„Im Jahre 1947 stand ich in Köln vor dem schönen Familienhaus meiner Großmutter und meiner vertriebenen Eltern. Die entsetzten und feindseligen Blicke der damaligen Bewohner, als ich mich als Erbe zu erkennen gab. Ich habe dann diese Erbschaft nicht antreten wollen. Ein Widerruf des Widerrufs war nicht möglich.“[1] So erzählt Hans Mayer über seinen ersten Besuch in Köln nach den Jahren des Exils.
Die Stolpersteine für die Familie Mayer in der Siemensstraße 60 (Foto: HB)
Vor dem Haus seiner Großmutter in Köln Neu-Ehrenfeld in der Siemensstraße 60,
nicht weit entfernt von der letzten Wohnadresse Hans Mayers am jetzigen Ehrenfeldgürtel 171, liegen sieben Stolpersteine: für seine Eltern Rudolf und Ida Mayer sowie weitere Familienmitglieder. Seine Eltern wurden 1941 zunächst nach Lodz (Litzmannstadt) dann nach Chelmo (Kulmhof) deportiert und dort ermordet.
Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt „Stolpersteine“ seit 1995 zunächst in Köln und mittlerweile europaweit über 70.000 zum Gedenken an von den Nazis verfolgte Menschen z.B. für Roma und Sinti, für Jüdinnen und Juden, Homosexuelle, politisch und „rassisch“ Verfolgte, Menschen mit Behinderungen usw. Eine Liste aller bisher verlegten Stolpersteine ist einsehbar auf der Internetseite des NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln.[2]
Unter dem Motto „Glanz statt Hetze“ riefen auf Initiative der Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker, das NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln und sein Förderverein „EL-DE-Haus Verein“, die Kölner Schwulen- und Lesbentage, die Kölnische Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit, die Jüdisch Liberale Gemeinde Gescher LaMassoret, Maro Drom, der Rom e.V. und die Synagogengemeinde Köln dazu auf, in einer Aktionswoche vom 11.-17.8. 2020 die in Köln verlegten „Stolpersteine“ zu reinigen.[3]
Der Vorsitzende der Hans-Mayer-Gesellschaft und die Autorin dieses Artikels sind dem Aufruf „Glanz statt Hetze“ gefolgt und haben die „Stolpersteine“ für die Familie von Hans Mayer gereinigt und wieder zum Glänzen gebracht.
Claudia Wörmann-Adam
Mitglied Hans-Mayer-Gesellschaft
Gründungs- und Vorstandsmitglied des Verein EL-DE-Haus
Bekannt ist von Hans Mayer seine Herkunft als promovierter Jurist und späterer Literaturwissenschaftler. Gerade in seiner Exilzeit zeigt er sich aber auch als ausgezeichneter Historiker und Soziologe. Das zeigen u.a. seine Arbeiten für das Horkheimersche »Institut für Sozialforschung« und seine Begegnungen am Collège de Sociologie mit herausragenden Wissenschaftlern wie Bataille, Klosowski und Benjamin. Natürlich war der Nationalsozialismus in Deutschland ein zentrales Thema.
„Was bloße Ideologie und sektiererische Verschwörung war, hat er [Hitler] in eine Taktik, eine Politik des Erfolgs überführt.“ In bestechender Analyse zieht Hans Mayer in seinem Vortrag am 18. April 1939 vor den Mitgliedern und Gästen des Collège de Sociologie[1] die historische Linie von den „Ressentiments, Emotionen und Erinnerungen […], die die deutsche Geschichte und insbesondere die Geschichte der Einigung Deutschland im letzten Jahrhundert (i. e. das 19. Jh., H.W.) produziert und komponiert“[2] haben zum Nationalsozialismus.
Wie Mayer in einem Brief an Denis Hollier berichtet, der die Vorträge im Collège de Sociologie veröffentlicht hat, folgte die Einladung zu diesem Vortrag seinen regelmäßigen Begegnungen mit Georges Bataille. In seiner Autobiographie Ein Deutscher auf Widerruf hat Mayer über die Treffen mit Georges Bataille berichtet: „Georges Bataille war viel ,deutscher‘, als ich es hätte je sein können.“[3] Mayer bedauerte in seiner Biographie sein „Versagen vor ihm und seinem Werben, hatte doch Bataille schon 1933 über „Die psychologische Struktur des Faschismus“ geschrieben und darin festgestellt, dass das »erwachte« Deutschland eine Entgrenzung des Denkens verlange, „um die Entgrenzungen, die folgen würden, vom tradierten Handbeil bis zur perfektionierten Gaskammer, begreifbar zu machen.“[4] „Ich bin ausgewichen, ohne zu verstehen,“ bedauert Mayer. Hatten sich zwei Intellektuelle verpasst? Die Frage ist berechtigt, da Mayers Vortrag durch seine Erklärungsversuche, Interpretationen der Erfolge Hitlers zu formulieren, auf großes Interesse stoßen musste, zumal Bücher der von Mayer genannten Autoren wie Arthur Moeller van den Bruck (1876-1926), Das Dritte Reich, 1923, schon seit 1933 auf Französisch vorlagen oder kurz darauf erschienen wie Hermann Rauschning, Die Revolution des Nihilismus. Kulisse und Wirklichkeit im Dritten Reich, 1938 (Gallimard 1939).
Mayer bezieht sich in seinem Vortrag im April 1939 auf die Rezeption Hitler-Deutschlands durch französische Soziologen und Politiker. Das erste Erklärungsmuster derjenigen, die Hitler in der Theorie des »ewigen« Germanen sehen, dass die mittelbaren Anlässe wie Massenarbeitslosigkeit oder Irrtümer der Parteien, die als Erklärung für den Erfolg Hitlers bemüht werden, verwirft Mayer als zu oberflächlich. Hitlers Erfolg insbesondere bei den Mittelschichten will Mayer mit einer zweiten These deuten, die auf Mythen zielt, die an die Reichsidee und ein mittelalterliches Deutschland gepaart mit dem Nationalismus vieler Gruppen anschließen: „ein Historismus, der sich seiner selbst nicht bewußt ist“[5].
Die Idee des »Dritten Reichs« stamme nicht von Hitler, sondern von Arthur Moeller van den Bruck. Moeller war es auch, der 1922 die Außenpolitik des Dritten Reichs unter dem Titel Sozialismus und Außenpolitik formulierte. Ein Jahr später spreche Moeller van den Bruck vom Anbruch des deutschen Zeitalters. Mayer nennt auch Ernst von Salomons Buch über die Freicorps, Die Geächteteten (Berlin 1930), das 1931 in Paris unter dem Titel Les réprouvés erschien. Mayer zitiert Hermann Rauschning, der das Fehlen eines Programms und fester Werte feststellte. Auch Nihilisten gelinge es, so Mayer, eine Zauberformel anzuwenden. Folgerichtig negiere der Nationalsozialismus alle Formen der Differenzierung in der Gesellschaft; Hierarchien ebne er vordergründig ein, um sie im nationalsozialistischen Staat nur umso stärker wieder entstehen zulassen. Gleichschaltung ist das Stichwort. Dieser geistige deutsch-französische Austausch noch Ende der 30er Jahren auf diesem Niveau wäre eine eigene Untersuchung wert.
Zu dem Erklärungsansatz Mayers gehört der Hinweis, dass Hitler es wohl verstanden hat, die vielen Gruppierungen „Bloße Ideologie und sektiererische Verschwörung“ (S. 239) zu einen, hatte ihm doch der gescheiterte Putsch von 1923 in München die negativen Aspekte geheimbündlerischer Aktionen aufgezeigt.
Auf der Spurensuche nach dem Nationalismus hitlerscher Prägung verzeichnet Mayer den vollständigen Bruch der Nationalsozialisten mit den führenden Schichten der Weimarer Republik. Hitler wendet sich gegen die Parteien; „das Individuum wird dem bürgerlichen, zivilen Leben entrissen“ (S. 534). In einem Halbsatz bringt Mayer seine ganze Empörung auf den Punkt und deutet nebenher, wie trotz der Niedertracht der „Bewegung“ ihr Erfolg zustande kam: „ … es (i.e. das Individuum) ist als Empörer mit anderen Empörten verbunden.“ (ib.) Gleichzeitig werde der bürgerliche Nationalismus aus der Vorkriegszeit negiert.
Mayers These lautet, der integrale Nationalismus der Kriegsheimkehrer wende sich zu den ersten Bünden, die Anfang des 19. Jh. die nationale Idee in Deutschland gestalteten. Mayer kann der Ansicht, Hitler habe sich nordischer, germanischer oder neuheidnischer Mythen bedient, nicht teilen, hingegen zeigt sich Mayer überzeugt, dass Mythen der deutschen Geschichte, die an die Reichsidee oder an das mittelalterliche Deutschland anknüpften „bedeutungsvoller“ waren.
Es folgt als Hauptteil des Vortrags zum Nationalgefühl von seinem Erwachen bis 1871 (S. 535-546), mit dem Mayer die Anfänge des „Integralen Nationalismus in Deutschland“ (S. 549) darstellen wollte. Er unterstreicht mit Nachdruck den Unterschied zwischen Kulturnation und Staatsnation. Nach einer wechselvollen Geschichte vollziehe sich 1807 nach der Schlacht von Jena und dem Frieden von Tilsit, so Mayer, der Wandel vom Kampf um die Kultur zum Kampf um den deutschen Nationalstaat. Aus diesem Jahr stammt auch der „Tugendbund“ mit Stein, Scharnhorst, Gneisenau u. a. In diesem Umfeld entstand das Freikorps des Majors Ferdinand von Schills (1776-1809) und sein Versuch, Stralsund zu erobern, den er mit dem Leben bezahlte. Es entstanden weitere Bünde, alle mit dem Ziel, Deutschland von fremder Herrschaft zu befreien, wie die „Deutsche Gesellschaft, auch „Deutscher Orden“ genannt. Die „schwarzen Jäger“ des Generalmajors von Lützow. Ernst Moritz Arndt mit seinem Entwurf einer »teutschen Gesellschaft« (1814) gehörte zu den theoretischen Köpfen dieser Bewegungen.
1815 entstand ein patriotischer Studentenbund unter dem Namen „Burschenschaft“ mit Ablegern in vielen Städten, die die deutsche Frage für sich in den Mittelpunkt rückte. 1818 kam es zu einem Streit um den Nationalismus zwischen den Älteren und dem Anführer der jungen Burschenschaftler, Karl Follen[6] (1796-1840), der sich mit seinem Eintreten für die Revolution und die Republik durchsetzen kann und so künftig den jungen deutschen Nationalismus anführe. Hinter Follen stand eine Art Organisation geeint durch Treue und Verschwiegenheit: darunter die „Unbedingten“ und die „Unbeugsamen“, Karl Ludwig Sand (1795-1820) ist auch mit dabei. Was sie alle einte war ein revolutionäres Eintreten für Demokratie, antifranzösischer, christlicher und antisemitischer Nationalismus, angefacht von der radikalen Kritik an der Französischen Revolution. Mayer unterstreicht „die bizarre Mischung rationaler und irrationaler, liberaler und antiliberaler Begriffe.“ Bei dem Wartburgfest[7] 1817 mit der Bücherverbrennung jüdischer Autoren wurden auch die „Urfeinde eines deutschen Volkssturmes“ (S. 546) verbal angegriffen. Mayer erinnert an die Feme die „eine sehr eigenartige Vorstellung von den Geheimtribunalen der Germanen“ hervorrief.
Die Bewegung scheiterte 1819, als Karl Ludwig Sand am 23. März 1819 August von Kotzebue ermordete.[9] Mit den daraufhin verkündeten Karlsbader Beschlüssen von 23. März 1819 wurde den Burschenschaften und damit ihrem Versuch „einen integralen Nationalismus“ (S. 549) zu fördern, ein Ende gesetzt. Die gleiche Geisteshaltung, mit der Sand mordete, erkennt Mayer bei den Mördern von Rathenau und Erzberger wieder.
Es ist der Nationalliberalismus, der an das Hambacher Fest von 1832 erinnert, der die Politik in der Weimarer Republik kennzeichnet, aber schon begann, so Mayer der Geist von 1819, „der Geist des Unbeugsamen, der Mythen und der direkten Aktion“ (S. 549) sich wieder auszubreiten. Erst nach 1918 beginne, so Mayer, „dieses seltsame Spektakel“: „Die Erhaltung der Energie, diese Rückkehr zu den Riten“, dazu kommt die Jugendbewegung und wieder der Geist von 1819: „der Geist der Unbeugsamen, der Mythen und der direkten Aktion“. (S. 549).
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[1] Das Collège de Sociologie 1937-1939, hg. v. Denis Hollier, Berlin 2012. Zu Benjamins Kritik an den Vertretern des Collège de Sociologie: vgl. Gérard Raulet, Kojève, Bataille, Caillois und das Collège de sociologie. Antifaschisten, welcher Art? Die Mimesis als politische Waffe, in: Das befristete Dasein der Gebildeten. Walter Benjamin und die französische Intelligenz, Konstanz 2020 (235-281). Das Collège de Sociologie entstand als Idee Anfang 1937 und existierte dann von November 1927 bis Juli 1939. Die Idee zu seinem Namen geht ging auf Jules Monnerot zurück: man wollte Soziologie nicht lehren, „sondern sie weihen … sakralisieren“, so Dennis Hollier in seiner Einleitung zu dieser Sammlung von Vorträgen, die in diesen beiden Jahren im Collège de Sociologie gehalten wurde. Zum Leitungsgremium gehörten Georges Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois. Im zweiten Jahr wurden außer René Guastalla, Pierre Klosowski, Denis de Rougemont u. a. auch Jean Paulhan und Hans Mayer zum Vortrag im Hinterzimmer der Rue Gay-Lussac, Hausnummer 15, eingeladen. Die Veranstaltungen waren öffentlich: Eintrittspreis 4 Fr. [2] Hans Mayer, Die Riten der politischen Geheimbünde im romantischen Deutschland, in: Denis Hollier, Hg., Das Collége de Sociologie, a. a. O (521-550)., hier: S. 526. [3] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen, Band I, Frankfurt/Main ²1982, (236-242), vgl. im Folgenden, S. 241 ff. [4] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf, a. a. O., S. 242. [5] Hans Mayer, Die Riten, S. 525. [6] Zur Rolle von Karl Follen, vgl. Hans Mayer, Georg Büchner und seine Zeit, Frankfurt/M 1972, S: 122 und ders., Georg Büchner und seine Zeit, Wiesbaden 1946, S, 136 f., In Jena wurde 1815 die erste Burschenschaft gegründet. Neben dem Hass auf Frankreich entwickelte sie auch einen ausgeprägten Antisemitismus bei der Frage, ob jüdische Studenten aufgenommen werden sollten Vgl.: Ulrich Wyrwa, Deutsche Burschenschaften, in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bad 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen, Berlin/Boston 2012 (138-140), S. 138: „Maßgeblichen Eindruck hatten nicht nur die deutsch-völkischen Stichwortgeber Friedrich Ludwig Jahn und Ernst Moritz Arndt sowie der Philosoph Johann Gottlieb Fichte hinterlassen, sondern auch der in Heidelberg lehrende Philosoph Jakob Friedrich Fries und der in Berlin tätige Historiker Friedrich Christian Rühs, die beide durch ihre vehemente Judenfeindschaft hervorgetreten sind. Innerhalb der deutschen Burschenschaften war es paradoxerweise vor allem die demokratische Gießener Gruppe unter Karl Follen, die sich am stärksten gegen die Aufnahme von jüdischen Studenten stemmte.“ [6] Dazu: Ulrich Wyrwa, Deutsche Burschenschaften, a. a. O. S: 139:„Zu einem antijüdischen Eklat kam es auf dem von den Burschenschaften initiierten Wartburgfest im Oktober 1817 zur Feier des 4. Jahrestages der Schlacht von Leipzig und zum Gedenken an die Reformation vor 300 Jahren, auf dem Bücher jüdischer Autoren unter begeisterten Zurufen christlich-deutscher Studenten verbrannt wurden.“ Vgl. auch Alexandra Kurth, Männer – Bünde – Rituale, Frankfurt/New York, bes. Kap.4: „Korporationen im 19. Jahrhundert: Vom Urburschenschaftler zum Corpsstudenten als „Idealbild des wilhelminischen Kaiserreiches“, S. 83-119 und Kap. 5: „Verbindungsstudentische Männerbünde als Protagonisten der völkischen Antimoderne im 19. und 20. Jahrhundert Antisemitismus S. 12-135, bes. 5.1. Antisemitismus; S. 122-128. [7]Vgl. dazu auch: Jost Hermand, Der alte Traum vom neuen Reich. Völkische Utopien und Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1988, S. 42.
Heute erreichte uns ein Brief von Mona und Kim, der Enkel Walter und Dora Benjamins aus London. In dem nachfolgenden Statement nehmen sie Stellung zu der geplanten Initiative des neuen rechten Bürgermeisters (RN) in Perpignan das Kulturzentrum „Walter Benjamin“ für seine Strategie der Entdiabolisierung zu instrumentalisieren:[1]
„Bitte entschuldigen Sie die Verzögerung bei unserer Kontaktaufnahme mit Ihnen bezüglich der Angelegenheit Louis Aliot und seines Vorschlags zur Wiedereröffnung des Centre d’Art Contemporain Walter Benjamin in Perpignan unter seinem Mandat als Bürgermeister.
Es hat einige Zeit gedauert, darauf zu antworten, weil es uns, ehrlich gesagt, die Sprache verschlagen hat. Es ist eher eine Untertreibung zu sagen, dass die Vorstellung, dass der Name unseres Großvaters benutzt wird, um die Ideale und Ideen der extremen Rechten zu fördern, uns mit Schrecken erfüllt.
Aliot und das Rassemblement National stehen für alles, wogegen unser Großvater, aber auch unsere Großmutter Dora Benjamin und unser Vater Stefan emotional, politisch und intellektuell waren.
Allein die Vorstellung, dass unser Familienname benutzt werden könnte, um die Überzeugungen der extremen Rechten zu zelebrieren und zu propagieren, ist ein Affront gegen die Geschichte unserer Familie und gegen die kollektive Geschichte all jener, die für eine bessere Welt, für Fairness und für die Rechte aller gekämpft haben und weiterhin kämpfen.
Das macht uns krank. Seien Sie versichert, dass wir in Ihrem Protest gegen diesen Vorschlag an Ihrer Seite stehen, und wenn es irgendetwas gibt, was wir tun können, irgendeine Maßnahme, die wir ergreifen können, ob klein oder groß, würden wir gerne helfen. Wir müssen das.
Unser Vater wäre voll Zorn und Verzweiflung über diese jüngsten Entwicklungen gewesen und hätte dafür gekämpft, den Namen seines Vaters davor zu schützen, auf diese Weise benutzt zu werden.“
(Übersetzung: HB)
[1] Siehe den Beitrag vom 7. Juli auf dieser Seite
“Please accept our apologies for the delay in getting in touch regarding the matter of Louis Aliot and his proposal to re-open the Centre d’Art Contemporain Walter Benjamin in Perpignan under his mayorship.
It has taken us some time to reply because, in all honesty, we are at a complete loss for words. To say that the thought of our grandfather’s name being used to promote the ideals and the ideas of the far right fills us with horror is an understatement.
Aliot and the Rassemblement National stand for everything that our grandfather, as well our grandmother, Dora Benjamin, and our father, Stefan, were against, emotionally, politically and intellectually.
The very notion that our family name might be used to celebrate, and propagate, the beliefs of the extreme right is an affront to our family’s history and to the collective history of all those who have fought, and who continue to fight, for a better world, for fairness and for the rights of all.”
It sickens us. Please know that we stand with you in your protest against this proposal and if there is anything that we can do, any action that we can take, small or large, we would like to help. We must.
Our father would have been filled with anger and distress at these latest developments and would have fought to protect his father’s name from being used in this way.“
Es ist nie endgültig geklärt worden, aber in seiner schwarzen Aktentasche, die Walter Benjamin auf der Flucht aus Frankreich nach Portbou mit sich trug, hatte er wohl ein Manuskript seiner Thesen »Über den Begriff der Geschichte« bei sich. Der Inhalt dieser Thesen, geschrieben vor 80 Jahren, reicht bis in die aktuelle Gegenwart und Benjamin zeigt sich als brillanter Analytiker der Vorgänge, die sich vor unseren Augen abspielen.
Gedenkstein für Walter Benjamin auf dem Friedhof in Port Bou – Foto: H. B.
Die Ergebnisse der Kommunal-Wahlen in Frankreich kritisieren die herrschende Politik des Präsidenten Macron nachhaltig. Unerwartet werden wesentliche Städte von fortschrittlichen Bündnissen mit Grünen gewonnen oder auch wie in Paris von den Sozialisten gehalten. In Lyon, Marseille, Bordeaux, Straßburg und Grenoble sind Grüne und andere linksgerichtete Kandidaten und Kandidatinnen an der Spitze. Die Regierung tritt zurück und Macron versucht, mit Jean Castex als neuem Premierminister seine geschwächte Position zu festigen. Seine Hauptgegnerin von der „Rassemblement National“ (RN) kann nicht an vielen Orten Fuß fassen, aber als einzige größere Stadt gewannen die Rechten das südfranzösische Perpignan. Dort hat sich Louis Aliot, an der Spitze eines Rechtsbündnisses durchgesetzt. Er präsentiert und repräsentiert in Auftreten und Konzeptionen ein anscheinend in der Mitte der Gesellschaft sich bewegendes „Rassemblement National“.
Seit 2013 gibt es in Perpignan ein Kulturzentrum mit dem Namen Walter Benjamin, der die Stadt wohl in der Endphase seines Exils passiert hat, um nach Port-Vendre zu kommen wo er seine Fluchthelferin Lisa Fittko getroffen hat. Dieses „Centre d´ Art“ hat sich nach einem glorreichen Start 2014 allerdings nicht zu einem renommierten Museum für zeitgenössische Kunst entwickelt. Louis Aliot hat, als neuer Bürgermeister des Ortes, bekannt gegeben, es mit einer neuen Konzeption wiederzubeleben. Er will es zu einem Ort machen, der „der Schöpfung und der Pflicht zur Erinnerung gewidmet ist, mit Einrichtung von Ausstellungen, Konferenzen, Künstlerresidenzen, Schöpfungen vor Ort.“ Zusätzlich will er es zu einem Zentrum machen, das dem jüdischen Gedächtnis, dem Schicksal der Zigeuner und der tragischen Geschichte der spanischen „Retirada“ dient. Das klingt irreal und ist nicht zu glauben, wenn das RN tagtäglich Ausländer und Migranten in all ihren Formen stigmatisiert.
Ein berechtigter Aufschrei der Empörung kommt von linken Intellektuellen, die die Weichwasch-Strategie des RN nur zu klar durchschauen.[1] Es setzt sich fort, was Walter Benjamin in seiner VII. These formuliert hat. „Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die jemals gesiegt haben. … Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter.“[2] Es gilt also, die Vereinnahmungs-Strategie des Herrn Aliot genau zu verfolgen und „gegen den Strich zu bürsten“ um „das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen“.[3] Benjamins Thesen sind, um mit Hans Mayer zu sprechen, keine Absage an das utopische Denken. Der Engel der Geschichte blickt zurück. „Die Hoffnung liegt im Vergangenen“ mit dessen Kenntnis der Aufbruch in die Zukunft erfolgen muß.[4]
[1] Siehe den nachstehenden Aufruf: Offener Brief vom 30. Juni 2020. [2] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, GS, Bd I. 3, S.696 [3] A.a.O., S.702 [4] Hans Mayer, Der Zeitgenosse Walter Benjamin, Frankfurt am Main 1992, S.77
Nachtrag 1:
Die Akademie der Künste wendet sich nachdrücklich gegen die Vereinnahmung des Gedenkens an Walter Benjamin durch die französische Rechte. Sie erklärt sich solidarisch mit dem Brief der französischen Intellektuellen, der am 30. Juni in „Le Monde“ veröffentlicht worden ist:
Pressemeldung der Akademie der Künste vom 03.08.2020:
Die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten
hat sich auch mit einer Stellungnahme zu dem Thema geäußert:
Berlin, 08.07.2020
Verkehrte Welt? Gegen den politischen Missbrauch des Gedenkens an Walter Benjamin
Wer zur Zeit nach Perpignan blickt, muss mit Verblüffung erleben, dass ein wichtiger Vertreter der extremen Rechten, Louis Aliot, neu gewählter Bürgermeister der Stadt, ehemaliger Lebensgefährte von Marine LePen und Vizepräsident des Rassemblement National (RN) das gegenwärtig geschlossene Walter-Benjamin-Zentrum für zeitgenössische Kunst möglichst bald wiedereröffnen will. Was verbindet Louis Aliot und den RN mit dem deutsch-jüdischen Schriftsteller und Emigranten Walter Benjamin? Kurz gesagt: Nichts!
Walter Benjamin, der als deutscher Jude und Antifaschist schon 1933 nach Frankreich fliehen musste, konnte dank der Unterstützung der antinazistischen Emigration in Frankreich überleben. Als der deutsche Faschismus Polen überfiel, wurde er gemeinsam mit mehreren tausend deutschen Emigranten als „feindlicher Ausländer“ von der konservativen Regierung knapp drei Monate in Frankreich interniert. Im November 1939 aus dem Internierungslager entlassen flüchtete Benjamin nach Lourdes, von wo er zunächst weiter nach Marseille reiste, bevor er im September 1940, nach dem deutschen Überfall auf Frankreich und der Etablierung des Vichy-Regimes im „unbesetzten Teil“, versuchte, über Spanien nach Portugal zu fliehen und von dort mit einem USA-Visum auszureisen. Zwar gelang ihm mit Hilfe von französischen Antifaschisten bei Portbou der Grenzübertritt nach Spanien. Aus Angst vor einer Auslieferung an die Deutschen nahm er sich jedoch in der Nacht vom 26./ 27. September 1940 das Leben.
Walter Benjamin repräsentiert damit das genaue Gegenteil der politischen und kulturellen Positionen und der historischen Bilder, für die französische Rechte in Form des Rassemblement National (RN) bis heute steht.
Vollmundig kündigte Louis Aliot an, aus dem Kulturzentrum solle ein Dokumentationszentrum über Flucht und Vertreibung werden. Jüdische Flüchtlingsschicksale sollten hier genauso beschrieben werden wie die der spanischen Republikaner, die gegen Franco kämpften und nach Frankreich fliehen mussten. Auch der Sinti und Roma solle gedacht werden. Was so respektabel klingt, hat nur einen einzigen Zweck: Der RN solle salonfähig werden und den „rechtsradikalen, antisemitischen, fremdenfeindlichen Mief“ loswerden, wie Jürgen Ritte, Literaturwissenschaftler an der Sorbonne-Nouvelle, betont.
Die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten, die Dachvereinigung von Organisationen ehemaliger Widerstandskämpfer, Partisanen, Angehörigen der Anti-Hitler-Koalition, Verfolgten des Naziregimes und Antifaschisten heutiger Generationen aus mehr als zwanzig Ländern Europas und Israels verurteilt dieses unwürdige Schauspiel des RN und die Instrumentalisierung von Walter Benjamin.
Die FIR setzt sich mit ihren Mitgliedsverbänden in Frankreich und anderen Ländern seit Jahrzehnten für ein angemessenes Gedenken an alle antifaschistischen Kämpfer und Verfolgte der faschistischen Terrorregime ein. Sie fordert von der französischen Regierung, ein würdiges Gedenken an Walter Benjamin zu gewährleisten. Dabei unterstützt sie den Appell französischer Intellektuelle, die sich in der Tageszeitung „Le Monde“ in einem offenen Brief gegen die Pläne von Louis Aliot und dem RN positioniert haben.
»Auch die Toten werden, vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein.« Für Walter Benjamin
Offener Brief
Knapp 80 Jahre trennen uns von diesen Worten, die heute unheilverkündend klingen.
Nach dem „escape game“ (Fluchtspiel) Portbou’s getreu dem Motto „Rettet Walter Benjamin“ – einem obszönen Rollenspiel, das die Teilnehmer einlud, seine letzten Tage noch einmal zu erleben – folgt nun die dunkle, viel ernstere Zeit einer ganz anderen Ordnung, die Zeit einer neuen Instrumentalisierung des Schicksals des deutschen Philosophen, der sich umgebracht hat, um dem Nationalsozialismus zu entkommen. Ein Verrat ganz anderen Ausmaßes.
In der Tat entdecken wir an der Wende im Programm von Louis Aliot, Abgeordneter des „Rassemblement National“( Nachfolgeorganisation des Front National, CWA) und Kandidat „ohne Etikett“ für das Rathaus von Perpignan, – nicht ohne Schaudern -, seinen erklärten Willen, das „Kunstzentrum Walter Benjamin“, das derzeit geschlossen ist, wieder zu eröffnen, um es zu einem Ort zu machen, der „der Schöpfung und der Pflicht zur Erinnerung gewidmet ist (Einrichtung von Ausstellungen, Konferenzen, Künstlerresidenzen, Schöpfungen vor Ort…)“. Werden wir es zulassen, dass Walter Benjamin zur Beute, zur Trophäe, zur Kriegsbeute wird, in dem gewaltigen Versuch der Entdämonisierung des „RN“, der zu diesem Zweck nicht zögert, sich zusätzlich zum jüdischen Gedächtnis, des Schicksals der Zigeuner und der tragischen Geschichte der spanischen „Retirada“ (Der Flüchtlinge des spanischen Bürgerkriegs. CWA) zu bemächtigen?
Erinnerung und Geschichte verpflichten. Sie verpflichten uns, und erinneren daran, dass sich die Partei von Herrn Aliot im Erbe der nationalistischen, politischen Bewegungen befindet, vor denen Benjamin in den 1930er und 1940er Jahren zuerst in Deutschland, dann in Frankreich und in Europa gezwungen wurde zu fliehen, die ihn verfolgten und gegen die er immer wieder aufstand. Einer unter vielen anderen „Namenlosen“, der für sie Zeugnis ablegen muß.
Es ist dringend notwendig, sich ihrer und ihrer Kämpfe zu erinnern und in unserer Gegenwart dieses schreckliche Urteil in vollem Umfang zu ermessen: »Auch die Toten werden, vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.« [W.B. Über den Begriff der Geschichte, (1940) GS I.1, S. 695]
Es ist dringend notwendig ihnen den Namen Walter Benjamin zu entreißen – um ihn zu schützen – vor den Händen der äußersten Rechten und all derjenigen, die die Geschichte der Unterdrücker von gestern umschreiben wollen, während sie Ausländer und Migranten in all ihren Formen stigmatisieren.
Wir sind davon überzeugt, dass die Erinnerung an das, was sich in Port Bou, nur einen Steinwurf von Perpignan entfernt, abgespielt hat, für Walter Benjamin wie für so viele andere, uns dazu verpflichtet, mit größter Eindeutigkeit zu reagieren. „No pasaran!“ [„Sie kommen nicht durch“: Parole der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg. CWA)]
In diesem Geist des Widerstands gegen alle Formen des Vergessens und der Manipulation unseres kollektiven Gedächtnisses, widersetzen wir uns entschieden und mit allen verfügbaren Mitteln, dagegen, dass der Name Walter Benjamins während der Legislaturperiode eines Bürgermeisters des „Rassemblement National“ im Zusammenhang mit der Wiedereröffnung eines Kunstzentrums in Perpignan in Verbindung gebracht wird.
(Übersetzung Claudia Wörmann-Adam)
Juni 2020
Liste der ersten Unterzeichner und Unterzeichnerinnen:
Michael Löwy, Philosoph
Enzo Traverso, Philosoph
Eric Fassin, Soziologe
Anatoli Wassiljew, Regisseur
Natacha Isaeva, Übersetzerin, Dramatikerin
Pippo Delbono, Regisseur
Mari-Mai Corbel, Schriftstellerin
Jean-Marc Adolphe, Journalist, Essayist
Marie José malis, Regisseurin, Theaterregisseurin
David Bobée, Regisseur, Theaterregisseur
Ronan Chenaud, Schriftsteller, Dramatiker
Benjamin Stora, Historiker
Etienne Balibar, Philosoph
Yves Chemla, Literaturprofessor
Katerina Thomadaki, Filmemacherin, bildende Künstlerin, ehemalige außerordentliche Professorin an der Universität Paris I-Sorbonne
Loc Touzé, Choreograf
Michael Riot-Sarcey, Historiker
Maurizio Gribaudi, Historiker
Ludivine Bantigny, Historiker
André Gunthert, Historiker
Patrick Boucheron, Historiker
Paul B. Preciado, Philosoph
Eliane Baumfelder, pensionierte Lehrerin
Francoise Morvan, Übersetzerin, Schriftstellerin
Nicole Lapierre, Anthropologin, Soziologin
André Markowicz, Übersetzer, Dichter
Marie José Mondzain, Philosophin
Jean-Louis Comolli, Filmemacher, Schriftsteller
Francoise Armengaud, Philosophin
Nathalie Raoux, Historikerin
Madeleine Claus, Lehrerin, Schriftstellerin
Bruno Tackels, Philosoph
Emmanuel Faye, Philosoph
Maria Maillat, Schriftstellerin
Anne Roche, Philosophin
Marc Berdet, Philosoph
Héléne Peitavy, Künstlerin
Olivier Moulai, Videofilmer.
Wer den offenen Brief unterzeichnen möchte, wende sich bitte an die nachfolgende Adresse:
Ein Blick in das Denkmal für Walter Benjamin und die „Namenlosen“ am Friedhof in Port Bou, geschaffen von Dani Karavan. – Foto: HB
Der offene Brief in französischer Fassung:
«Si l’ennemi triomphe, même les morts ne seront plus en sûreté» Pour Walter Benjamin.
Lettre ouverte
80 ans à peine nous séparent de ces mots – qui résonnent aujourd’hui d’une sinistre manière.
Après l’escape game de Portbou « Sauvez Walter Benjamin » – un jeu de rôle obscène qui invitait les participants à revivre ses derniers jours –, voici venu le sombre temps, beaucoup plus grave, d’un tout autre ordre, le temps d’une nouvelle instrumentalisation du destin du philosophe allemand qui s’est donné la mort pour échapper au nazisme. Une trahison d’une toute autre portée.
En effet, au détour du programme de Louis Aliot, député du Rassemblement national, et candidat “sans étiquette” à la mairie de Perpignan, on découvre non sans frémir sa volonté de réouvrir le « centre d’art Walter Benjamin », aujourd’hui fermé, pour en faire un lieu dédié « à la création et au devoir de mémoire (mise en place d’expositions, de conférences, de résidences d’artistes, création in situ …).” Laisserons-nous Walter Benjamin devenir un butin, un trophée, une prise de guerre dans la vaste tentative de dédiabolisation, puis de normalisation du Rassemblement national, qui dans ce but n’hésite pas à évoquer, outre la mémoire juive, les gitans et l’histoire tragique de la retirada espagnole ?
Mémoire et histoire obligent. Elles nous obligent à rappeler et à nous rappeler que le parti de Monsieur Aliot se situe dans l’héritage des mouvements politiques nationalistes qui, dans les années 1930 et 1940, en Allemagne d’abord, puis en France en Europe, ont contraint Benjamin à fuir, l’ont persécuté et contre lesquels il s’est toujours dressé. Un parmi tant d’autres « sans nom » et qui doit témoigner pour eux.
Il est urgent de se souvenir d’eux, de leurs combats, et de prendre la pleine mesure dans notre présent de cette phrase terrible : « Si l’ennemi triomphe, même les morts ne seront pas en sûreté. Et cet ennemi n’a pas fini de triompher. »
Il est urgent d’arracher le nom de Walter Benjamin – pour le mettre en sûreté – des mains de l’extrême-droite et de tous ceux qui réécrivent l’histoire, une fois encore, à l’encre des oppresseurs d’hier tandis qu’ils stigmatisent, sous toutes ses formes, l’étranger et le migrant.
Nous sommes convaincus que la mémoire de ce qui se joua à Portbou pour Walter Benjamin comme pour tant d’autres, à quelques encablures de Perpignan, nous oblige à réagir avec la plus grande netteté. No pasaran. C’est dans cet esprit de résistance à toutes les formes de l’oubli et de la manipulation de notre mémoire collective que nous nous opposons fermement , et par tous les moyens disponibles, à ce que le nom de Walter Benjamin soit associé à la réouverture d’un centre d’art à Perpignan, sous la mandature d’un maire appartenant au Rassemblement national.
Rolf Hochhuth ist tot. Er war ein unbequemer, widerspruchsvoller Geist. Seit seinem großen Erfolg »Der Stellvertreter« widmete er sich für Jahrzehnte der Aufklärung von Naziverbrechen und der Benennung der Täter. Mit seiner 1978 erschienen Erzählung »Eine Liebe in Deutschland« löste er eine umfassende Debatte über negative Vergangenheitsbewältigung aus, die zum Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, führte. Der von Hochhuth als »Hitlers Marine-Richter« bezeichnete Filbinger hatte im März 1945 den Matrosen Walter Gröger wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Ein durch Filbinger gegen Hochhuth eingeleiteter Rechtsstreit, der mit großer Resonanz in der Öffentlichkeit und den Medien begleitet wurde, führte schließlich am 7. August 1978 zum Rücktritt des Ministerpräsidenten.
Das als »Filbinger-Affäre« bezeichnete Kapitel bundesdeutscher Vergangenheitsbewältigung ist ein Lehrstück von gleicher Qualität wie die Auseinandersetzungen um den »Stellvertreter«. Mit den einschlägigen Prozess- und Mediendokumenten versehen, kann man dies in dem Buch »In Sachen Filbinger gegen Hochhuth«[1] nachlesen. Eingeleitet wird dieses Buch mit einem im Mai 1978 geschriebenen Essay von Hans Mayer. Dieser stellt „das Grundprinzip allen Schreibens bei Hochhuth heraus: das Ernstnehmen individueller Lebensentscheidungen. Davon aber hatte man allzu lange in der Literatur absehen wollen.“[2] Hochhuth, so Mayer, möchte „demonstrieren, wie das aussieht: Handeln nach der jeweiligen Norm; ohne Mitleid und Furcht. Was heißen soll: ohne Mitleid mit den Mitmenschen, ohne Furcht vor sich selbst. So konnte einer, Hans Filbinger, wie Hochhuth meint, ein «furchtbarer» Jurist werden: mitten im Krieg, also im allgemeinen Töten.“[3]
Als studierter und promovierter Jurist stellt Mayer dann den „schrecklichen Rechtspositivismus des Satzes «Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein», dar. Und kommt anschließend zu den „politischen Irrtümern des Dr. Filbinger …. Eines Politikers der Irrtümer, doch des guten Gewissens“. [4]
Nachdem er seinen Essay mit Shakespeare begonnen hat schließt Mayer mit dem Verweis eines „deutschen Märchen“ schlechthin, mit Wilhelm Hauffs »Das kalte Herz«. Wer den Fall Filbinger neu lesen möchte sei verwiesen auf den spannenden wissenschaftlichen Doku-Roman von Jacqueline Roussety »Wenn das der Führer sähe…«[5]
[1] In Sachen Filbinger gegen Hochhuth – Die Geschichte einer Vergangenheitsbewältigung, herausgegeben von Rosemarie von Knesebeck, Reinbek bei Hamburg 1980 [2] A.a.O., S. 9 [3] ebenda [4] A.a.O., S. 10f [5] Jacqueline Roussety, Wenn das der Führer sähe… von der Hitlerjugend in die Fänge Filbingers, Hamburg 2016
Mit dem „Aus“ für das »Bücherjournal« zum Dezember 2020 legt der NDR die Axt an die Wurzel seiner Legitimation. Was den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk vom Privatrundfunk unterscheidet, ist sein Bildungs- und Kulturauftrag. Die Realisierung dieses Auftrages sichert dem Rundfunk über die Gebührenzahlung der Bürgerinnen und Bürger seine Existenz.
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk wird im Auftrag der Gesellschaft veranstaltet. Die Bürgerinnen und Bürger sind es, die mit ihren Gebühren den Rundfunk finanzieren, damit er seinen Auftrag erfüllt. In seinem Urteil vom 4.11.1986 hat das Bundesverfassungsgericht erneut eine essentielle Funktion des Rundfunks für das kulturelle Leben in der Bundesrepublik festgestellt. Es ist also nicht der Rundfunk, der aus seiner Aufgabe heraus eine Mäzenatenfunktion wahrnimmt, sondern, wenn überhaupt, ist es die Gesellschaft, sind es die Bürgerinnen und Bürger, die sich einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk leisten. Programme, wie sie der öffentlich-rechtliche Rundfunk zur Wahrnehmung seines Kulturauftrages veranstaltet, sind also keine freiwilligen Leistungen eines Mäzens, sondern eine Pflichtleistung im Auftrag der Gesellschaft.
Der Verfassungsrechtler Prof. Dieter Grimm hat bereits 1983 in einem Vortrag zum „Kulturauftrag im staatlichen Gemeinwesen“ exemplarisch für den Rundfunk folgendes ausgeführt: „Aus der Zugehörigkeit des Rundfunks zur Kultur folgt die Notwendigkeit einer kultur-rechtlichen Interpretation der Rundfunkfreiheit….Als kulturelle Freiheit bezieht sich Rundfunkfreiheit auf das Programm und seine spezifisch publizistische Ausdrucksform. Dagegen sind kulturelle Freiheiten weder wirtschaftliche Freiheiten noch garantieren sie regelmäßig private Strukturen. Eine den kulturrechtlichen Anforderungen entsprechende Rundfunkordnung muss ein kulturell angemessenes Programm gewährleisten. Dazugehört sowohl die Vermittlung kultureller Grundlagen von Person und Gesellschaft als auch ein zugänglicher Anteil kultureller Sendungen im engeren Sinne“.
Der Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und auch ehemalige Rundfunkredakteur Hans Mayer hat in weit über 100 Literatursendungen des NDR zum kulturellen Profil des Senders wesentlich beigetragen. Neben dem literarischen Lebenswerk als Autor und dem pädagogischen Lebenswerk als Hochschullehrer kann man die rundfunkpolitische Tätigkeit als drittes Lebenswerk Hans Mayers bezeichnen.
Im Dezember 1991 hat Hans Mayer zur 150. Veranstaltung der Traditionsreihe »Autoren lesen im Funkhaus«, als Jubiläumsredner gesprochen. Fast vorausschauend formulierte er zum Schluss seiner Rede sinngemäß über den Zerfallsprozess der einstmals produktiven Kulturen in Deutschland: der Adelskultur, die sich bereits im neunzehnten Jahrhundert in Relikten verlor; der jüdischen Kultur, die nach 1933 vertrieben und vernichtet wurde; der proletarischen Kultur, die sich nie von den Schlägen erholte, die Hitler ihr zufügte; schließlich der bürgerlichen Kultur, die teils zustimmend, teils ohnmächtig ihre Selbstzerstörung erlebte und deren letzte Reste unter den heutigen Bedingungen einer Wegwerfgesellschaft kaum noch kenntlich sind.
In einem Brief an den Intendanten des Norddeutschen Rundfunks, Joachim Knuth, fordert Heinrich Bleicher-Nagelsmann, der Vorsitzende der Hans-Mayer-Gesellschaft, diesen auf, von der Abschaffung des »Bücherjournals« Abstand zu nehmen.
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Der Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di hat eine Aktion auf change.org gestartet: eine virtuelle Unterschriftenliste. Den Aufruf kann man hier unterschreiben und auch weiterverbreiten. Link http://chng.it/WpvXJWVn
Im Auftrag des Intendanten Joachim Knuth hat Herr Beckmann vom NDR geantwortet:
Sehr geehrter Herr Bleicher-Nagelsmann,
vielen Dank für Ihre E-Mail vom 14. Mai 2020, in der Sie Ihr Bedauern darüber äußern, dass das „Bücherjournal“ eingestellt wird. Herr Knuth hat mich gebeten, Ihnen zu antworten, was ich gerne mache. Auch uns ist diese Entscheidung nicht leicht gefallen. Der Norddeutsche Rundfunk muss jedoch in den kommenden Jahren Einsparungen und Kürzungen in bisher nicht gekanntem Ausmaß vornehmen und gleichzeitig in die digitale Zukunft geführt werden. Dazu muss auch die Kultur einen Beitrag leisten, der übrigens – auch prozentual betrachtet – wesentlich geringer ist als zum Beispiel der Beitrag der Unterhaltung.
Es ist jedoch nicht unsere Absicht, durch die Einstellung der Sendung „Bücherjournal“ Ende dieses Jahres den Stellenwert der Literatur im NDR zu mindern. Das Gegenteil ist der Fall. Unser Ziel ist es aber, dass Literatur-Angebote zukünftig von mehr Menschen gesehen, gehört und gelesen werden, als dies jetzt der Fall ist. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass das „Bücherjournal“ als lineare Fernsehsendung, sechsmal im Jahr ausgestrahlt, zu wenig Menschen erreicht, mit fallender Tendenz. Deshalb haben wir entschieden, diese Form des Angebots künftig bleiben zu lassen und uns auf neue Wege der Kultur- und Literaturvermittlung zu begeben.
Dafür wird es in der Sendung „DAS!‘ einmal monatlich einen Buchtipp für Belletristik geben, in dem auch Bücher jenseits von Bestsellerlisten vorkommen. Darunter werden auch solche Beiträge sein, die bisher noch im „Bücherjournal“ laufen. Diese Rubrik wird auch bei NDR 2 und online zu finden sein. Außerdem wird „DAS!“ einmal pro Woche ein Buch und den*die Autor*in in den Mittelpunkt der Sendung stellen. Damit erreicht der NDR pro Ausstrahlung ungefähr eine halbe Millionen Menschen. In der von Julia Westlake moderierten Sendung „Kulturjournal“ wird es weiterhin auch um Bücher und Literatur gehen. Inhalte wie „Das Buch des Monats“ werden multimedial verbreitet und sind in der Mediathek jederzeit auffindbar.
Zudem wird der NDR dieses Jahr erstmalig einen großen Büchertag in Hörfunk, Fernsehen und Online anbieten, orientiert an der Idee der erfolgreichen Veranstaltungsreihe „Der Norden liest“. Bekannte und unbekannte Autor*innen stellen dabei ihre Bücher vor.
Außerdem entwickelt der NDR in seinem Innovationslabor THINK RADIO derzeit einen neuen Bücher- und Literaturpodcast, der ab dem 12. Juni 2020, ab 16:00 Uhr abrufbar sein wird. Das Format soll aktuelle Bücher sowie deren Auto*rinnen mit ihren Themen auf innovative Weise einem breiten Publikum nahebringen.
NDR Kultur beschäftigt sich täglich mehrmals mit Literatur in den Sendungen „Am Morgen vorgelesen“, werktags, 8:30 – 9:00 Uhr, „Am Abend vorgelesen“, werktags, 22:00 – 22:30 Uhr und der „Sonnabend-Story“, sonnabends, 8:30 – 9:00 Uhr.
Die Rubrik „Neue Bücher“ läuft werktags, 12:40 Uhr. „Stoltenberg liest“ dienstags um 7:20 Uhr und 12:40 Uhr. Jeden ersten Sonnabend im Monat präsentiert NDR Kultur von 18:00 bis 19:00 Uhr „BücherLeben“. Auch im „Sonntagsstudio“ von 20:00 bis 22:00 Uhr bringt NDR Kultur die Literatur in den Norden.
Zurecht verweisen Sie – Ihrem Stiftungsauftrag folgend – auf die Hervorbringungen von Hans Mayer für den Hörfunk. Gerne gebe ich Ihren Hinweis an die Kolleg*innen weiter.
Ich hoffe, dass Sie für unsere Entscheidung Verständnis haben, auch wenn Sie sie nachvollziehbar bedauern.
„In Deutschland nahmen die Arbeitslosigkeit und die Streiks dramatisch zu, es häuften sich die Straßenkrawalle. Knapp zwei Monate vor Nexös Geburtstag hatte Berlins SPD-Polizeipräsident Karl Zörgiebel die Maidemonstrationen untersagt. Als sich die Kommunisten über das Verbot hinwegsetzten, ließ Zörgiebel auf die demonstrierenden Arbeiter schießen. 31 Tote, auch zufällige Passanten, Hunderte Verletzte und Verhaftete waren die traurige Bilanz. Bald nach dem Geburtstag entschloß sich Nexö, seinen Wohnsitz am Bodensee aufzugeben und nach Dänemark zurückzukehren.“[1] Dort hatte man den 60. Geburtstag des „verlorenen Sohnes“ und ehemaligen Sozialdemokraten von Seiten der regierenden dänischen Sozialdemokratischen Partei mit großem Aufwand gefeiert. Auch aus Rußland trafen Glückwünsche ein und Alexandra Kollontai, die sich gerade in Oslo aufhielt, meldete sich ebenfalls. Im September 1931 reiste Nexö auf Einladung des Staatsverlages für Belletristik nach Moskau.
Bereits im Juni 1912 hatte Lenin die »Prawda« aufgefordert, den Roman „der aus der Feder des bekannten dänischen Schriftstellers Nexö, den die ernste sozialistische Presse den skandinavischen Gorki nennt“ zu veröffentlichen. Beim Besuch in Leningrad wandelte man den Vergleich Lenins um und behauptete, die Stärke und Bedeutung des Romans »Pelle«[2] verdanke der Autor „einzig und allein dem Einfluß Gorkis, der den proletarischen Entwicklungsroman geschaffen habe.“[3] Diese Behauptung erbitterte den Dänen ebenso wie die, er habe im wesentlichen Werke der Autobiographie geschrieben.
In seinem Essay »Martin Andersen Nexö, Pelle der Eroberer«[4] stellt Hans Mayer fest: „Anderson Nexö hatte Recht. Nur eine Betrachtung, die sich mit der bloßen Romanfabel, der Stoffwelt in einem engen Sinn, zu begnügen pflegt, konnte den Dänen … zum »Schüler« Gorkis machen. … Nur scheinbare Übereinstimmung der Themen bei beiden: die Entwicklung der dänischen und der russischen Arbeiterbewegung um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. … Streiks und Aussperrungen, kraftlose Ohnmacht von Erniedrigten und Beleidigten, dann aber Genossenschaft, Organisation, siegreiche Vereinigung. “[5]
Umfassend, über Jahrzehnte und detailliert erzählt Nexö das Werden der Arbeiterbewegung mit Niederlagen und Siegen, dem Leiden und Kämpfen. Prägend und eindringlich werden auch beispielhafte Handlungen, Charaktere und identifikationsstiftende Artefakte wie die traditionsreiche „Rote Fahne“ geschildert. „Die Jungen standen schweigend da und starrten die Fahne an, die soviel mitgemacht hatte und gleichsam das heiße rote Blut der Bewegung war. Vor Pelle entrollte sich eine ganz neue Welt. … Wenn er es nun gewesen wäre, der das glühende Tuch gegen die Unterdrücker geschwungen hätte – er.“[6]
Die Kongruenz der Themen, Kämpfe und Entwicklungen betreffen sowohl den 1907 erschienen Roman Gorkis »Die Mutter«, als auch das in diesem Zeitraum geschriebene Buch Nexös »Pelle der Eroberer«. Dass Nexö kein Schüler Gorkis ist – im Geburtsjahr liegen sie nur ein Jahr auseinander – zeigt nach Mayers Darstellung deutlich die „literarische Herkunft“ der Schriftsteller. Die frühe Entwicklung Gorkis sei undenkbar ohne Tschechow. Martin Anderson Nexös Entwicklung müsse in der geistigen Korrelation zu Henrik Pontoppidan[7] gesehen werden. 1917 erhielt dieser den Nobelpreis für Literatur, insbesondere auch für seinen Roman »Hans im Glück«, den sowohl Bloch[8] als auch Lukács[9] schätzten. Übersetzt wurde er für den Leipziger Kippenberg-Verlag durch Mathilde Mann, die für den gleichen Verlag 1912, zwei Jahre später, den zwischen 1906 bis 1910 geschriebenen Roman »Pelle der Eroberer« übersetzte.
Hans Mayer stellt über formale Nachfolge die Frage, worin Nexös Roman dem Vorbild Pontoppidans treu blieb – und worin er sich ihm entzog. „Auch diese Geschichte des Hans im Glück beginnt, wie später jene des kleinen Pelle, in Lebenszuversicht und Erobererstimmung.“ Pelle ist allerdings mehr Typ als Charakter, wie Gorkis »Mutter«. „Er ist dann weit weniger der Knabe und Junge und Mann Pelle, als der „Repräsentant einer langsam und schwerfällig sich emanzipierenden Arbeiterklasse.“[10]
Nach einer Parallelreflektion zum Romanmosaik von Marcel Prousts »Suche nach der verlorenen Zeit« kommt Mayer zu der Schlussfolgerung: „Andersen Nexös Buch bedeutet eine Weiterführung -und gleichzeitig eine Umkonzipierung – der Geschichte vom »Hans im Glück«. Bei Pontoppidian erwies sich der Titel am Ende als traurige Ironie. Pelle wird wahrhaft als Glückskind und Eroberer dargestellt.“[11]
In »Morton der Rote« schreibt Nexö die Geschichte von Pelle und seinem Freund Morton fort. Dort allerdings hat sich Pelle zu einem sozialdemokratischen Minister entwickelt, der nicht mehr mit des Autors Sympathie für »Pelle« versehen und entwickelt wird. Als vom Übergang zum Kommunismus geprägter, auf eine andere Geschichte zurückblickender Mann, gelingt es dem Autor 40 Jahre später nicht, eine organische Verbindung der beiden Romanwerke herzustellen. Mayer stellt fest: „Man muß von einem sonderbaren Vorgang einer Zurücknahme und Umfunktionierung des eigenen Jugendwerkes sprechen.“ Das allerdings tut dem Stellenwert und der Qualität des »Pelle« als eines ausgezeichneten literarischen Werkes über das Werden und den Durchbruch der schwedischen Arbeiterbewegung vor dem 1. Weltkrieg keinen Abbruch.[12]
Die Entwicklung der Sozialdemokratie in Dänemark und auch in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg war natürlich, wie auch die Spaltung der Arbeiterbewegung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zeigt, eine historisch völlig andere Situation als die Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Der stark reformistische Charakter der Sozialdemokratie trieb auch die zwischen SPD und KPD stehenden Sozialisten in der Weimarer Zeit um. In der Zeitschrift »Der Rote Kämpfer – Marxistische Arbeiterzeitung«, die der junge Hans Mayer mit anderen Linkssozialisten in den Jahren 1930 und 1931 herausgab, heißt es in einem Artikel zum 1. Mai 1931: „ Das Erstarken reformistischer Gesinnung in den Reihen des Proletariats, das Anwachsen des kleinbürgerlichen Elements in der SPD verändert völlig den Charakter der Maifeier…. Aus dem Kampftag wurde ein kleinbürgerlicher Festtag. … 1. Mai 1931. Das darf und kann kein Tag sein der beschaulichen Erinnerung und der behaglichen Festesfreude. Eine solche Feier ist ein Hohn auf die wirkliche Lage der Arbeiterschaft.“[13]
[1] Aldo Keel, Der trotzige Däne. Martin Andersen Nexö, Berlin 2004 S. 188f [2] Martin Andersen Nexö, Pelle der Eroberer, Gesammelte Werke Band 1 und 2, Berlin 1951 [3] Keel, Der trotzige Däne, S.193 [4] In: Hans Mayer, Weltliteratur, Frankfurt am Main 1997, S. 310-324 [5] A.a.O., S. 311 [6] Martin Andersen Nexö, Pelle, S. 100 [7] Henrik Pontoppidan (24. Juli 1857-21. August 1942), dänischer Schriftsteller, der vor allem als Erzähler hervortrat. Mit »Hans im Glück«, zunächst zwischen 1898 und 1904 in acht Bänden veröffentlicht, schuf er einen der umfangreichsten und bedeutendsten Romane der dänischen Literatur. Siehe: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Henrik_Pontoppidan (Zugriff: 28.4.2020) [8] Siehe: Ernst Bloch, Literarische Aufsätze, Frankfurt am Main 1965, S. 83-88. Im Netz unter: http://www.henrikpontoppidan.dk/text/seclit/secartikler/bloch.html (Zugriff 29.4.2020) [9] Siehe: Georg Lukács, Theorie des Romans, Darmstadt 1965, S. 96-113 http://www.henrikpontoppidan.dk/text/seclit/secartikler/lukacs.html (Zugriff 29.4.2020) [10] HM, Martin Andersen Nexö, S.315 [11] A.a.O, S.317 [12] Dass dieses Thema auch heute noch Zuwendung und sogar renommierte Preise gewinnen kann, zeigt der 1987 von Bille August produzierte Film, mit dem er 1989 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt. [13] Peter Friedemann / Uwe Schledorn (HG), Aktiv gegen Rechts. Der Rote Kämpfer – Marxistische Arbeiterzeitung 1930-1931, Dezember 1994, S. 94
Zu seinem 60. Geburtstag im März 1967 erhielt Hans Mayer eine von Walter Jens und Fritz Raddatz herausgegebene Festschrift.[1] In ihr enthalten war auch als Erstdruck ein Gedicht von Paul Celan. Es begann mit den Worten
„WEISSGERÄUSCHE, gebündelt,
Strahlen-
gänge
über den Tisch
mit der Flaschenpost hin.“[2]
Hans Mayer verstand das Gedicht als Erinnerung an die erste gemeinsame Begegnung in Wuppertal im Oktober 1957. Es war auf einer Tagung zu dem Thema »Literaturkritik – kritisch betrachtet«, auf der er nicht nur Celan und Ingeborg Bachmann sondern auch Hans Magnus Enzensberger und Walter Jens kennenlernte; Heinrich Böll kannte er schon von einer früheren Begegnung. Er interpretierte es, bezogen insbesondere auf den letzten Vers, als „ein Gedicht wo zwei Juden einander erkennen an den – im geistigen Sinne – Verschlüssen der Gebetsriemen, an den Gelenken.“[3] Die zitierten Anfangszeilen blieben ihm aber verschlossen. Bei einem späteren Treffen in Paris fragte er Celan und der antwortete: „Aber wir haben damals doch in Wuppertal über das Gedicht als Flaschenpost gesprochen. Sie haben da die These von Adorno ʹKann ein Gedicht eine Flaschenpost sein?ʹ diskutiert. Die ʹWeißgeräuscheʹ sind die Papiere, die dort auf dem Tisch hin und her gingen.“[4] Im weiteren Verlauf des Interviews erläutert Mayer dann, dass Celan unter gar keinen Umständen ein „hermetischer“ oder „monologischer“ Dichter sei.
Ausführlich macht Mayer dies in seiner »Erinnerung an Paul Celan«[5] an mehreren Gedichten deutlich. Zur Zeit Mayers als Hochschullehrer in Hannover kam Celan dorthin zu einer Lesung aber auch zur Arbeit mit Studenten bei der Interpretation seiner Gedichte. In seinen Texten suchte er auch immer die Anrede mit Formulierungen wie „hörst du“ oder „weißt du“. Mayer stellt fest: „Celan liebte Genauigkeit.“
Das herausragendste Beispiel dafür ist Celans Büchnerpreis-Rede von 1960.[6] Sie ist nicht leicht zu lesen, aber im Vergleich mit anderen Preisträger-Reden eine der präzisesten Darlegungen über Büchners Verständnis von Kunst sowie über Celans Theorie von Kunst und Dichtung. Den inhaltlichen Anstoß dazu hatte Mayer für Celan im Frühjahr 1960 gegeben, als er vor französischen Germanisten der »École Normale Supérieure« ein Büchner-Seminar gehalten hatte.[7] Zu dem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, einer der Teilnehmer, Paul Celan, den Büchnerpreis bekommen sollte. In seinem Artikel »Paul Celans Büchnerpreis-Rede« macht Mayer wunderbar einleuchtend den Ablauf, Inhalt und Bezug zu Büchners ästhetischer Auffassung deutlich. Darüber hinaus erklärt Mayer überzeugend, dass Celans Rede eine explizite Gegenposition zu der des ersten Büchnerpreis-Trägers Gottfried Benn ist, dessen Namen in der Rede aber überhaupt nicht erwähnt wird. „Wer Celans Ablehnung alles Redens von »monologischer Lyrik« kennt, mitsamt der Marburger Rede Gottfried Benns über Probleme der Lyrik wird die obstinate Wiederholung der Anrede [der Zuhörerinnen und Zuhörer Celans] als folgerichtig empfinden bei einem Lyriker, der auch im Gedicht stets das Du sucht, das Gespräch: Adressaten und Partner.“[8]
Zum letzten Mal hat Mayer Celan bei der Hölderlin-Tagung am 22. März 1970 in Stuttgart gesprochen. Warum der Dichter bald darauf ins Wasser ging, weiß Mayer nicht. Er zitiert aus dem Nachruf des ehemaligen Feuilletonchefs der »Neuen Züricher Zeitung« Werner Webers, zu Celan: »Jetzt hat er das Leben verlassen. Sein Weggehen hat Entsprechungen in seinen Gedichten, wo das Umgangsreden abschwinden mußte, damit die Sprache buchstäblich >zu Wort< kommen kann. Zum letzten Wort an der Grenze des Verstummens.«[9]
Heinrich Bleicher
[1] Hans Mayer zum 60. Geburtstag. Eine Festschrift herausgegeben von Walter Jens und Fritz Raddatz. Reinbek bei Hamburg 1967 [2] Ebenda, S.105 [3] Hans Mayer Interview zu Paul Celan im Gespräch mit Jürgen Wertheimer am 11. März 1997 in: arcadia / Volume 32 (1997) Heft 1 S. 298-300 [4] Ebenda S.298 [5] Dieser Aufsatz findet sich im Band II der Erinnerungen von Hans Mayer (S. 312-328) und textgleich in HM, Zeitgenossen, Frankfurt am Main 1998, S. 122-141 [6]https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/paul-celan/dankrede [7] HM, Paul Celans Büchnerpreis-Rede 1960. »Der Meridian«, in: HM, Zeitgenossen S.142-157 [8] A.a.O., S. 144 [9] HM, Erinnerungen II, S. 327
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