhetik, in dem der Autor uns immer wieder von Neuem grundlegende Einsichten präsentiert.

Die vier Pléiade-Bände der Recherche du temps perdu (1987-1989) enthalten jeder jeweils auf seinen letzten Seiten auf mehreren Seiten ein Résumé des jeweiligen Bandes.

Marcel Proust ist am 18.11.1922 in Paris gestorben.

Heiner Wittmann

* Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen. Bd. I, Frankfurt 21985, S. 234.

[1] Mayer, Aussenseiter, Frankfurt 1975, S. 379.
[2] Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen. Bd. I, Frankfurt 21985, S. 189.
[3] Mayer, Aussenseiter, S. 137.
[4] Mayer, Aussenseiter, S. 162.
[5] Mayer, Aussenseiter, S. 177.
[6] Vgl. Mayer, Aussenseiter, S. 182.
[7] Vgl. Mayer, Aussenseiter, S. 266.
[8] Vgl. Mayer, Aussenseiter, S. 401 und im Folgenden, S. 401-406.
[9]  Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen. Bd. II, Frankfurt 1984, S.267.
[10]  Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen. Bd. II, S.321f .

„Und Shakespeare weint.“

Hans Mayer und Georg Lukács – Eine kritisch-respektvolle Beziehung

Mit Datum vom 7. Juni 1957 ging bei dem „Lieben Kollegen Mayer“ ein Brief mit folgendem Wortlaut ein: „Entschuldigen Sie, dass ich mich mit einer Bitte an Sie wende. Seit früher Jugend sind mir die folgenden Zeilen im Gedächtnis geblieben: Meister Arouet sagt: Ich weine / Und Shakespeare weint. Ich habe immer geglaubt, dass diese Zeilen von Mathias Claudius sind. Als ich sie aber unlängst irgendwo zitieren musste, habe ich die Stelle bei Claudius nicht gefunden. Hier konnte ich nicht erfahren, von wem sie stammen, wenn mich mein Gedächtnis wirklich getäuscht hatte. Für Sie ist es sicher eine Kleinigkeit, mich darin aufzuklären.
Im voraus herzlichen Dank. Bitte grüßen Sie meine Leipziger Freunde herzlichst
Ihr ergebener Georg Lukács.“[1]

Der nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes von 1956 in der Sowjetunion, Ungarn und der DDR verfemte Kulturminister aus der Regierung des zum Tode verurteilten und 1958 hingerichteten ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy[2] wusste, dass er sich mit seiner Anfrage an den Richtigen wandte. Für den jungen Studenten Hans Mayer war der Autor des 1923 erschienen Buches »Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien zur marxistischen Dialektik« einer seiner wichtigsten Lehrer.[3] In seinen »Erinnerungen« schreibt er: „Der gelb broschierte Band aus dem Malik Verlag hat in meinem Leben eine beträchtliche Rolle gespielt. Bei der ersten Emigration konnte ich ihn noch mitnehmen, verlor ihn dann, er war auch nicht zu ersetzen, denn der Autor Lukács verleugnete sein Buch, wollte es nicht wieder publizieren, gab den Neudruck erst im Jahre 1968 für die Gesamtausgabe frei.“[4]

Um 1930 veranstalteten die Philosophen Helmuth Plessner, Erwin von Beckrath und Alfred Müller (-Armack) an der Universität Köln ein Marxismus-Seminar. Der erste Referent war Hans Mayer mit dem Thema „Was ist orthodoxer Marxismus?“ Das entsprach dem gleichlautenden ersten Kapitel des Lukács-Buches. Zum Ende des Vortrages meinte Plessner etwas belustigt aber auch nachdenklich: „Wenn man das akzeptiere, was soeben vorgetragen wurde, so laute die Folgerung, daß man orthodoxer Hegelianer sein müsse, um orthodoxer Marxist zu werden.“[5]

Der junge Lukacs (Foto: OSZK)

Lukács’ Buch und Anderson Nexös »Pelle der Eroberer« bewirkten, dass Hans Mayer zum „Roten Kämpfer“ wurde. Mit der Marxistischen Arbeiterzeitung »Der Rote Kämpfer«, die Mayer mit anderen Genossen ab 1930 herausgab, versuchte man die politische Debatte – insbesondere zwischen KPD und SPD – zu beeinflussen.  »Geschichte und Klassenbewußtsein« war nicht nur für den jungen Hans Mayer ein „Erweckungsbuch“. 1970 erschien es als eine Sonderausgabe im Luchterhand-Verlag als Taschenbuch. Noch kostengünstiger war der in Studentenkreisen erhältliche Raubdruck des Werkes in den siebziger Jahren. In dem zur Wiederauflage geschriebenen kritisch reflektierenden Vorwort weist Lukács darauf hin, dass das Kapitel über die „Verdinglichung“ sowie die Kategorie der „Vermittlung“ zentrale Themen des Buches ausmachen. In seiner Spiegelrezension beim Wiedererscheinen des Buches stellt Hans Mayer unter dem Titel „Widerruf des Widerrufs“ fest: „Es gibt kaum eine aktuelle Diskussion über die heutigen Perspektiven von Kapitalismus und Sozialismus. bürgerlichem und marxistischem Denken falschem und richtigem Bewußtsein, Selbstentfremdung und Warencharakter des Kulturbetriebes, die nicht zuerst von Georg Lukács und diesem Buch hier angeregt worden wäre.“[6]

Natürlich hat der „Kollege Mayer“ den „Lieben, verehrten Georg Lukács“ 1957 nicht lange auf seine Antwort warten lassen. Ein am 14.6.1957 aus der Tschaikowskystraße 23 in Leipzig abgesandter Brief enthielt folgende Mitteilung: „Ihr Gedächtnis hat Sie auch diesmal nicht betrogen. Die erwähnten Zeilen sind in der Tat von Matthias Claudius. Sie stehen im “Wandsbeker Boten“ in Nr. 200 vom Jahre 1771, und zwar unter dem Titel „Vergleichung“. Sie lauten genau:

Voltaire und Shakespeare: der eine
Ist was der andere scheint.
Meister Arouet sagt: ich weine;
Und Shakespeare weint.

Auch ich halte den Vierzeiler für eine meisterhafte Prägung, weshalb ich ihn in einer Studie über „Schillers Vorreden zu den ‘Räubern’ gleichfalls zitiert und analysiert habe. Meine Studie … habe ich dann in meinen Essayband „Deutsche Literatur und Weltliteratur“ aufgenommen, … Mit der gleichen Post schicke ich Ihnen das Buch zu und hoffe, Sie mögen aus dem Ganzen wie den Einzelheiten entnehmen, wie sehr dies alles Ihnen und Ihrem Werk verbunden ist.“[7]

In seinem Beitrag zu „Schiller Vorrede“ reflektiert Mayer das Claudius-Zitat in Bezug auf den Ausdruck von Empfindung in einer theatralischen Handlung, die eine Demonstration in vermittelter gespiegelter Form sei.[8] Vielschichtiger und dezidierter geht Lukács in seiner „Eigenart des Ästhetischen“ auf dieses Claudius-Zitat ein. Im Kapitel zum „Entstehen der ästhetischen Kategorien aus der magischen Mimesis“ schreibt er: „Da die mimetischen Gebilde vor allem Gefühle, Leidenschaften etc. zu evozieren berufen sind, muß jener, der sie direkt (im Tanz, Schauspiel) oder indirekt (Dichtung, bildende Kunst etc.) hervorrufen will, diese Gefühle und Leidenschaften denkbar intensiv erleben;…“ Kritsch reflektiert er dann im Folgenden: „Die Direktheit muß in den rezeptiven Beziehungen zu den Widerspieglungsbildern schon darum fehlen, weil die Art der Reaktion auf das vom Leben erweckte echte Gefühl eine völlig andere ist.“[9]

Für den Essayband „Deutsche Literatur und Weltliteratur“ hatte Mayer auch geplant, seinen damaligen Beitrag zum 70. Geburtstag aufzunehmen. Das Buch „Georg Lukács zum siebzigsten Geburtstag“ war 1955 im Aufbau-Verlag erschienen. In seinem Beitrag dafür hatte Mayer sehr klug über das Geburtstagskind und seine Bedeutung für die marxistische Literaturwissenschaft reflektiert. Dort heißt es unter anderem „ … wenn bestimmte literarische Fehlkonzeptionen für einen Menschen, der Lukács einmal richtig gelesen hat, nicht mehr diskutabel erscheinen, so zeigt sich daran, daß die Wissenschaft dieses ungarischen Ästhetikers, Philosophie- und Literaturhistorikers auch insoweit diesmal marxistischen Grundcharakter trug, als sie für die Wirklichkeit und die Diesseitigkeit ihres Denkens bloß das Kriterium der Praxis kennen ließ.“[10] Zwei Jahre später war dieser Beitrag für die SED aber absolut inakzeptabel. Lukács war seit dem Ungarnaufstand 1956 Persona non grata. Nicht einmal sein Name durfte mehr genannt werden.[11] Für Hans Mayer war das aber keinesfalls ein Grund, mit Georg Lukács keinen Kontakt mehr zu haben. Am Ende des Geburtstagsbeitrages schrieb er: „Ich habe Georg Lukács unendlich viel zu verdanken und weiß nicht, wo ich heute stünde, wäre ich ihm und seinem Denken nicht begegnet. Dafür möchte ich danken, und ich möchte dem verehrten Manne noch viele reiche Lebens- und Schaffensjahre wünschen.“

Er korrespondiert weiter mit ihm und sendet ihm seine Publikationen zu. Bei ihren Einschätzungen zu Brecht und E.T.A. Hoffmann sowie Kleist gibt es durchaus Differenzen. Bei Joyce und Kafka klaffen Welten. Die kontroversen Anschauungen werden z.T. in den Briefen benannt oder finden sich in einschlägigen Passagen in den Erinnerungen von Hans Mayer. Sehr konkret auch in der Publikation von Mayer über „Bertolt Brecht und die Tradition“.[12]

Im Oktober 1962 – ein Jahr vor seinem Weggang aus der DDR – konnte Mayer den verehrten Lehrer in Budapest noch einmal besuchen. „Er hatte sich wohl, nach so vielen Wandlungen und Gefahren, mit Ernst Bloch zu reden ‘zur Kenntlichkeit verändert’. Das war ein leiser, gütiger, zuhörender, gesprächsbereiter Mann von 77 Jahren. Er kommentierte damals, die Stimme zur Vertraulichkeit dämpfend, warum er zweimal offizielle Selbstkritik übte, ohne jemals daran zu glauben. Jetzt aber sei es abgetan. Selbstkritik gleich welcher Art könne von ihm nicht mehr erhofft werden.“[13]

In der Folgezeit versäumt Mayer nicht, dem verehrten Lehrer jedes Jahr zum Geburtstag zu gratulieren. Am 30. Juni 1970 schickt er aus Hannover ein Einschreiben nach Budapest, um dem „Lieben Meister“ zur Verleihung des Frankfurter „Goethepreises“ zu gratulieren. Er hoffte, ihn zur Preisverleihung in Frankfurt wiederzusehen. Die hat aber dort nicht stattgefunden. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Lukács nicht an der Feierstunde zur Preisverleihung teilnehmen. Am 31.8.1970 überreichte ihm daher der Oberbürgermeister Walter Möller mit einer Frankfurter Delegation, der auch Iring Fetscher als Laudator für Lukács angehörte, den Preis in Budapest. Die Auszeichnung des marxistischen Literaturästhetiker war heftig umstritten. Ablehnung gab es auch, weil Lukács ein Drittel des Preisgeldes von insgesamt 50.000 Mark dem Vietcong zur Verfügung stellte, bzw. das Preisgeld für die Aktion zur Rettung von Angela Davies erwägte.

Statue von Georg Lukacs (wikimedia)

Gut ein halbes Jahr später starb Georg Lukács am 4. Juni 1971 in Budapest. Ein Jahr später wurde in seiner Wohnung das öffentlich zugängliche Georg-Lukács-Archiv eröffnet. Nicht weit davon wurde zu seinen Ehren 1985 ein Statue aufgestellt. Doch für die rechte Orban-Regierung in Ungarn ist der Marxist und Jude Lukács ein Ärgernis. Trotz weltweiter Proteste wurde das Archiv 2016 geschlossen und ausgelagert. Die Statue im Szent-István-Park wurde laut Beschluss des Budapester Stadtrates auf Antrag der rechtsradikalen Jobbik-Partei 2017 entfernt.

Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung.

In Brasilien ist jüngst das Lukács-Buch »Die Zerstörung der   Vernunft« veröffentlicht worden und die Debatte um seine Inhalte befördert dort Aufschlüsse über die ideologischen Inhalte der aktuellen politischen Entwicklung dort. Außerdem gibt es eine zweite Lukacs-Renaissance in China. Weitere Informationen finden sich auch über neue Publikationen in Deutschland auf der Seite der Internationalen Lukács-Gesellschaft. Ein bei Suhrkamp erschienenes neues Buch mit ausgewählten Texten zur Ästhetik, Marxismus und Ontologie gibt einen guten Einblick in die immer noch lesenswerten Texte von Lukács.

[1] Zitiert nach dem Typoskript MTA Budapest Lukács Archiv.
[2] Siehe Dalos, György: „Der Prozess gegen Imre Nagy, Ungarn 1956–1958“, in: Groenewold/ Ignor / Koch (Hrsg.), Lexikon der Politischen Strafprozesse, https://www.lexikon-der-politischen-strafprozesse.de/glossar/nagy-imre/, letzter Zugriff am 4.06.2021. ‎
[3] Siehe Hans Mayer, Einige meiner Lehrer, Die Zeit, Nr. 13/1977 vom 5. März.
[4] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf- Erinnerungen, Frankfurt am Main 1982, S. 96.
[5] A.a.O., S. 105.
[6] Der Spiegel 36/1970 vom 30.08.1970, S. 127.
[7] Zitiert nach dem Typoskript MTA Budapest Lukács Archiv. Abgedruckt in: Hans Mayer, Briefe 1948-1963, herausgegeben und kommentiert von Mark Lehmstedt, Leipzig 2006, S. 330.
[8] Siehe: Hans Mayer, Deutsche Literatur und Weltliteratur. Reden und Aufsätze, Berlin 1957, S. 420.
[9] Georg Lukács, Die Eigenart des Ästhetischen Band 1, Berlin und Weimar 1981, S. 404.
[10] Georg Lukács zum siebzigsten Geburtstag, Berlin 1955, S. 168.
[11] Siehe dazu auch die Erläuterungen Lehmkuhls zum Brief Mayers an Johannes R. Becher vom 25. März 1957, in: Hans Mayer, Briefe 1948-1963, herausgegeben und kommentiert von Mark Lehmstedt, Leipzig 2006, S. 323.
[12] Hans Mayer, Bertolt Brecht und die Tradition, Pfullingen 1961.
[13] Hans Mayer, Einige meiner Lehrer, Die Zeit, Nr. 13/1977 vom 5. März.

„Alles war auf Widerruf angelegt“

Der 20. Todestag Hans Mayers fällt in ein besonderes Jahr. Es wird der 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland gedacht. Beleg hierfür ist ein Edikt, das der römische Kaiser Konstantin am 11. Dezember 321 erlassen hat. Das Gesetz besagt, dass Juden städtische Ämter in der Kurie, dem Stadtrat Kölns, bekleiden dürfen.
In diesem Festjahr „#2021JLID“ wird es am 8. Juni eine Veranstaltung geben, in der an den aus einer jüdischen Familie stammenden Hans Mayer erinnert wird. Nachfolgend ein Beitrag zu Hans Mayers Judentum, der auch auf der Seite »Literatur in Köln« unter der Rubrik „Aktuelles“ dokumentiert ist. Siehe: https://literaturinkoeln.de/

Hans Mayer über Köln und sein Judentum

„Wenn die kleinen Judenkinder in Köln im Herbst zu den großen jüdischen Feiertagen des Neujahrsfestes und des Versöhnungsfestes in die Synagoge gingen, standen draußen, zu Anfang der zwanziger Jahre, die kleinen katholischen Kinder, um die ungläubigen Judenkinder zu verspotten. Lachend plärrten sie ihre Beschimpfungen, die so begannen: »Jud! Jud! Jud!, Hep! Hep! Hep!, Steck de Nas inne Wasserschepp«.“

Mit dieser “Kindergeschichte“ in seinem Buch »Reisen nach Jerusalem« erinnert sich der am 19. März 1907 in der Genter Straße 30 geborene Hans Mayer an seine jüdische Herkunft. Der Spottruf „Hep“, den die Kinder nicht hätten erklären können, erinnerte an die Eroberung Jerusalems im Jahr 70 durch den römischen Feldherrn und Kaiser Titus. Der Tempel wurde zerstört und die heiligen Geräte als Siegesbeute nach Rom gebracht. Nach der Vertreibung der Juden in eine Welt der Diaspora verhöhnten die Sieger die geschlagenen Juden mit dem Spottruf: »Hierosolyma est perdita. Jerusalem ist verloren! Hep!«[1] Dieser Ruf, so Hans Mayer, galt immer noch, auch am Ausgang eines zweiten Jahrtausends im römisch-katholischen Köln.

„Alles war auf Widerruf angelegt. In der ehemals freien Reichs- und Hansestadt Köln konnte das bürgerliche Judentum mit viel Duldung und keiner ernsthaften Gleichberech­tigung rechnen.”[2] in dem Kapitel »Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens« stellt Hans Mayer dann fest: „Das bürgerliche Judentum jedoch vermochte sich auf niemand zu stützen: nicht auf den reichen und einflussvollen bürgerlichen Katholizismus, ebenso wenig auf die diffusen und in sich uneinigen Neinsager. Als Bürger konnten die Kölner Juden nicht gemeinsame Sache machen mit der Arbeiterschaft. Als Juden verfielen sie der theologischen Verurteilung. Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. Sie hatten nichts für sich anzuführen, als die Gleichheit vor dem Gesetz. Das war zu wenig.”[3] Das jüdische Bürgertum so konstatiert Mayer, „durfte dabei sein, ohne irgendwo mitbestim­men zu können.“[4]

[1] Hans Mayer, Reisen nach Jerusalem, Frankfurt am Main 1997, S. 11
[2] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf Erinnerungen I, Frankfurt am Main 1982, S. 53
[3] ebenda, S. 55
[4] a. a. O., S. 56

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HM_Repräsentant und Aussenseiter

 

„Vermittler zwischen den Sektoren und auch den Sektierern“ [1]

Claudia Wörmann-Adam

Erich Fried und Hans Mayer eine Freundschaft –
Zum 100. Geburtstag Erich Frieds am 6. Mai 2021

Hans Mayer erinnert sich nicht genau, wann er Erich Fried das erste Mal traf, nur dass dies schon kurz nach 1945 gewesen sein muss, als sich in rascher Folge Antifaschist*innen und Schriftsteller*innen auf unterschiedlichen Kongressen begegneten. Er ist sich aber ganz sicher, dass er vor Erich Fried gewarnt wurde: man sprach negativ über ihn, bezichtigte ihn von kommunistischer Seite der Zusammenarbeit mit der englischen BBC; das galt als Verrat!

In der Tat arbeitete Erich Fried eine Zeitlang als Rundfunksprecher beim BBC in London, seiner 2. Heimat, in die er als kritischer junger Wiener Jude vor den Nazifaschisten fliehen musste. Mayer erinnert sich, dass er auch schon früh auf dessen literarische Arbeit aufmerksam gemacht wurde, die sei interessant. Das war kurz nachdem Mayer seine Professur in Leipzig angetreten hatte.

Über Mayer ist häufig geschrieben worden, er sei in seinen Reaktionen harsch, aufbrausend und manchmal auch arrogant gewesen. Wenn man die Texte liest, die Mayer über Fried geschrieben hat, bekommt man einen ganz anderen Blick auf Hans Mayer: er schreibt sehr freundschaftlich, warmherzig, liebevoll fast zärtlich über Erich Fried, der ihm sehr viel bedeutet hat.

Erich Fried wurde am 5. Mai 1921 als einziges Kind von Hugo und Nellie Fried in Wien geboren. Die Familie war jüdisch; der Vater von Beruf Spediteur, die Mutter Grafikerin. Im Mai 1938 kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurde Hugo Fried bei einem Verhör durch die Gestapo zu Tode getreten. Der Mörder wurde nie verurteilt, sondern lebte nach dem Krieg in Düsseldorf und bezog eine Pension als Oberzollrat.[2] Dieser Mord führte dazu, dass Erich Fried als 17-Jähriger über Belgien nach London emigrierte wo er bis zu seinem Tod bleiben sollte. Es gelang ihm noch seine Mutter nach London zu retten, alle übrigen Verwandten wurden durch die Nazi-Faschisten verfolgt und umgebracht.

Erich Fried hatte schon als Kind begonnen zu schreiben und wurde einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Er übersetzte kongenial Autor*innen englischer Sprache ins Deutsche darunter William Shakespeare, T. S. Eliot, Graham Green, Sylvia Plath und Dylan Thomas. Er mischte sich wie kaum ein anderer in politische Diskussionen ein, vertrat Positionen der damaligen außerparlamentarischen Opposition; demonstrierte und trat als Redner bei politischen Kundgebungen auf. Es heißt über ihn, dass er sich „in konservativen und rechten Kreisen einen Ruf als „Stören-Fried“ erwarb“.[3] Fried engagierte sich gegen den Vietnam-Krieg, für Frieden und Abrüstung, gegen Ausgrenzung und Rassismus, für Menschenrechte, gegen jede Form von Unrecht und er schrieb, neben vielen engagierten sehr politischen Gedichten, viele der schönsten modernen Liebesgedichte deutscher Sprache.

Erich Fried beim Antikriegstag 1979 in der Dortmunder Westfalenhalle     (Foto: HB)

Mayer sah in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Westberlin das von Erich Fried übersetzte Theaterstück »Unter dem Milchwald« von Dylan Thomas „dem genialischen Dichter aus Wales“. Er schreibt dazu: „Ich sah die Aufführung, dann las ich das Stück, dann hatte ich für mich zwei Autoren entdeckt: den Dylan Tomas, dem ich leider nie begegnen sollte, und den Erich Fried.“[4]

Er beschreibt, wie sich langsam eine Beziehung zwischen ihnen aufbaut, vor allem durch die regelmäßigen Treffen im Rahmen der „Gruppe 47“, der beide angehörten. Schon früh stellte sich bei Mayer ein Gefühl der Freundschaft für Erich Fried ein: „Seitdem bleibt bei mir der Eindruck vorherrschend, dass ich ihn immer schon kannte, und dass er immer schon mein Freund war.“[5]

Und weiter: „Es geht wohl noch auf jene mittleren fünfziger Jahre zurück, dass ich Erich Fried, dem Kind eines jüdischen Elternhauses zu Wien, von meinem jüdischen Elternhaus in Köln am Rhein erzählte. Von meiner Schulzeit, den albernen Schulaufsätzen, darunter einem mit dem besonders albernen Titel »Was ist uns Deutschen der Wald?«. Erich Fried lachte, als ich davon erzählte, dann verging ihm das Lachen. Man begreift, wenn man sein berühmt gewordenes Gedicht liest, das eben den Titel meines Primaneraufsatzes als Überschrift trägt: »Was ist uns Deutschen der Wald?«. Er hat mir das Gedicht gewidmet.“[6]

Hans Mayer beschreibt auch Dissonanzen, die es zwischen den beiden gab, die aber der Freundschaft nicht dauerhaft schaden konnten.

In seiner Rede anlässlich des 65. Geburtstages von Fried beginnt Mayer: „Eine Rede auf Erich Fried, sogar eine Geburtstagsrede? Noch dazu in seiner Anwesenheit? Da sollte man auf der Hut sein. Ich kenne ihn. Dann sitzt er da, und dichtet heimlich.“[7] Er beschreibt, wie er immer wieder beobachtet hat, dass Fried bei Vorträgen und Lesungen Gedichte schrieb, ihm die manchmal rüber schob, damit er sie begutachten sollte; gleichzeitig hörte Fried aber aufmerksam dem Gesagten zu und meldete sich voll konzentriert zu Wort. Für Mayer war es faszinierend, diesen Dichterprozess zu verfolgen: „Hier saß einer und schien überzuströmen vor Wörtern und Worten, Wortspielen und Wörtlichkeiten.“[8]

Er spricht von den „vier großen Begabungen“ Erich Frieds: die dichterische, die für den großen Zorn, die eines großen Clowns, und, wie er schreibt, „die vielleicht größte neben dem poetischen Ausdruckszwang: seine Begabung für Freundschaft“. Und weiter: „Ich habe selten einen Menschen gefunden, noch dazu in der Welt der Literaten, der so unzugänglich wäre für die beiden Todsünden Geiz und Neid. Erich Fried praktiziert das neidlose Lob, und seine Warnungen sind Freundeswort.“[9]

Die zweite und letzte Rede, die Hans Mayer zu Ehren von Erich Fried hielt, war die auf der Trauerfeier nach seinem Tod 1988: „Vom Dichter Erich Fried soll zuerst gesprochen werden, aus diesem Anlass und an dieser Stelle. Von ihm her ist nämlich alles gekommen, was wir erlebt haben mit ihm und durch ihn: vom unablässigen Strömen der Sprache, genauer noch: Strömen der zärtlich geliebten Wörter, denen Erich Fried ihr Geheimnis ablauschte, ihren Nebensinn, ihre Widersprüche.“ Er beendet seine Rede mit: „Erich Fried: Ehre seinem Andenken.“[10]
Am 22. November 1989, genau ein Jahr nach Erich Frieds Tod, wird die Internationale Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache durch den Gründungspräsidenten Hans Mayer ins Leben gerufen. (Siehe: http://www.literaturhaus.at/index.php?id=6538.)

Der Band „Hans Mayer über Erich Fried“ endet mit einem weiteren Gedicht, das Erich Fried Mayer widmete: „Exkurs: Paul Celan für Hans Mayer“[11]; darin heißt es in den letzten Zeilen:

Du
hast das festgehalten
in deinen Worten
stark und behutsam
als hättest du so
ihn
festhalten können

Man wird es dir
und man wird dich
ihn und dich
nicht vergessen

Diese Zeilen sollten Hans Mayer und Paul Celan ehren. Hans Mayer hat in wenigen Tagen seinen 20. Todestag, Paul Celan hatte letztes Jahr seinen 100. Geburts- und 50. Todestag; Erich Fried am 6. Mai dieses Jahres seinen 100. Geburtstag. Es lohnt sich, der drei zu erinnern: am besten, indem man sie liest.

Claudia Wörmann-Adam

[1] Hans Mayer, Über Erich Fried, Hamburg 1991, S. 11
[2] Gerhard Lampe, „Ich will mich erinnern an alles was man vergißt“ Erich Fried Biographie und Werk, Köln 1989, S.11
[3] Wikipedia zu Erich Fried, aufgerufen am 4.5.2021
[4] H.M., über E.F., S. 10
[5] Ebenda, S. 10
[6] Ebenda, S. 12
[7] Ebenda, S. 29
[8] Ebenda, S. 31
[9] Ebenda, S. 32 ff
[10] Ebenda, S. 39 ff
[11] Ebenda, S. 56

Einheit von Geist und Tat – Leitmotiv der literarischen und öffentlichen Wirksamkeit

Zum 150. Geburtstag von Heinrich Mann
„Seinen höchsten Augenblick hat er wohl am 21. Juni 1935 erlebt und natürlich in Paris. Damals hatte Heinrich Mann sein 64. Lebensjahr vollendet; …einem sicheren Tod durch die neuen deutschen Machthaber hatte er sich lebensklug immer wieder in entscheidenden Augenblicken, rechtzeitig entziehen können.“ Mit diesen Worten beginnt Hans Mayer seinen Vortrag »Die Größe Heinrich Manns« am 24. April 1988 in der Akademie der Künste in Berlin.[1]

1950 für die Büchergilde vom Autor mit dem Filmtitel autorisierte Ausgabe des Professor Unrat (Foto HB)

Als Heinrich Mann am 21. Juni 1935 beim internationalen Schriftsteller-Kongress auf der Tribüne des großen Saals der Mutualité in Paris erschien, „erheben sich die 5000 oder 6000 Anwesenden, ohne daß jemand ein Zeichen gegeben hätte. Sie erhoben sich schweigend zu Ehren des großen deutschen Exilierten Heinrich Mann. In ihm ehrten sie das Deutschland, das der Welt unverlierbare Werte der Kultur und Gesittung überantwortet hat.“[2] Ludwig Marcuse, so stellt Hans-Albert Walter fest, beschreibt Mann 1935 bereits als „das (noch ungekrönte) Haupt nach dem Zusammenbruch des Milleniums“.[3] Heinrich Mann war seit dem Oktober 1933 Ehrenpräsident des (wiederbegründeten) „Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller im Exil“ (SDS) und Ehrenmitglied des britischen PEN-Clubs. Er vertrat die Angelegenheit der Exilierten vor dem Völkerbund und war Vorsitzender des Ausschusses zur Schaffung einer deutschen Volksfront. In seiner Rede vor dem Schriftstellerkongress stellte Mann fest: „Widerstand ist geboten. Man muß sich wappnen, nicht mit Geduld, sondern mit gefestigten Überzeugungen. … Zu verteidigen haben wir eine ruhmreiche Vergangenheit und was sie uns vererbt hat, die Freiheit zu denken und nach Erkenntnissen zu handeln.“[4] Mann formuliert hier erneut sein Leitmotiv, die „Einheit von Geist und Tat“. In seinem Erinnerungsband „Ein Zeitalter wird besichtigt“ fixiert Mann mit dem 1910 geschriebenen Essay „Geist und Tat“ den Beginn seiner Tätigkeit, die nicht nur auf Erkennen und Wiedergabe sondern auch auf Verändern gerichtet ist.[5] Dort schaut er auf Frankreich das (seit der Revolution) bereit ist, für den Geist zu streiten als die „Ratio militians selbst“. In Deutschland aber „Kein großes Volk: nur große Männer.“[6] Das Volk allerdings diskreditiert Mann nicht. Die „abtrünnigen Literaten …haben das Leben des Volkes nur als Symbol genommen für die eigenen hohen Erlebnisse.“ Mann fordert, dass sie „sich dem Volk verbünden gegen die Macht, daß sie die ganze Kraft des Wortes seinem Kampf schenken, der auch der Kampf des Geistes ist.“[7]

Das Grab Heinrich und Nelly Manns auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof (Foto HB)

In einem Vortrag an der Tübinger Universität zu den Brüdern Mann geht Hans Mayer auf das Leitmotiv Heinrich Manns ein, dass dieser, den Essay von 1910 fortschreibend, in seinem großen Beitrag zu Emile Zola 1915 formuliert hat. Es ist „die Vision einer demokratischen (und nicht mehr kapitalistischen) Gesellschaft. Die Verbindung von imperialistischem Krieg und imperialistischer Wirtschaft und wird klar denunziert.“[8]

Schon am Beginn des Krieges, dessen Ende vorausschauend, formuliert Heinrich Mann mit Blick auf das Ende der zweiten Französischen Republik aber dabei auch das Ende des deutschen Kaiserreichs meinend: „Demokratie aber ist hier ein Geschenk der Niederlage. Das Mehr an allgemeinem Glück, die Zunahme der menschlichen Würde, Ernst und Kraft, die wiederkehren, und eine Geistigkeit bereit zur Tat: Geschenke der Niederlage.“[9] Heinrich Mann spricht äußert zutreffend über Zola, dessen Leben, dessen Texte und dessen Handeln. Aber permanent liest man dabei auch Manns eigenes Denken und seine Handlungsintentionen. Sein Hoffen und Wünschen, den Sinn und Zweck seiner Arbeit und seines Handelns. In seinem Nachwort zu dem von ihm herausgegebenen Text formuliert Kantorowicz diesen Zola-Text auch als „Selbstbekenntnis Heinrich Manns“[10].

Die konsequente Fortführung dieser Überlegungen und Forderungen finden sich dann im Schreiben und Handeln Manns während seiner Exilzeit in Frankreich. Dorthin musste er nach der Machtübernahme durch die Nazifaschisten als einer ihrer prominentesten und nachhaltigsten Kritiker fliehen. Im Juni 1932 hatte er gemeinsam mit Albert Einstein, Käthe Kollwitz und anderen einen „Dringenden Appell“ unterzeichnet, der Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront und das Zusammengehen von SPD und KPD forderte.[11] Er endete mit dem Satz: „Sorgen wir dafür, daß nicht Trägheit der Natur und Feigheit des Herzens uns in die Barbarei versinken lassen!

Außerordentlich groß ist im französischen Exil die publizistische Tätigkeit Heinrich Manns. Nach einer Untersuchung von Karl Pawek in seiner Dissertation von 1972 sind es über 330 Aufsätze, Aufrufe und Vorworte. Hierbei sind die Sammelbände »Der Haß«, »Es kommt der Tag« und »Mut« noch nicht berücksichtigt.[12] Er ist in nahezu allen relevanten Zeitschriften des Exils vertreten. Eine besondere Tätigkeit Heinrich Manns in den Jahren 1935-1939 liegt in seiner Tätigkeit für die Volksfront. Er ist also nicht nur literarisch, sondern auch politisch tätig. Getreu seinem Leitmotiv der Einheit von Geist und Tat. Das Scheitern dieser Bemühungen wird in der Literatur unterschiedlich gesehen und bewertet. Dabei geht es nicht nur um den Blick westlicher Forscher*innen oder (ehemaliger) DDR-Forscher*innen, sondern auch um die jeweilige politische Perspektive in Bezug auf das Handeln der partei-politisch einzuschätzenden Personen.[13]

Viele Schriftsteller im Exil wandten sich der Verfassung sogenannter historischer Romane zu. Hans Mayer stellt in seinem Beitrag »Heinrich Manns „Henri Quatre“« fest: „Die meisten Emigrationsschriftsteller suchten sich Themen und Gestalten woran sie Gegenwartskonflikte zwischen Humanität und Antihumanität sozusagen auf dem „neutralen“ geschichtlichen Terrain abhandeln konnten. Die meisten Schriftsteller waren und blieben bürgerliche Autoren. Für sie wurde plötzlich, trotz der ironischen Warnung eines Friedrich Hebbel, der Schriftsteller zum „Auferstehungsengel der Geschichte“.[14] Über das Sujet des historischen Romans hat es umfangreiche, spannende Auseinandersetzungen gegeben. In diesem Kontext zu nennen sind insbesondere die Betrachtungen Lion Feuchtwangers und Georg Lukács auf den sich Hans Mayer – nicht das Buch, aber andere Analysen kennend – unausgesprochen bezieht.[15]

Heinrich Manns zweibändiges Romanwerk ist nach Mayers Auffassung ein echter historischer Roman, der nicht mit zwanghaftem Vergleichsblick auf die aktuelle Entwicklung geschrieben ist. Wie der berühmte »Untertan«, der das kaiserliche Deutschland betrifft, aber schon die Perspektive auf den kommenden Faschismus hat, zielt auch der »Henri Quatre« auf die Gegenwart. Quasi in Form eines Gegenentwurfs. Die Politik des französischen Königs zielt auf „Respekt vor dem Leben und Glück der Mitmenschen, (sowie) die Sorge für das Glück des Volkes.“

Der “Henri Quatre” als Kopfstütze (Foto HB)

Explizit am Ende des Buches, in der „Moralité“ aus einer Wolke, die von einem Blitzstrahl erhellt wird, spricht Henri Quatre und mit ihm auch Heinrich Mann in die Gegenwart: „… ich bin nicht tot. Ich lebe, und doch nicht auf eine übernatürliche Weise. Ihr setzt mein Werk fort. Bewahrt euch all euren Mut, mitten im fürchterlichen Handgemenge, in dem so viele mächtige Feinde euch bedrohen. Es gibt immer Unterdrücker des Volkes, die habe ich schon zu meiner Zeit nicht geliebt; kaum, daß sie ihr Kleid gewechselt haben, keineswegs aber ihr Gesicht (ihre Grundhaltung, HM) … Fürchtet euch nicht vor den Messern, die man gegen euch zückt. Ich habe sie grundlos gefürchtet. Macht es besser als ich.“[16]

Sehr zu Recht hat Jeanine Meerapfel, die Präsidentin der Akademie der Künste, in ihrer Video-Ansprache zum 150. Geburtstag Heinrich Manns die Bedeutung des »Henri Quatre« herausgestellt. Zu danken ist ihr und anderen Einrichtungen, die das literarische Erbe Heinrich Manns hüten, dass alle Quellen nun digital zugänglich gemacht werden.[17] Den ersten Eindruck gibt eine virtuelle Ausstellung (siehe: https://www.heinrich-mann-digital.net/HMD/). Wen es mehr zum gedruckten Buch zieht, sei auf die Neuausgabe des »Professor Unrat« mit Bildern von Martin Stark erschienen in der Büchergilde Gutenberg verwiesen.

[1] Hans Mayer, Die Größe Heinrich Manns, in: Abend der Vernunft, Frankfurt am Main 1990, S. 179-195
[2] Alfred Kantorowicz, Heinrich Manns Vermächtnis, in Sonderheft Text und Kritik Heinrich Mann, München 1971, S. 15-33, hier S.30
[3] Zitiert nach Sonderheft Heinrich Mann, S. 123
[4] Heinrich Mann, Verteidigung der Kultur – Antifaschistische Streitschriften und Essays, Berlin und Weimar 21973, S. 126 und 128
[5] Heinrich Mann, Ein Zeitalter wird besichtigt, Berlin 1973, S. 181
[6] Heinrich Mann, Geist und Tat, in: Essays Erster Band, herausgegeben von Alfred Kantorowicz, Berlin 1954, S. 7-14, hier S. 8 und 11
[7] A.a.O., S.13
[8] Hans Mayer, Französisch-deutsche Spannungen: Thomas und Heinrich Mann Tübinger Universitätsvortrag 1985, in: Bürgerliche Endzeit – Reden und Vorträge 1980 bis 2000, Frankfurt am Main 2000, S. 43-63, hier S. 48f
[9] Heinrich Mann, Zola, in: Heinrich Mann, Essays – Erster Band, Berlin 1954 herausgegeben von Alfred Kantorowicz, S. 197
[10] A.a.O., S. 487
[11] Heinrich Mann, Essays und Publizistik Band 5 1930 bis Februar 1933, herausgegeben von Wolfgang Klein, Anne Flierl und Volker Riedel, Bielefeld 2009, S.456f. Der Aufruf erschien zuerst in der von Willi Eichler herausgegebenen Zeitschrift »Der Funke« und wurde dann auch als Plakat verbreitet. Es wurde für die Reichstagswahlen am 5. März 1933 erneut verbreitet. Das Plakat wurde der Anlass für den am 15. Februar erzwungenen Austritt Heinrich Manns aus der Akademie der Künste.
[12] Siehe Karl Pawek, Heinrich Manns Kampf gegen den Faschismus im französischen Exil 1933-1940, Hamburg 1972, S. 35 ff
[13] Differenzierte Darstellungen finden sich bei Pawek in der genannten Publikation und Gerd Bauer/ Peter Stein in ihrem Beitrag „Heinrich Mann im Exil. Standort und Kampf für die deutsche Volksfront“, in: Lutz Winkler (Hrsg.) Antifaschistische Literatur – Programme Autoren Werke Band 1Kronberg Taunus 1977, S. 53-141. Siehe auch Willi Jasper im Nachwort zu der Ausgabe Heinrich Manns Mut vom März 1991 bei Fischer, S. 305ff und Willi Jasper, Heinrich Mann und die Volksfrontdiskussion, Bern 1982
[14] Hans Mayer, Heinrich Manns „Henri Quatre“ in: ders. Deutsche Literatur und Weltliteratur, Berlin 1957, S. 682-689, hier, S. 682
[15] Lion Feuchtwanger, Das Haus der Desdemona, Rudolstadt 1969 und Georg Lukács, Der historische Roman, Berlin 1955
[16] Übertragung der französischen Texte ins Deutsche im Anhang der von Alfred Kantorowicz herausgegebenen Ausgabe des „Henri Quatre“, Berlin 1952
[17] Siehe https://www.adk.de/de/programm/?we_objectID=62124